Kampf um Islam-Anerkennung

MÜNCHWILEN. Pascal Gemperli lebt in Morges am Genfersee und konvertierte einst als Katholik zum Islam. Der 37jährige Münchwiler sitzt als Grüner im Gemeinderat und will der islamischen Gemeinschaft zur staatlichen Anerkennung verhelfen.

Samuel Koch
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Pascal Gemperli nimmt auf dem Friedhof Bois-de-Vaux in Lausanne gegenüber welschen Medien Stellung zu moslemischen Grabfeldern. (Bild: ky/Jean-Christophe Bott)

Pascal Gemperli nimmt auf dem Friedhof Bois-de-Vaux in Lausanne gegenüber welschen Medien Stellung zu moslemischen Grabfeldern. (Bild: ky/Jean-Christophe Bott)

«Ich fühle mich als Thurgauer», sagt Gemperli, der heute als einzigen Bezug zu seinem Heimatkanton schmunzelnd noch sein Bankkonto ausmacht. An der Aussprache des 37-Jährigen erkennt man noch leicht den Thurgauer Dialekt, obwohl er hin und wieder nach den passenden deutschen Wörtern sucht. Der zweifache Familienvater legt seine Worte auf die Goldwaage.

Seit 2012 präsidiert der Thurgauer Konvertit die Union Vaudoise des Associations Musulmanes (Uvam), einen kantonalen Dachverband moslemischer Vereine in der Waadt, und könnte dabei zum Mann werden, der der islamischen Gemeinschaft zur staatlichen Anerkennung verhilft. Seit einer Verfassungsänderung von 2003 ermöglicht der Kanton Waadt im Gegensatz zum Kanton Thurgau die Anerkennung von anderen religiösen Gemeinschaften (siehe Box).

Kindheit katholisch geprägt

Es wäre ein Präzedenzfall für die Moslems in der Schweiz und ein Zeichen «mit Signalwirkung». «Wir müssen mehr Verständnis füreinander schaffen», sagt Gemperli, zumal alle Schweizer – ob Christen oder Moslems – gemeinsam in derselben Gesellschaft lebten. Unlängst huldigten Schweizer Gazetten Gemperli als Mann, den die Waadtländer Moslems hätten erfinden müssen, wenn es ihn nicht bereits gäbe – als ideales Gegenbild zum religiösen Fundamentalisten.

Dabei begann sein Werdegang im Hinterthurgau in katholischem Haus. Gemperli wuchs mit seinem Bruder als Scheidungskind in Münchwilen auf. Rückblickend beschreibt er sich als «nicht sehr religiös», obwohl sein Onkel Pfarrer war und er selbst Ministrant. Er absolvierte eine Lehre als Elektromonteur in Wil und erlangte die Berufsmatura in Frauenfeld. Er habe damals so viel gelernt, dass sich seine Familie gewundert habe. Während eines Ingenieurstudiums in Winterthur wechselte er per Austauschprogramm nach Lausanne. «Ich wollte dahin, um Französisch zu lernen», sagt er. Aus einem befristeten Aufenthalt wurden insgesamt 15 Jahre.

In Lausanne studierte er Betriebswirtschaft und Medien. Eine damalige Kommilitonin aus Marokko heiratete er später und zog über ein Jahr in ihr Heimatland, um als Kommunikationsverantwortlicher fürs Seco internationale Firmen zu beraten. «Meine Gattin war aber nicht der Hauptgrund für den Glaubenswechsel», sagt er.

Kündigung vom Glauben

Denn mit dem Islam kam er bereits im Thurgau in Berührung. Ein ägyptischer Freund nahm ihn damals mit in die Moschee nach Wil. Der Prozess des Glaubenswechsels entwickelte sich schleichend. 2001 trat er mit schriftlicher Kündigung aus der katholischen Kirche aus. Gemperli erzählt davon, als wäre es erst gestern gewesen: «Ich sass in einem Bus in Lausanne und traf meine Entscheidung.» Rückblickend sei der Entscheid für ihn sehr wichtig gewesen.

Heute arbeitet Gemperli als Mediator oder leitet Schulungen von internationalen Firmen. Nebenamtlich präsidiert der Thurgauer unentgeltlich die Uvam. Neben der katholischen und der reformierten Kirche ist in der Waadt heute auch die israelitische Religion anerkannt. «Warum soll unsere Gemeinschaft nicht auch anerkannt sein?», fragt Gemperli. Zwar ginge es den Moslems aktuell trotz einzelner Diskriminierungen gut, doch auf institutioneller Ebene fehlten den Schweizer Moslems Gehör. «Eine Anerkennung würde uns den Stempel <demokratietauglich> verleihen.» Den brauche es für eine optimale Zusammenarbeit mit dem Kanton.

Klar ist, der Weg dahin wird steinig und lang. Sollte sich die Uvam dennoch für den Vorstoss entscheiden, folgt der Gang vor eine Prüfungskommission. Erst danach entscheiden Regierung und Parlament, ehe gegen den Vorstoss das Referendum ergriffen werden könnte. Die Chance zur Signalwirkung birgt also sogleich Risiken. «Wenn ein allfälliges Referendum angenommen würde, käme das einer saftigen Ohrfeige gleich», sagt Gemperli.

Bisher will sich der Thurgauer nicht in die Karten blicken lassen. Jetzt freut er sich als praktizierender Moslem mit seiner Familie zuerst auf das bevorstehende Opferfest der Moslems.

Pascal Gemperli Präsident der islamischen Gesellschaft in der Waadt (Bild: pd)

Pascal Gemperli Präsident der islamischen Gesellschaft in der Waadt (Bild: pd)