JUDO: Tritt für Tritt nach Tokio

Seit diesem Sommer setzt Carina Hildbrand auf den Leistungssport. Olympia in Tokio 2020 ist das ange-strebte Ziel. In Brugg arbeitet die 21-Jährige tagtäglich für diesen Traum. David Metzger besuchte die Sportlerin.

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Ihrem Ziel «Olympische Spiele 2020 in Tokyo» ordnet Carina Hildbrand (weiss) alles unter. (Bild: Urs Bucher)

Ihrem Ziel «Olympische Spiele 2020 in Tokyo» ordnet Carina Hildbrand (weiss) alles unter. (Bild: Urs Bucher)

Frühmorgens in Brugg im Kanton Aargau. Noch hat die Sonne ihre ersten Sonnenstrahlen nicht von sich gegeben, noch zwitschern keine Vögel. Während die allermeisten noch schlafen, ist der Puls von Carina Hildbrand schon mehrfach in die Höhe geschnellt. Keuchend bewältigt die 21-Jährige aus Oberuzwil das Intervalltraining an der Treppe zusammen mit ihren Trainingskolleginnen und Kollegen. Rauf, runter, mal zwei Tritte kombiniert. Einsam der Aargauer Morgenfrühe ausgesetzt, schickt sich die siebenköpfige Gruppe abwechselnd die Betontreppe empor. Plötzlich kreuzt eine Spaziergängerin mit ihrem Dackel die Gruppe. Das Training wird kurz unterbrochen, man lässt die ältere Dame passieren. Diese bedankt sich mit einem Nicken und zwängt sich eilend vorbei. Ob sie sich anders verhalten hätte, wäre ihr bewusst gewesen, wem sie gerade auf der Treppe gegenübersteht?

Viele stehen kurz vor dem Durchbruch zur Weltspitze

Immerhin handelt es sich bei ­ der morgendlichen Trainingsgruppe um das erweiterte Nationalkader des schweizerischen Judo- und Ju-Jitsu-Verbandes. Viele von ihnen stehen kurz vor dem Durchbruch an die Weltspitze. Das Fernziel tönt bei allen gleich: An den Olympischen Sommerspielen 2020 in Tokyo die Schweiz vertreten. Auch die gebürtige Oberuzwilerin Carina Hildbrand rackert dafür. Die schweisstreibende Laufeinheit ist Teil des täglichen Trainings im nationalen Leistungszentrum in Brugg AG.

Angesprochen auf die Olympischen Spiele in Japan, kommt Hildbrand ins Schwärmen. Zweimal schon durfte sie im Geburtsort des Judo an einem Trainingslager teilnehmen. «Das hat angestachelt, noch mehr trainieren zu wollen, um irgendwan wieder nach Tokyo zurückkehren zu können», sagt die Ostschweizerin. Hildbrand weiss aber, dass die entsprechende Qualifikation dazu kein leichtes Unterfangen darstellt. «Nur schon deshalb, weil jedes Land pro Gewichtsklasse nur einen Athleten ins Rennen schicken darf, ist es sehr schwierig, sich überhaupt zu qualifizieren», erklärt die Judoka.

Brugg ist der neue Lebensmittelpunkt

Einen ersten Schritt, damit es dennoch klappt, hat Hildbrand bereits diesen Sommer vollzogen. Sie hat sich gewissermassen dem Leistungssport verschrieben. Den Arbeitgeber gewechselt. Den Wohnort ausgetauscht. Neuen Lebensmittelpunkt unter der Woche bildet Brugg. Dort findet Hildbrand alles vor, was sie für ihren Traum benötigt. Einen toleranten Arbeitgeber, beste Trainingsbedingungen und eine funktionierende Wohngemeinschaft.

Die Laufeinheit ist mittlerweile abgeschlossen. Längst haben die aufgestiegene Sonne und die erwachten Vögel Leben ins Städtchen gebracht. Für Hildbrand und ihr Team geht der Trainingstag unverzüglich weiter. Eine kurze Stärkung, dann steht in der Turnhalle unmittelbar neben der Aare ein Techniktraining an.

