Interview
«Jugendliche brauchen Platz zum Chillen»: Die Jugendarbeiterinnen Milena Kuster und Noëlle Dudli über ihre Erfahrungen beim Jugendtreff Ägelsee

Die Einwohner der Gemeinden Rickenbach und Wilen sagten Mitte Mai «Ja» zur Weiterführung des Jugendtreffs. Die Pilotphase endet und die beiden Jugendarbeiterinnen verabschieden sich. Milena Kuster und Noëlle Dudli sprechen im Interview über ihre Erfahrungen und warum es die Jugendarbeit braucht.

Dinah Hauser
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Milena Kuster (links) und Noëlle Dudli verlassen im Sommer den von ihnen aufgebauten Jugendtreff. Das eingespielte Team macht ab Sommer neuen Jugendarbeitern Platz, die den Jugendlichen der Gemeinden Wilen und Rickenbach einen Ort zum Sein bieten.

Milena Kuster (links) und Noëlle Dudli verlassen im Sommer den von ihnen aufgebauten Jugendtreff. Das eingespielte Team macht ab Sommer neuen Jugendarbeitern Platz, die den Jugendlichen der Gemeinden Wilen und Rickenbach einen Ort zum Sein bieten.

Bild: Dinah Hauser

Die dreijährige Pilotphase geht zu Ende. Wie fühlen Sie sich?

Noëlle Dudli: Wir haben viel Zeit und Herzblut in den Aufbau investiert. Es ist schön, dass die Bevölkerung «Ja» gesagt hat, zur Weiterführung des Jugendtreffs und so Wertschätzung für unsere Arbeit zeigt.

Milena Kuster: Gleichzeitig beginnt nun der Abschiedsprozess und damit kommt auch Wehmut auf. Wir beide werden die Arbeit hier und die Beziehungen zu den Jugendlichen vermissen. Nicht nur sie, sondern auch die Eltern, Lehrpersonen und die Bevölkerung haben uns viel Vertrauen entgegen gebracht. Das ist nicht selbstverständlich.

Fällt Ihnen der Abschied schwer?

Dudli: Einerseits ja, denn mir werden die Wilener und Rickenbacher Jugendlichen fehlen. Ich habe gespürt, dass sie uns sehr vertrauen. Andererseits freue ich mich auf die neue Herausforderung.

Kuster: Da schliesse ich mich gerne an. Die Jugendlichen waren immer offen und fröhlich. Wir haben zusammen viele Projekte gestaltet und viel erreicht. Auf ein Wiedersehen nach meiner Zeit hier in der Jugendarbeit Ägelsee freue ich mich jetzt schon.

Hatten die Jugendlichen Angst, dass der Jugendtreff nicht weitergeführt werden könnte?

Dudli: Angst habe ich keine gespürt. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass jemand mal gefragt hätte: «Gell, ab Sommer gibt es den Jugendtreff nicht mehr?» Allerdings war ich selbst ein wenig verunsichert, weil die Abstimmung wegen Corona schriftlich durchgeführt wurde. Ich wusste nicht, ob sich das Abstimmungsverhalten der Einwohner dadurch verändert.

Kuster: Ich denke unsere positive Einstellung auf diese Abstimmung hat sich auf die Jugendlichen übertragen. Wir haben die Jugendlichen schon zu Beginn des Pilotprojektes sensibilisiert, dass sie sich selbst auch für die Fortführung einsetzen sollen, wenn ihnen der Treff gefällt. So haben sie den Erwachsenen in ihrem Umfeld erzählt, wie wichtig ihnen der Jugendtreff ist. Das wird auch im Film auf den beiden Gemeindewebseiten deutlich.

Welche Momente aus den vergangenen Jahren bleiben Ihnen besonders in Erinnerung?

Kuster: Es sind vor allem die kleinen Wertschätzungen. Einmal sind wir durchs Dorf gelaufen und aus einem vorbeifahrenden Auto heraus, hat uns ein Jugendlicher lautstark gegrüsst. Man spürt dann, dass man etwas richtig gemacht hat.

