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Kämpfen, mit eisernem Willen: Mosawar Nurzad, der einstige Flüchling aus Afghanistan will weiterkommen

Soeben hat Mosawar Nurzad seine Lehre als Montage-Elektriker bei Dobler AG in Oberuzwil erfolgreich abgeschlossen. Zudem wird der im Betrieb weiterbeschäftigt und hat bereits Weiterbildungspläne. Doch der Weg für den Flüchtling aus Afghanistan war steinig.
Angelina Donati
Als Montage-Elektriker ist Mosawar Nurzad ständig «on tour», was ihm sehr zusagt. (Bild: Angelina Donati)

Als Montage-Elektriker ist Mosawar Nurzad ständig «on tour», was ihm sehr zusagt. (Bild: Angelina Donati)

Überglücklich ist er. Überglücklich darüber, dass er die Lehre als Montage-Elektriker in der Tasche hat. Stolz ist nicht nur der 21-Jährige auf seine Leistung, sondern auch sein Arbeitgeber Ernst Dobler von Dobler AG in Oberuzwil. Nervös auf den Bescheid der Schule war Mosawar Nurzad allerdings nicht, wie er sagt. «Ich wusste, dass ich bestehe», sagt der eher schüchtern aussehende Afghane selbstbewusst. «Mein Ziel war es, mit der Note 5 abzuschliessen.» Eine aus der Luft gegriffene Zahl ist es allerdings nicht. So wollte der Lehrling einfach alles aus sich herausholen, was irgendwie möglich war. Er habe in seiner Freizeit gebüffelt wie wahnsinnig.

Mit einer Note von 4,8 hat der Ehrgeizige sein Ziel schliesslich nur ganz knapp verfehlt. «Das ist wegen meinen Deutschkenntnissen», sagt er fast schon entschuldigend. Immerhin konnte er bei der Praktischen Arbeit aus dem Vollen schöpften und erreichte die Note 5,1.

Erstes Wiedersehen nach sechs Jahren

Was aber sind schon Noten, wenn man bedenkt, wo der junge Afghane noch vor wenigen Jahren stand? Seine Flucht in die Schweiz ist gerade mal rund sechs Jahre her. Als Jugendlicher musste er lernen, ohne Familie und Freunde, in einem fremden Umfeld auszukommen.

Der traurige Hintergrund (Ausgabe vom 17. März 2016): Sein Vater kam beim Einkaufen auf einem Basar in Kabul durch einen Bombenanschlag ums Leben. Ein schwerer Schlag für die Hinterbliebenen. Die Familie wurde daraufhin schikaniert, und so sah die Mutter keinen anderen Ausweg, als mit den sechs Kindern nach Iran zu flüchten. Doch Afghanen war es nicht erlaubt, im Iran die Schule zu besuchen.

Für den ältesten Sohn, Mosawar Nurzad, stand schnell fest, dass er sich hier keine Zukunft ausmalen kann. «Ich möchte etwas erreichen in meinem Leben, ich möchte weiterkommen», sagt er mit nachdenklichem Gesichtsausdruck. Heute hält er mit seiner Familie ein- bis zweimal per Skype Kontakt. «Das ist nur möglich, indem meine Familie während des Gesprächs ihren Nachbarn besucht. Sie nämlich haben keine Internetverbindung.» Im Dezember vergangenen Jahres gab es schliesslich das seit Jahren erhoffte Wiedersehen, als Mosawar Nurzad in den Iran reisen durfte.

Leute waren am Anfang distanziert

«Hier in der Schweiz stehen einen so viele Möglichkeiten offen.» Weiterkommen heisst in seinem Fall aber auch, sich doppelt hineinknien, doppelt hart arbeiten, um sich und allen anderen beweisen zu können, was in ihm steckt. Nur so kann es ihm überhaupt gelingen, das permanente Misstrauen der Leute abzubauen. «Am Anfang waren alle sehr distanziert. Aber das war ja klar, ich war Asylsuchender und konnte weder Deutsch noch Schweizerdeutsch sprechen, und auch nicht verstehen», sagt Mosawar Nurzad.

Mit eisernem Willen blieb der damals 14-Jährige von Beginn weg am Ball. Seinem über Monate hinweg wiederholten Wunsch, die Oberstufe besuchen zu dürfen, fand die Leitung des Asylzentrums Thurhof endlich Gehör und der Kanton gab schliesslich grünes Licht. Ein Novum. «Einfach war diese Zeit damals aber ganz und gar nicht», erinnert sich der Afghane.

Einmalige Chance genutzt

Die Nachricht, dass erstmals ein Flüchtling wie alle anderen die Schulbank drücken wird, machte schnell die Runde. Und die Schüler waren in Sorge um ihr Hab und Gut. «Sie gingen automatisch davon aus, dass ich sie bestehlen würde», sagt er und schüttelt den Kopf. Entsprechend herablassend und respektlos sei er von vielen behandelt worden. Den Bettel hinzuschmeissen und aufzugeben, war für Mosawar Nurzad aber nie eine Option. «Es gab zum Glück auch ein paar Mitschüler, die sehr zuvorkommend waren, sich mir angenommen und mich in ihre Gruppe aufgenommen haben», sagt er und sein Gesicht nimmt wieder fröhliche Züge an. Heute übrigens sei die einstige Antipathie begraben und man könne sich freundlich grüssen und miteinander reden.

Ihm angenommen hat sich dann auch sein künftiger Arbeitgeber Ernst Dobler. «Mit dem Praktikum gab er mir eine Chance. Ich wusste, dass diese einmalig ist und setzte mich ins Zeug», sagt der junge Erwachsene. In der Gewerbeschule ging es schliesslich weiter bergauf für ihn. Seine Noten waren ausgezeichnet und er war beliebt und wurde nicht mehr als Asylant gesehen. Grosse Unterstützung durfte er besonders von seiner Freundin erfahren. «Sie ist Schweizerin», sagt er und schmunzelt. Ohnehin sei der Grossteil seiner Freunde von hier. «Dadurch lernte ich die Sprache natürlich noch schneller und besser.» Generell sei die Sprache ein Türöffner schlechthin. «Ohne Sprache ist man blind.»

Grosse Pläne für die Zukunft

Mit seiner Arbeit und seiner Art hat sich Mosawar Nurzad einen Namen gemacht und darf bei der Firma Dobler AG auch nach seiner absolvierten Lehre weiterbeschäftigt bleiben. Und schon hat er das nächste Ziel vor Augen: Die Weiterbildung als diplomierter Techniker HF Elektrotechnik. «Hauptsache, nicht stehen bleiben», sagt er. Zuvor möchte er Zusatzkurse in Mathematik und Physik belegen, die allesamt freiwillig sind.

Auch beabsichtigt er, bald den B-Pass beanzutragen, mit dem Ziel, dereinst in der Schweiz eingebürgert zu werden. Mit dem neuen, im Vergleich zum Lehrlingslohn richtig grossen Gehalt, will er nun fortan seine Familie im Iran unterstützen. Und in wenigen Wochen schon wird er sie wieder besuchen können. Auf das grosse Wiedersehen freut er sich natürlich riesig. «Es fühlt sich einfach wie Nachhausekommen an», sagt er und seine Augen strahlen.

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