Kommentar

Kampfwahl auf der Zielgeraden: Wer übernimmt das Gemeindepräsidium von Niederbüren?

Am Sonntag, 19. Mai, wählen die Niederbürerinnen und Niederbürer ihre neue Gemeindepräsidentin oder ihren neuen Gemeindepräsidenten. Was unspektakulär begann, hat sich in den vergangenen Wochen zu einer Kampfwahl entwickelt, dominiert von zwei grossen Überraschungen und einigen Misstönen.

Tobias Söldi
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Wer zieht im Oktober ins Gemeindehaus ein? (Bild: pd)

Wer zieht im Oktober ins Gemeindehaus ein? (Bild: pd)

Man nahm sie ernst, die Suche nach einem Nachfolger des seit über 20 Jahren amtierenden Gemeindepräsidenten Niklaus Hollenstein. Über Monate prüfte die Findungskommission mehrere Bewerberinnen und Bewerber auf Herz und Nieren. Im Februar dann der grosse Moment, als die Kommission ihre beiden Kandidaten der Öffentlichkeit präsentierte: Eine Anwärterin, die Oberuzwiler Gemeinderätin Caroline Bartholet, kannte man, der andere Kandidat, der Gemeindeschreiber Christoph Koenig, kam aus dem Aarau.

Es hätte ein überschaubares Rennen zwischen zwei «wählbaren Gegensätzen» werden können, wie die «Wiler Zeitung» damals titelte. Doch es kam anders.

Die erste Wendung erlebte Niederbüren einige Wochen nach der Vorstellung, am letzten Tag vor Ablauf der Bewerbungsfrist. Da stieg der frisch nach Niederbüren gezogene Jörg Caluori, ehemaliger Filialleiter der Rösslitor-Buchhandlung in St. Gallen und früherer Geschäftsführer des FC St. Gallen, ins Rennen.

Jörg Caluori, Niederbüren, parteilos. (Bild: Ralph Ribi)

Jörg Caluori, Niederbüren, parteilos. (Bild: Ralph Ribi)

Caluori hatte den Überraschungseffekt auf seiner Seite. Und tatsächlich brachte er mit seiner unkonventionellen, ungeschliffenen Art frischen Wind in den Wahlkampf. Caluori wirkte erfrischend nahbar, nicht abgehoben, und griff nicht auf Floskeln zurück. Doch seine Stärke könnte ihm zum Verhängnis werden. Mitte März teilte die Findungskommission mit, dass sie Caluori die Unterstützung verweigere, weil er «in mehreren Punkten nicht dem Anforderungsprofil für das Gemeindepräsidium» entspreche – explizit erwähnt wurde dabei allerdings nur das Alter. In der Folge ging Caluori lautstark zum Angriff über: Der 66-Jährige stellte die Professionalität der Kommission in Frage. Auch seine Absenz am zweiten Wahlpodium Ende April war begleitet von happigen Vorwürfen gegen die Kommission.

Von einem künftigen Gemeindepräsidenten hätte man in dieser Angelegenheit weniger Polterei, dafür einen souveräneren Auftritt erwarten dürfen.
Christoph Koenig, Aarau, parteilos. (Bild: PD)

Christoph Koenig, Aarau, parteilos. (Bild: PD)

Mehr Geschick legte der Aarauer Christoph Koenig an den Tag. Die beiden Wahlveranstaltungen verliess er in rhetorischer Hinsicht als Sieger. Er hatte nicht nur die Lacher auf seiner Seite, sondern überzeugte auch mit seiner bedachten Art. Man merkte rasch: Der 50-Jährige hat keine Mühe, vor einem grossen Publikum zu stehen.

Doch die Bevölkerung liess sich nicht von der schönen Oberfläche blenden und nahm Koenigs Lebenslauf unter die Lupe. Sie wurde fündig.

Koenigs beruflicher Werdegang ist geprägt von vorzeitig abgebrochenen Engagements in den unterschiedlichsten Bereichen, und sogar eine Entlassung kam zutage. Der diplomierte Geograf arbeitete als Meteorologe in Zürich, Kantilehrer in Wil, Schulleiter in Bogotá, Gemeindeschreiber in Staffelbach. Schillernd also, aber auch unstet, was es schwierig macht, Koenig einzuschätzen.

