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Kampfkünste in der Krise: Mitgliederzahlen in der Region Wil stagnieren

Viele Kampfkunstarten tummeln sich in und um Wil. Gar existiert die Schule eines Grossmeisters. Die meisten Schulen und Vereine hingegen verzeichnen aber stagnierende Mitgliederzahlen. Kreativität bei der Mitgliederanwerbung ist gefragt.
Dinah Hauser
Die Beliebtheit der Kampfkünste hat abgenommen. Vereine in der Region Wil verzeichnen stagnierende Mitgliederzahlen. (Bild: PD)

Die Beliebtheit der Kampfkünste hat abgenommen. Vereine in der Region Wil verzeichnen stagnierende Mitgliederzahlen. (Bild: PD)

Spätestens mit den Kampffilmen von Jackie Chan und Co. kam der Hype der fernöstlichen Kampfkünste in die westliche Welt. Auch in der Region Wil wurde das Angebot an verschiedenen Kampfstilen (siehe Kastentext) grösser. Doch wie ergeht es ihnen heute? Die «Wiler Zeitung» hat bei einigen Schulen und Vereinen nachgefragt.

Trainieren beim Grossmeister

Die wohl prominenteste ist die Kung Fu Schule Martin Sewer; einer der schweizweit acht Trainingsorte befindet sich in Wil. Der Namensgeber ist – als einer der wenigen nicht-asiatischen Grossmeister der Kampfkunstwelt – das gewählte Stiloberhaupt des Hung Gar Kung Fu und weltweit bekannt. «Die Schulen profitieren alle vom exponierten Status meiner Person», sagt Sewer, welcher regelmässig seine Schulen besucht. Stilprägender Grossmeister zu werden, sei ein jahrelanger Prozess, der sich mit Verzögerung auf die Teilnehmerzahlen auswirke. Jedoch habe die Zahl der Kinder in den Trainings überproportional zugenommen. Am Standort Wil seien von 60 Trainierenden 35 Kinder.

Martin Sewer ist das gewählte Stiloberhaupt des weltweiten Hung Gar Kung Fu. (Bild: PD)

Martin Sewer ist das gewählte Stiloberhaupt des weltweiten Hung Gar Kung Fu. (Bild: PD)

Sein Auftritt in der SRF-Sendung Aeschbacher Ende 2017 wiederum habe nicht zu einem merkbaren Anstieg der Schülerzahlen geführt, wie Sewer sagt. Ihm ist langsameres und nachhaltiges Wachstum grundsätzlich lieber, «weil wir dann solide Strukturen schaffen können.» Denn die Ausbildung eines Instruktors dauere Jahre. Sewer selbst unterrichtet primär Schwarzgurt-Träger und Instruktoren, welche ihrerseits das Wissen an die Schüler weitergeben.

Die Kampfkünste kurz erklärt

Spricht man von asiatischen Kampfkünsten, so sind es meist chinesische und japanische Stile, welche am bekanntesten sind. Als Kampfsport im engeren Sinn werden Stile bezeichnet, bei welchen hauptsächlich die eigene Kampffähigkeit mit der eines Gegners gemäss festgelegten Regeln gemessen wird; dies meist im Rahmen von Wettkämpfen. Bei Kampfkünsten hingegen gibt es verschiedene Ziele, etwa die Vervollkommnung des eigenen Stils und andere eher geistige Komponenten.

Kampfkunst und Kampfsport werden oft mit Gewalt in Verbindung gebracht. Seriöse Schulen vermitteln den Teilnehmern jedoch Respekt und Disziplin. Einige Kodexe verbieten gar die Anwendungen der Techniken ausserhalb des Trainings, ausser zur Selbstverteidigung in einer Notsituation. Einige Schulen weisen explizit darauf hin, dass keine «Schläger-Typen» erwünscht seien.

Das japanische Karate bedient sich vor allem Schlägen und Tritten, während im Ju Jitsu (auch Jiu Jitsu) der Gegner möglichst schnell und effizient unschädlich gemacht wird. Dies geschieht mittels Schlag-, Tritt-, Stoss-, Wurf-, Hebel- und Würgetechniken. Judo basiert auf alten Ju Jitsu-Stilen und befasst sich hauptsächlich mit Würfen und Haltetechniken und verzichtet grösstenteils auf Schläge. Im Aikido versucht der Praktizierende, die Energie des Angreifers zu nutzen und ihn in eine Position zu bringen, in der er sich beruhigen kann. Die Gesamtheit der japanischen Kampfkünste mit und ohne Waffen werden mitunter als Budo bezeichnet.