Obschon Judo in erster Linie eine Einzelsportart ist, ergänzt sich das Kader gut. Hildbrand ist im Team eine feste Grösse, hat sich etabliert. Ihre lockere und anständige Art wird geschätzt. «Auf der Matte kann sie dann aber schon explodieren», zwinkert ein Teamkollege. Das Training ist fordernd, jedes Detail im Bodenkampf wird akribisch beleuchtet. Trainer Giorgio Vismara, auch schon mit WM-Medaillen bestückt, korrigiert punktgenau und sachlich. Alles in Englisch. Die Akteure lauschen und versuchen die Anpassungen dann direkt in ihre Übungen zu integrieren. Wie viel davon im Wettkampf tatsächlich zur Anwendung kommt? «Extrem wenig», sagt Hildbrand und fügt an, dass man unter Druck dann eben doch immer wieder auf die gleichen, eingeübten Handgriffe zurückgreife.

Nichtqualifikation ist auch eine Chance

Vergangene Woche ist Hildbrand aus Bratislava zurückgekehrt. Mit durchzogenen Resultaten. Für das Ticket an die U23-Europameisterschaft hätte sie einen Podestplatz benötigt. Herausgekommen ist aber nur der fünfte Platz. Ein Rückschritt in der Karriere der St. Gallerin, welche in der Vergangenheit an Europameisterschaften Dauergast gewesen ist. Hildbrand nimmt die Nichtqualifikation sportlich: «Möglicherweise birgt diese Situation auch neue Chancen.»

Dennoch wäre eine Qualifikation wünschenswert gewesen, hätten sich doch neue Möglichkeiten eröffnet. Bei einer erfolgreichen Europameisterschaft mit einer Medaille hätte sich die Sportlerbeurteilung im System von Swiss Olympics blitzartig geändert. Höhere Unterstützungsbeiträge seitens der Sporthilfe wären die Quintessenz daraus gewesen. Bisweilen berappt die 21-Jährige sämtliche Auslandreisen und Trainingsaufwände aus der eigenen Tasche. Einzig das Bahnbillett ist gesponsert.

«Ich wette, das dauert keine zehn Sekunden»

Im Training auf der weichen Mattenunterlage knallt es. Immer wieder werfen sich die Sportler gegenseitig auf den Rücken. Dem Zuseher stellt sich die Frage, wie lange die Judokas wohl bräuchten, um ihn auf den Rücken zu spedieren. Auf die hypothetische Frage angesprochen, lacht die Gruppe. «Ich wette, es dauert keine 10 Sekunden», spottet die eine, sich amüsierend. Da winkt man doch besser ab und will es gar nicht mehr so genau wissen.

Für Hildbrand ist der Judosport noch immer eine Chance zur Selbstverwirklichung. «Das Gefühl des Gewinnens ist immer wieder aufs Neue unbeschreiblich.» Ausgestattet mit viel Talent und Wille hat die Oberuzwilerin einst beim Budo Center in Oberuzwil ihr Début gegeben. Heute ist die junge Dame nur noch sporadisch am Wochenende in Oberuzwil anzutreffen. Dann trifft sie sich mit Freunden oder ihren Trainingspartnerinnen des Judo Club Nippon St. Gallen. Alkohol und lange Nächte liegen aber nicht mehr drin. «Der Leistungssport ist herausfordernd und geniesst Priorität», stellt Hildbrand eindeutig klar.

Das Fernziel in der Kategorie bis 63 Kilogramm lautet Tokio 2020. Ob die Oberuzwilerin dann dort tatsächlich mit von der Partie ist, wird sich weisen. Fakt ist, dass viele Einflussfaktoren stimmen müssen, damit das Fernziel auch tatsächlich in Erfüllung gehen kann. Zumindest im Trainingsraum der Judokas werden die Sportler bereits heute tagtäglich an ihr grosses Ziel erinnert: Die Flagge mit den fünf olympischen Ringen hängt nicht zu übersehen an der Hallenwand. Sie ist der Inbegriff und Sinn dafür, warum die Athletinnen und Athleten um Carina Hildbrand fernab des grossen Geldes tagtäglich Treppenläufe und Techniktraining in Kauf nehmen. Um dann irgendwann vielleicht doch noch einmal ganz oben auf dem Treppchen anzukommen.

Hinweis

David Metzger ist Student und schreibt regelmässig für den Regionalsport und über Belange aus Flawil für die Wiler Zeitung.