Caroline Bartholet, Oberuzwil, FDP. (Bild: PD)

Caroline Bartholet, Oberuzwil, FDP. (Bild: PD)

Einen zurückhaltenderen, weniger streitbaren Eindruck hat in diesem Wahlkampf Caroline Bartholet hinterlassen. Die 50-Jährige FDP-Politikerin sitzt im Gemeinderat von Oberuzwil und ist im April für Franz Mächler in den St. Galler Kantonsrat nachgerutscht. Mit ihrer politischen Erfahrung und ihrer Vernetzung in der Region stieg sie als Favoritin ins Rennen. Doch in der Zwischenzeit musste das Bild etwas revidiert werden, denn auch Bartholet wehte nicht nur Wohlwollen entgegen.

Die kritischen Fragen betrafen allerdings weniger ihre Qualifikationen und können ihr darum nicht zum Nachteil ausgelegt werden. Sie zeugen vielmehr davon, wie wichtig der Bevölkerung eine Gemeindepräsidentin oder -präsident ist, die oder der sich ganz auf Niederbüren einlässt.

Dass Bartholet ihr Haus in Oberuzwil erst im Herbst 2020 zu verkaufen bereit ist, nachdem die kommunalen Wahlen durch sind, ist verständlich, kam aber nicht nur gut an. Klar ist: Beide Kandidaten, sowohl Koenig als auch Bartholet, haben sich verpflichtet, im Falle ihrer Wahl ihren Lebensmittelpunkt nach Niederbüren zu verlegen. Wiederholt wurde auch die zeitliche Vereinbarkeit von Bartholets Kantonsratsmandat mit jenem des Gemeindepräsidiums hinterfragt. Sie kandidiert mit einem 60-Prozent-Pensum. Ebenso oft betonte die Findungskommission, dass sich mit diesem Pensum die operative Führung der Gemeinde gut bewältigen lasse. Unter dem Strich ist Bartholet für das Amt prädestiniert.

Pascal Frommenwiler, Niederbüren, SVP. (Bild: Tobias Söldi)

Pascal Frommenwiler, Niederbüren, SVP. (Bild: Tobias Söldi)

Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. An der zweiten Wahlveranstaltung Ende April schlug ein Bürger, offensichtlich unzufrieden mit der bisherigen Auswahl, mit Pascal Frommenwiler einen weiteren Kandidaten vor. Frommenwiler ist Niederbürer, Präsident der SVP-Ortspartei, Mitglied des Gemeinderates und Vize-Gemeindepräsident. Eigentlich beste Voraussetzungen. Nur zwei Dinge stören: Frommenwiler hatte sich im vergangenen Herbst aus privaten Gründen gegen die Kandidatur entschieden und sich dafür in der Findungskommission engagiert. An der besagten Wahlveranstaltung stellte er sich trotzdem zur Verfügung, allerdings war eine gewisse Zurückhaltung zu spüren: «Wenn Niederbüren es will, dann überlege ich es mir nochmals.» Ob er als offizieller Kandidat ins Rennen geht, macht er davon abhängig, wie viele Stimmen er im ersten Wahlgang nächsten Sonntag holt.

Es wird sich zeigen, ob die Bevölkerung Frommenwilers Kandidatur in letzter Sekunde goutiert und ob die geäusserte Zurückhaltung ihm negativ angerechnet wird.

Eine klare Prognose über den Ausgang dieser Wahl lässt sich schwer aufstellen. Unwahrscheinlich ist, dass bereits im ersten Wahlgang einer der Kandidierenden gewählt wird. Zu hoffen bleibt, dass sich trotzdem eine klare Verteilung zeigt. Es ist der Gemeinde zu wünschen, denn sie hat unruhige Monate hinter sich. Nicht nur im Wahlkampf gab es Misstöne, sondern auch in den Diskussionen um das Textilmuseum. Umso wichtiger ist, dass Niederbüren eine Gemeindepräsidentin oder einen Gemeindepräsidenten findet, hinter dem oder der das Dorf stehen kann.