Dudli: Wir haben auch viele E-Mails von Eltern und Lehrpersonen erhalten, die sich für unser Engagement bedanken. Im Rahmen des Schnuppermorgens der 5.Klassen im Herbst kam eine Lehrerin auf uns zu und sagte: «Endlich kann ich den Drink selber probieren. Die Schüler schwärmen die ganze Zeit davon.»

Die Pionierinnen

2017 startete das Pilotprojekt der gemeinsamen Jugendarbeit der beiden Gemeinden Wilen und Rickenbach. Milena Kuster wagte nach ihrer Grundausbildung zur Fachfrau Betreuung Fachrichtung Kind und dem Fachhochschulstudium in Sozialer Arbeit den Schritt in die Jugendarbeit. Während ihres Auslandpraktikums bewarb sich sie heute 28-Jährige für das Pilotprojekt, weil sie «gerne neue Herausforderungen hat». Sie arbeitet zusätzlich als Berufsfachschullehrerin in Winterthur und leitet bis Juli den Mittagstisch der Sekundarschule Ägelsee.

Noëlle Dudli stiess 2018 zum Projekt dazu. Die 37-Jährige hatte damals gerade ihr Studium zur Sozialarbeiterin abgeschlossen. In einem kleinen Pensum arbeitet sie nebenbei als Sportartikelberaterin in Winterthur und ist ebenfalls Teil des Mittagstisch-Teams im Ägelsee.

Die Jugendarbeiterinnen planen am 3. Juli ein Abschiedsfest. Wie und wann es stattfindet, hängt von der Coronasituation ab. Weitere Informationen werden der Zielgruppe der Jugendarbeit Ägelsee zu einem späteren Zeitpunkt mitgeteilt. (dh)

Warum ist Jugendarbeit wichtig?

Dudli: Jugendliche sind Menschen, die gerne ausprobieren und auch einmal lauter werden. In der Öffentlichkeit ist das oftmals nicht gerne gesehen. Der Jugendtreff gibt ihnen einen Ort, an dem sie ausprobieren können, mit dem nötigen Rückhalt falls es Unsicherheiten gibt. Zudem besitzen wir eine vermittelnde Funktion zwischen den Interessen und Bedürfnissen unterschiedlicher Generationen und sind in der Gesellschaft auch Sprachrohr der Jugendlichen. Sie selbst sind noch nicht alt genug, um abstimmen zu gehen, haben aber ganz viel zu sagen. Weiter können sie hier über Sorgen sprechen, die sie ihren Lehrpersonen oder den Eltern nicht direkt anvertrauen wollen.

Kuster: Was auch wichtig ist für die Entwicklung der Jugendlichen, sind gemütliche Plätze zum Chillen. Das Nichtstun und das blosse Sein werden im Jugendtreff ins Zentrum gerückt. Erwachsene brauchen meist einen Anlass, um sich zu treffen. Jugendliche chillen und entfliehen so ein Stück weit dem Druck und den Erwartungen, die auf ihnen lasten.

Was waren Vor- und Nachteile, direkt nach dem Studium einen Jugendtreff aufzubauen?

Dudli: Wir brachten frischen Wind und Tatendrang mit. Langjährige Erfahrung in der Jugendarbeit hatten wir zwar nicht, dafür bestand aber vielleicht auch weniger die Gefahr der «Berufsblindheit».

Kuster: Nachteile sehe ich kaum. Einzig die Unerfahrenheit. Da brauchte es einfach Mut ins Haifischbecken zu springen und schwierige Situationen gemeinsam zu meistern. Rückblickend sind wir daran sehr gewachsen. Es war wie ein Sandkasten: Der Rahmen war gegeben, in der Gestaltung waren wir jedoch frei. Wir haben uns durch den besagten Rahmen aber nie eingeschränkt gefühlt.

Was würden Sie aus heutiger Sicht anders machen?

Kuster: Grundsätzlich würden wir nichts komplett anders machen. Klar hat es Situationen gegeben, in denen wir rückblickend anders hätten handeln können. Für uns gehören solche Momente aber zu unserem Lernprozess mit dazu. Ob wir etwas anders hätten machen sollen, das können wohl unsere ehrlichsten Kritiker, die Jugendlichen, besser beantworten.