Das chinesische Pendant dazu wäre Wushu oder auch Kung Fu. Auch hier existiert eine Vielzahl von Stilen und Unterstilen. Wing Chun (je nach Schule auch andere Schreibweisen möglich) bedient sich schneller Schläge, Tritten und Waffen, wie dem Langstock oder Doppelsäbel. Der prominenteste Grossmeister der moderneren Zeit war Ip Man – der Lehrer von Bruce Lee. Mehrere Kinofilme stellten das Leben von Ip Man dar. Der Hung Gar-Stil ist bekannt für seine von Tieren inspirierten Formen und geht auf ein Shaolin-Kloster in Südchina zurück. Chin Woo hingegen besteht aus verschiedenen Kampfkunst-Stilen. So greift es auf Wing Chun, Waffenkämpfe mit Stock oder Schwert, das meditative Tai Chi oder den Löwen- und Drachentanz zurück. (dh)

Sturztraining für Senioren mit Wing Tsun

Etwas anders ergeht es dem Wiler Standort des Wing Tsun: Die Mitgliederzahlen stagnieren seit einigen Jahren, wie von Schulleiter Samuel Lutz zu erfahren ist. Durchschnittlich sind es jährlich um die 100 Mitglieder, davon 40 bis 50 Kinder, 10 bis 20 Jugendliche und 25 bis 40 Erwachsene. Lutz sagt:

«Oft sind Erwachsene im Job eingebunden. Für ein fortlaufendes Training mit Graduierungen bleibt meist nur wenig Zeit.»

Zudem habe er das Gefühl, dass sich Trainierende eher auf kurzfristige Verträge einlassen, offen bleiben wollen und Trends nachgehen. Kinder blieben etwa zwei bis drei Jahre. Übergänge ins Training für Jugendliche seien seltener.

Wing Tsun legt Wert auf einen möglichst direkten Zugang zur Selbstverteidigung. (Bild: PD)

Wing Tsun legt Wert auf einen möglichst direkten Zugang zur Selbstverteidigung. (Bild: PD)

Zum ersten Kung Fu Panda-Film im Jahr 2008 kooperierte Lutz mit dem Cine Wil. «Danach war meine Schule erst einmal voll.» Jedoch stellt Lutz auch die Tendenz fest, dass mehr und mehr Kinder an fünf Abenden pro Woche belegt sind, beispielsweise mit Instrumentalunterricht oder Mannschaftssport, und dann noch ins Kampfkunsttraining geschickt werden.

«Ich habe auch schon Eltern nahegelegt, sie sollen ihr Kind einfach einen Abend spielen lassen, anstatt es zu mir ins Training zu schicken.»

Samuel Lutz, Leiter Wing Tsun Wil (Bild: PD)

Samuel Lutz, Leiter Wing Tsun Wil (Bild: PD)

Als Physiotherapeut legt Lutz auch Wert auf die Selbstentwicklung und Gesundheit. Er bietet zudem ein Seniorentraining an. «Wir vermitteln ein gezieltes Sturzpräventions- und Sturztraining, welches auf Wing Tsun basiert.» Die Menschen würden lernen, sich beim Stürzen richtig zu verhalten und so die Angst davor zu verlieren. Er unterrichtet derzeit sieben Personen. Die älteste habe mit 78 Jahren angefangen und nehme nun regelmässig an regulären Erwachsenentrainings teil.

Auch bietet Wing Tsun Wil Kurse zur Gewaltprävention an Schulen an und besucht beispielsweise die Sekundarschule in Fischingen, um Mädchen in Selbstverteidigung zu unterrichten.

Mehrere Stile bei Chin Woo

Bei der Chin Woo Schule in Oberuzwil stagniert die Mitgliederzahl bei 30 bis 40 Personen und zusätzlich 10 Kindern, sagt deren Leiter Quoc Hoa Tran.

«Der Hype um Kampfkünste und Selbstverteidigung hat abgenommen.»

Kampfsportarten wie Mixed Martial Arts (MMA) seien heutzutage beliebter. «Das sieht viel spektakulärer aus. Zudem macht man schneller Fortschritte.» Das Erlernen einer Kampfkunst hingegen sei ein längerer Prozess, der auch viel Disziplin fordere – ein Training pro Woche reiche kaum aus. «Es nimmt viel Zeit in Anspruch, welche viele Personen nicht mehr zu haben scheinen», folgert Tran. Zudem sei es für eine ausreichende Beweglichkeit empfehlenswert, in jüngeren Jahren mit dem Training zu beginnen. «Unser Angebot richtet sich an Personen bis zirka 35 Jahren, welche sich für Kampfkunst, Selbstverteidigung oder chinesische Traditionen interessieren.»

Chin Woo, welches verschiedene Kung Fu Stile lehrt, verzichtet auf Inserate und setzt auf mündliche Empfehlungen der Teilnehmer: «Wir haben festgestellt, dass die breite Öffentlichkeit Kung Fu mit Gewalt und Kampf verbindet», sagt Tran.

