Kathi-Frage kommt vor Bundesgericht: Finale Lösung wird auf zwei Ebenen vorangetrieben

Ist das Kathi eine öffentliche oder eine private Schule? Das höchste Schweizer Gericht soll die entscheidende Frage klären.

Hans Suter
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Einblick in den Unterricht an der Mädchensekundarschule St.Katharina in Wil.

Einblick in den Unterricht an der Mädchensekundarschule St.Katharina in Wil.

Bild: Mareycke Frehner

Hat die Wiler Mädchensekundarschule St.Katharina noch eine Existenzberechtigung oder nicht? Vieles deutet darauf hin, dass die seit Jahrzehnten unbeantwortet gebliebene «Kathi-Frage» auf eine finale Entscheidung zusteuert. Und das auf zwei Ebenen parallel: auf der juristischen und der politischen. Denn das Kathi, wie die Schule im Volksmund genannt wird, hat (frei nach Goethe) zwei Seelen in der Brust: Sie gilt einerseits als Bildungseinrichtung erster Güte, ist anderseits aber auch ein emotional diskutiertes Politikum. Die Befürworter wünschen den ewigen Fortbestand dieser «ganzheitlichen Kaderschmiede für junge Frauen», die Gegner die möglichst baldige Schliessung dieser «unfairen, nur Sekundarmädchen zugänglichen Schule».

Vertrag von 1996 bildet weiterhin das Rechtsfundament

Im Jahr 1996 haben das Kloster St.Katharina und der Wiler Stadtrat in einem Schulvertrag neu geregelt, zu welchen Bedingungen Sekundarmädchen der Stadt Wil das Kathi besuchen dürfen. Für die Mädchen ist der Schulbesuch kostenlos, da die Stadt das Schulgeld trägt. Unter anderem ist in diesem Vertrag auch eine Kündigungsfrist von fünf Jahren vereinbart. Unterzeichnet wurde er von Stadtammann Josef Hartmann, dem verstorbenen Vater der heutigen Stadtpräsidentin Susanne Hartmann, der damaligen Parlamentspräsidentin und heutigen Bundesrätin Karin Keller-Sutter sowie dem damaligen kantonalen Bildungschef Regierungsrat Hans Ulrich Stöckling.

Kloster vertraut auf den Stiftungsrat

Seither hat sich einiges verändert. So sind die Klosterfrauen nicht mehr in der Lage, die Schule strategisch selber zu führen. Deshalb wurde das Kathi in eine Stiftung eingebracht, die Stiftung Schule St.Katharina. Der Stiftungsrat als Rechtsnachfolger vertritt seither die Interessen des Kathi. Ebenso wurde die politische Gemeinde Bronschhofen mit der Stadt Wil vereint. Damit auch die Sekundarschülerinnen aus Bronschhofen und Rossrüti das Kathi frei besuchen dürfen, wurde ein Nachtrag zum Schulvertrag erarbeitet und genehmigt. Aus Sicht des Stadtrates bleibt die Schule St.Katharina auch mit dem Nachtrag eine Privatschule. Daran ändere sich nichts, auch wenn sie mit der umfassenden Beschulung von Wiler Sekundarschülerinnen eine öffentliche Aufgabe wahrnimmt.

Verwaltungsgericht heisst Beschwerde gut

Dagegen reichten die Jungen Grünen und zwei Privatpersonen – Simon Cappelli und Stadtparlamentarier Sebastian Koller – Beschwerde ein. Koller hat sich zum Ziel gesetzt, die Oberstufenfrage einer Lösung zuzuführen. «Ich bin kein fundamentaler Gegner des Kathi, aber ich will gleiche Regeln für alle», sagt er. In seinen Augen ist die aktuelle Situation erstens nicht rechtmässig und zweitens aus Sicht der städtischen Schulen nicht fair, weil das Kathi nicht nach den gleichen Regeln funktionieren muss wie die öffentliche Schule. Am 17. Dezember 2019 hat das Verwaltungsgericht die Beschwerde gutgeheissen. Nach Auffassung des Gerichts ist das Kathi in der heutigen Form als öffentliche Schule zu betrachten. Eine Begründung blieb aber aus. Dies würde bedeuten, dass die Schule in ihrer heutigen Art (siehe Box) nicht fortgeführt werden könnte.

Einzigartiges Schulprofil entwickelt

Vier Säulen als Basis

Das speziell für junge Frauen entwickelte Schulprofil will das Lernen mit Spass verbinden und die Gemeinschaft weiter wachsen lassen. St. Katharina ist bestrebt, die Schülerinnen umfassend auf die Berufsausbildung oder auf weiterführende Schulen vorzubereiten, und hilft den Mädchen, ein gesundes, starkes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Vier Säulen bilden die Basis für die Lern- und Lebensvoraussetzungen. 1. Werteschule: Alle Mädchen, egal welcher Religion oder Konfession sie angehören, wachsen zu einer Gemeinschaft zusammen. Leistungsschule: Bedingt eine gute Arbeitshaltung, Disziplin und Ordnung. Tagesschule: Die Schülerinnen werden von 7.30 bis 17.45 Uhr betreut (mit Znüni, Mittagessen, Mittagssport, Zvieri). Musische Schule: Das Kathi führt pro Jahrgang eine Musikklasse mit Zusatzlektionen. (hs)

Stadtrat und Stiftungsrat rufen das Bundesgericht an

Der Wiler Stadtrat und der Stiftungsrat wollen das nicht hinnehmen und erheben Einsprache gegen den Entscheid des Verwaltungsgerichts. «Wir haben unverändert eine kantonale Bewilligung als Privatschule und bleiben das auch», sagt Stiftungspräsident Armin Eugster. Er blickt dem Entscheid des Bundesgerichts zuversichtlich entgegen. Viel Hoffnung setzt er aber auch in eine Motion, die von CVP und SVP lanciert worden ist. Diese verlangt eine Anpassung der Gemeindeordnung, was wiederum eine Volksabstimmung und damit eine finale Lösung der Kathi-Frage zur Folge hätte.

Sebastian Koller ist der Auffassung, dass diese Motion nicht zulässig ist. Laut Schulratspräsidentin Jutta Röösli lässt der Stadtrat deren Zulässigkeit derzeit prüfen.

Rechtsstreit soll keinen Einfluss auf die Schülerinnen haben

Seitens des Stadtrats und des Stiftungsrats ist man bestrebt, möglichst bald Rechtssicherheit zu schaffen. Für die aktuellen und neu übertretenden Schülerinnen am Kathi gibt Jutta Röösli Entwarnung: «Vorläufig wird sich nichts ändern.» Um alle Ortsteile der Stadt Wil gleich zu behandeln, wird bei der Beschwerdeinstanz eine erneute vorsorgliche Massnahme beantragt, wie sie bereits bisher in Kraft war. Das bedeutet konkret: Die Stadt Wil trägt weiterhin die Schulgeldzahlungen für alle Schülerinnen, auch aus den Ortsteilen Bronschhofen und Rossrüti. Stiftungsratspräsident Armin Eugster bestätigt dies: «Mädchen, die gerne ins Kathi übertreten möchten, können dies nach wie vor im Rahmen der Vorjahre tun.»

Gutes Klima zwischen Stadtrat und Stiftungsrat

Trotz des Rechtsstreits gehen die Verhandlungen zwischen dem Stadtrat und dem Stiftungsrat über die künftige Zusammenarbeit weiter. «Eine Lösung läge in Griffnähe», sagt Stadträtin Jutta Röösli. Das bestätigt auch Armin Eugster, der Jutta Röösli zugleich eine hohe Professionalität attestiert.

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