Kein bitterer Appenzellerabend

WIL. Geschlossene Gesellschaft am Gümpelimittwochabend. In die Tonhalle liessen sie nur Ortsbürger und Appenzeller hinein. Natürlich nicht nur den bitteren Appenzeller, sondern auch wasch- und unechte Zweibeinige.

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Der alte und der neue Amtsinhaber: Fulvio Musso (links) zieht der neuen Ehrenbürgerwurst Willi Aurich die Wursthaut über. (Bild: mhu.)

Der alte und der neue Amtsinhaber: Fulvio Musso (links) zieht der neuen Ehrenbürgerwurst Willi Aurich die Wursthaut über. (Bild: mhu.)

Geschlossene Gesellschaft am Gümpelimittwochabend. In die Tonhalle liessen sie nur Ortsbürger und Appenzeller hinein. Natürlich nicht nur den bitteren Appenzeller, sondern auch wasch- und unechte Zweibeinige. Echt war am Bürgertrunk unter dem Motto «Appenzeller Stobete» der Unterhaltungsteil, die Witze von Maria Graf und die Streichmusik der Geschwister Küng. Unecht im Sinne der Originalität war die Siedwurst, das Bier und die zahlreichen Sennen in gelben Hosen.

Die Fraktion des Echten unterstützte wiederum der Appenzeller Alpenbitter, der nebst Wiler Hofwein und Thurbobräu zwar einen schweren Stand hatte, sich aber doch wacker hielt und am Ende doch noch währschaft in die Mägen floss.

Keine «Appezeller Südwoscht»

Die Siedwurst war natürlich keine «Südwoscht», sondern eine echte Wiler Bürgerwurst, da lassen sich die Ortsbürger selbstverständlich nichts vorschreiben. Wie Schmierseife rutschte sie in die Kehlen der Anwesenden, echte Appenzeller eingeschlossen.

Die unechten Appenzeller, aber echten Fasnächtler zog's dann zum Tanz. Die echten Küngs spielten ein Tänzlein ums andere, Schottisch, Wälzerli und Polka, derweil sich die echte Witz-Maria neue Zotigkeiten ausdachte. Mit zunehmendem Abend wurden ihre im echten Appenzeller Idiom vorgetragenen Witze immer frivoler – was das Publikum im steigenden Stimmungspegel sichtlich zunehmend begeisterte.

Echtes Prinzenpaar

Doch der Höhepunkt des Abends war selbstverständlich ein anderer. Nicht der Auftritt des echten Wiler Prinzenpaars, das den rund 125 Wiler Bürgern seine Aufwartung machte. Nicht der Besuch des echten Herolds, auch nicht die Ehrerweisung durch irgendeinen mehr oder weniger prominenten Appenzeller, nein, der mehr als zweihundert Jahre Bürgertrunk kennt seit ein paar Jahren einen ganz besonderen Brauch: Die Ausrufung der Ehrenbürgerwurst. Diese Ehre fällt der Sachlogik folgend einem aus den eigenen Reihen zu.

Werner Warth und Fulvio Musso waren die letzten zwei, heuer traf es einen, der im Stillen schafft und trotzdem nicht ganz unbekannt ist.

Amtseinsetzung

Doch zuerst hatte sich die abtretende Ehrenbürgerwurst ihres Amtes zu entledigen. Musso berichtet aus dem Wurstalltag: «Als Wurst sind einigi Aapassige im Alltag notwendig gsi – min Hund hätt mi ständig wölle schläcke, und wärend dem ganzen Summer han i grossi Böge um d'Füürstelle müesse mache!»

Kunstturnen sei dessen Leidenschaft, kündigte Musso seinen Nachfolger an: «Au dä Fraue isch er angetan – hätt er doch grad vier i sinere Familiä!» Und weiter, jetzt wurde es richtig spannend: «Aber er isch au rich an Ideeä, will er sich für ä guets Wiler Bier iigsetzt hätt. Aber will i au rich a Fantasie bi … will i au rich a Kreativität bi … will i au rich … ehemm … willi aurich, Willi Aurich!» Sagte es und zog der frisch gekürten Ehrenbürgerwurst die Wursthaut über den Kopf.

Krumme im Mund

Willi Aurich, nicht ganz erstaunt über die grosse Ehre, vollzog in Würde seine erste Amtshandlung: Er machte auf der Bühne eine Pirouette im Handstand, zog sich die Zipfelkappe wieder über und steckte sich nach gesalbten Worten des Dankes die echte, aber rauchlose «Krumme» in den Mund.

Autor: Michael Hug

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