Japanische Kampfkünste unter einem Dach

In der Region Wil gibt es aber auch Kampfkünste japanischen Ursprungs. Der Budo Sport Club Arashi Yama Wil bietet gleich vier davon an: Aikido, Judo, Ju Jitsu und Karate. Marcel Wenger, Haupttrainer Judo, sagt:

«Durch unser breites Angebot sprechen wir verschiedene Personen an.»

So seien Personen, die sich primär auf die Selbstverteidigung konzentrieren wollen, bei Aikido oder Ju Jitsu gut bedient. Wettkampforientierte und Personen mit viel Energie besuchten eher das Judo-Training. Andere, welche weniger Körperkontakt bevorzugen, nähmen eher Vorlieb mit Karate. «Wettkampforientiert sind jedoch die wenigsten unserer Mitglieder», sagt Wenger. Viele hätten im Budo – den japanischen Kampfkünsten – ihr Hobby gefunden.

Der Budo Sport Club Arashi Yama Wil vereint vier japanische Kampfünste unter einem Dach. (Bild: PD)

Der Budo Sport Club Arashi Yama Wil vereint vier japanische Kampfünste unter einem Dach. (Bild: PD)

Die Judo-Sektion des Vereins ist mitunter sehr erfolgreich und belegt oft die vorderen Plätze bei Wettkämpfen. «Ich glaube aber nicht, dass die Erfolge sich gross auf die Mitgliederzahlen auswirken», sagt Wenger. Vielmehr stiessen Leute durch mündliche Empfehlungen von Mitgliedern zum Club. Ausgenommen der sporadischen Strassenreklame, mache der Budo Sport Club Arashi Yama Wil kaum Werbung, nimmt aber an den zweijährlich stattfindenden Wiler Jugendgames teil und bewirtschaftet die eigene Website und Facebook.

So seien seit der Gründung 1967 zeitweise mehr als 300 Mitglieder zusammengekommen. Momentan seien es aber eher weniger Mitglieder als in früheren Jahren. Wenger sagt:

«Ich führe das darauf zurück, dass es in Wil mehr Vereine und damit ein grösseres Angebot gibt.»

In den letzten 10 Jahren verzeichnete der Verein zwischen 250 und 280 Mitglieder, mit zuletzt steigender Tendenz.

Karate und Schwerttraining in der Region

Shozindo – ein friedlicher Karate-Stil, welcher grösstenteils mit der offenen Hand und ohne Faust arbeitet – verzeichnet hingegen eine steigende Nachfrage. Die Kampfkunst ist mit drei Dojos – Trainingsorten – in der Region vertreten: In Wallenwil steht das älteste. «Hier Trainieren über 100 Personen zwischen 5 und 70 Jahren» sagt Roland Mötteli, Gründer und Leiter der Dojos Wallenwil und Oberuzwil. In Sirnach trainieren zirka 15 Personen. Der neueste Standort in Oberuzwil verzeichne am meisten Wachstum. «Im Gegensatz zu den anderen beiden Standorten, sind wir eingemietet», sagt Mötteli.

Shozindo arbeitet grösstenteils mit der offenen Hand. (Bild: PD)

Shozindo arbeitet grösstenteils mit der offenen Hand. (Bild: PD)

Die Leute würden von alleine auf Shozindo aufmerksam. «Einige Mitglieder fragen, ob sie jemanden mitbringen dürfen.» Immer wieder träfen Anfragen von Lehrkräften ein, welche mit ihren Schülern einmal Schnuppern möchten. Mit Unter- und Oberstufen diverser Volksschulgemeinden biete Shozindo auch seit einigen Jahren Ferienpässe an. Mötteli stellt fest: «Shozindo ist in der Ostschweiz sehr aktiv und etabliert.» Jedoch setze Mötteli nicht auf die Anzahl der Mitglieder als vielmehr auf die Qualität der Trainings.

Der Leiter betont:

«Bei uns dürfen alle mitmachen und werden zu nichts gezwungen.»

Roland Mötteli (Bild: PD)

Roland Mötteli (Bild: PD)

Wer beispielsweise Knieschmerzen habe, dürfe bei den Übungen stehen bleiben – die eigenen Beschwerden werden respektiert. «So sprechen wir auch ältere Personen an, welche schon länger eine Kampfkunst erlernen wollten, sich aber nicht trauten oder nicht konnten.»

Mötteli beherrscht auch das japanische Schwert und bietet seit drei Jahren Trainings im Towado an – unabhängig vom Shozindo. Derzeit führt er in Wallenwil zwei Schülergruppen mit je sechs Personen.

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