JUBILÄUM: Mehr als nur günstig einkaufen

Der Caritas-Markt in Wil feiert am Freitag sein fünfjähriges Bestehen. Finanziell benachteiligte Personen können dort Produkte zu ermässigten Preisen erwerben. Der Markt ist aber auch zu einem Treffpunkt geworden.

Gianni Amstutz
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Auch junge Menschen sind von Armut betroffen. Im Hintergrund füllt Rita Borner die Regale auf. (Bild: Gianni Amstutz)

Auch junge Menschen sind von Armut betroffen. Im Hintergrund füllt Rita Borner die Regale auf. (Bild: Gianni Amstutz)

Gianni Amstutz

gianni.amstutz@wilerzeitung.ch

Es ist 10 Uhr. Der Caritas-Markt an der Bronschhoferstrasse in Wil hat soeben seine Türen geöffnet. Viele Kunden sind pünktlich zur Ladenöffnung erschienen. Die Geschäftsführerin Rita Borner begrüsst alle herzlich und mit Namen. Schnell wird klar, dass der Caritas-Markt mehr ist als eine Einkaufsmöglichkeit für ­finanziell Benachteiligte. Der ­soziale Aspekt sei sehr wichtig, erklärt Rita Borner. «Wir haben im Eingangsbereich einen Treffpunkt eingerichtet, wo sich die Leute miteinander austauschen können und am Nachmittag auch gratis Kaffee bekommen. Sie sollen hier die Möglichkeit haben, über ihre Ängste und Sorgen oder einfach über Gott und die Welt zu sprechen.» Der Treffpunkt sei aber nicht bloss Kundinnen und Kunden vorbehalten. «Bei uns ist jeder willkommen, der gerne einmal vorbeischauen will», betont Rita Borner. Einkaufen könnten jedoch ausschliesslich Personen mit einer Kultur-Legi-Karte.

Berechtigt, eine solche Karte zu erhalten, seien Personen, ­welche unter oder am Existenzminimum leben. Wer eine Kultur-Legi-Karte besitzt, kann im Caritas-Markt Produkte zu einem vergünstigten Preis einkaufen. Auf den Preisschildern sind jeweils zwei Preise aufgelistet: Jener, den die Kunden tatsächlich bezahlen müssen, und der Preis, den das Produkt in einem herkömmlichen Supermarkt kosten würde. Ein Sechserpack Orangenlimonade ist beispielsweise bereits für 90 Rappen anstatt 2 Franken zu haben.

Im Produktsortiment des Marktes findet sich alles, was für den täglichen Gebrauch nötig ist, nur nicht in der Fülle, wie man es von den Grossverteilern kennt. «Von den Wiler Bäckereien bekommen wir Brot und Patisserieprodukte vom Vortag, und auch frisches Gemüse erhalten wir mehrmals wöchentlich von einem Lieferanten aus der Region», erklärt Rita Borner. Viele der anderen Produkte würden von der Caritas-Genossenschaft akquiriert und an die verschiedenen Märkte in der Schweiz verteilt. «Einige Artikel sind vom Ablaufdatum her etwas knapp, jedoch stets noch frisch und bedenkenlos geniessbar.» Bei manchen Produkten, von denen der Caritas-Markt nur geringe Mengen in den Regalen stehen hat, besteht eine Limitierung, wie viele von den Kunden pro Einkauf erworben werden dürfen. «Thunfisch beispielsweise erhalten wir nur sehr unregelmässig. Damit jeder die Möglichkeit hat, welchen zu bekommen, limitieren wir die Menge, die eingekauft werden darf», erklärt Rita Borner. Die Nachricht über neue Lieferungen spreche sich schnell rum, so dass die Thunfischdosen jeweils trotzdem kurz nach einer Lieferung wieder ausverkauft seien.

Neu wird der Caritas-Markt einmal wöchentlich einen Liefer- beziehungsweise Fahrservice anbieten. Mit diesem können sich die Kunden die Waren wahlweise direkt nach Hause liefern lassen oder sie werden mit dem Auto zum Markt und wieder zurück nach Hause gebracht. So sollen möglichst alle berechtigten Personen vom Angebot des Caritas-Marktes profitieren können.

Armut kann jeden treffen

Die Kundschaft des Caritas- Marktes sei bunt gemischt, ­erzählt die Geschäftsführerin. Denn Armut könne jeden treffen, egal ob alt oder jung, Schweizer oder Ausländer. Doch längst nicht alle, die Anspruch darauf hätten, kämen in den Caritas-Markt. «Es existiert immer noch eine Hemmschwelle, im Caritas-Markt einzukaufen. Viele denken: ‹Ich gehöre doch nicht zu denen› und schämen sich für ihre Armut.» Doch in den vergangenen Jahren habe sich die Wahrnehmung des Caritas-Marktes in Wil etwas verbessert. Das lässt sich auch an den Kundenzahlen festmachen. 90 Kunden sind es mittlerweile täglich. Im ersten Jahr waren es durchschnittlich 30. «Unsere Kundschaft wächst stetig, zwar nicht so schnell, wie wir uns das zu Beginn vorgestellt haben, aber es geht in die richtige Richtung», sagt die Geschäftsführerin. Das Ziel sei, dass der Caritas-Markt mittelfristig selbsttragend werde. Bei durchschnittlichen Ausgaben pro Einkauf von rund elf Franken, brauche es dazu noch ein paar Kunden mehr.

Um den Laden zu betreiben, ist Rita Borner auf die Hilfe von Freiwilligen angewiesen. Zurzeit arbeiten 45 Personen ehrenamtlich im Caritas-Markt. «Wir können aber immer helfende Hände brauchen». Die Bereitschaft, an einem halben Tag in der Woche auszuhelfen, und Zuverlässigkeit seien die einzigen Anforderungen an die Helfer im Caritas-Markt.