Wie kulturell durchmischt ist der Jugendtreff?

Dudli: Wir haben Jugendliche mit unterschiedlichem kulturellem und religiösem Hintergrund genauso wie mit unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen. Hier im Jugendtreff liegt der Fokus nicht auf der Herkunft der Jugendlichen. Wir orientieren uns an den aktuellen Interessen und individuellen Anliegen. Wenn Jugendliche über Themen wie beispielsweise Kultur, Religion oder Sprachen sprechen wollen, dann bieten wir ihnen eine passende Plattform.

Welche Themen beschäftigen denn die Jugendlichen?

Kuster: Wir wollen uns nicht zumuten, diese Frage allein aus unserer Sicht zu beantworten, also haben wir die Jugendlichen über Instagram befragt.

Dudli: Derzeit sind es vor allem Aktualitäten wie Corona, Rassismus und Umwelt. Aber auch für das Alter typische Themen wie Freundschaft, Liebe, Sexualität, Schule und Lehrstelle wurden genannt.

Was ist mit Themen wie Rauchen, Trinken und Drogen?

Kuster: Auch das gehört zum Erwachsenwerden. Aufgrund der aktuellen Situation sind diese wohl etwas in den Hintergrund gerückt. Bei Gesprächsbedarf lassen wir die Jugendlichen die Themen auch kritisch hinterfragen und machen ihnen Mut, Nein zu sagen, wenn sie etwas nicht wollen.

Die Beiden Jugendarbeiterinnen bieten mit dem Jugendtreff den Jugendlichen ein ePlattform, sich über ihre Interessen auszutauschen.

Die Beiden Jugendarbeiterinnen bieten mit dem Jugendtreff den Jugendlichen ein ePlattform, sich über ihre Interessen auszutauschen.

Bild: Dinah Hauser

Wann ist man «zu alt» für die Jugendarbeit?

Kuster: Das hat für mich wenig mit dem Alter zu tun. Solange ich Spass an der Arbeit habe und den Puls der Jugendlichen spüre, kann ich die Arbeit professionell ausüben.

Dudli: Mit 30 ist man aus jugendlicher Sicht ja schon alt. Ich mit 37 bin «uralt» (lacht). Ich denke man merkt selber, wenn man die Freude am Beruf nicht mehr spürt.

Warum gehen Sie nun einen anderen beruflichen Weg?

Kuster: Ich nehme die Ausbildung zur Berufsfachschullehrerin in Angriff. Ich hatte die letzten Jahre bis zu fünf Arbeitgeber gleichzeitig. Es war für ich nicht befriedigend, nicht überall 100 Prozent geben zu können. Deshalb möchte ich mich jetzt auf einen Bereich fokussieren.

Dudli: Ich werde im Rahmen eines Jobcoachings ebenfalls weiterhin mit Jugendlichen arbeiten. Ein solches Coaching besuchen Jugendliche im Motivationssemester, wenn sie nach dem Schulabschluss keine Anschlusslösung gefunden haben. Dabei geht es vor allem darum, ein geeignetes Praktikum oder eine Lehrstelle mit ihnen zu finden.

Was wünschen Sie Ihren Nachfolgern in Wilen?

Dudli: Dass sie genauso viele tolle Momente mit den Jugendlichen erleben dürfen wie wir. Solche Momente berühren das Herz. Das macht diesen Job so lebendig.

Kuster: Ich wünsche ihnen, dass sie Freude für diesen Beruf verspüren und mit Spass und Humor den Alltag mit den Jugendlichen gestalten dürfen, so wie auch ich das in den letzten drei Jahren durfte.

Was sollen Ihre Nachfolger noch umsetzen?

Kuster: Jetzt nach dem Entscheid, hätten wir selber noch viele coole Ideen und Projekte im Kopf gehabt. Wir sind jedoch überzeugt, dass die neuen Jugendarbeitenden selber spüren, was es braucht, ohne dass wir ihnen Vorgaben machen müssten. Weiter vertrauen wir darauf, dass sie einen guten Job machen werden.

Der Jugendtreff öffnet seine Tore am Mittwoch, 10. Juni, erstmals seit dem Lockdown wieder.