JUBILÄUM: «Es soll keine Beerdigung werden»

Die Kolpingfamilie Wil feiert morgen Sonntag ihr 150-jähriges Bestehen. Es sind schwierige Zeiten für den katholischen Verein. Trotzdem blickt der Präsident optimistisch in die Zukunft.

Gianni Amstutz
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Bruno Ruckstuhl vor der Kirche St. Peter, wo der Festgottesdienst morgen Sonntag stattfindet. (Bild: gia)

Bruno Ruckstuhl vor der Kirche St. Peter, wo der Festgottesdienst morgen Sonntag stattfindet. (Bild: gia)

Gianni Amstutz

gianni.amstutz@wilerzeitung.ch

Als vor 150 Jahren die Idee Adolph Kolpings ihren Weg ins kleine und beschauliche Wil fand, waren die Umstände ganz andere als heute. Die Kirche spielte im Leben der meisten Menschen eine wichtige Rolle, Handwerksgesellen hatten wirtschaftlich keine rosigen Aussichten oder Chancen auf Weiterbildung und das Unterhaltungsangebot von damals lässt sich auch kaum mit demjenigen von heute vergleichen. Kolpings Gesellenverein, der christliche Werte predigte, den Gesellen berufliche Perspektiven in Aussicht stellte und Unterhaltung in Form von Theateraufführungen und Konzerten anbot, stiess in dieser Zeit deshalb «auf fruchtbaren Boden», wie es in der Einladung zum 150-Jahr-Jubiläum des Vereins von morgen Sonntag heisst.

«Kolping versuchte, auf die Probleme, welche die Industrialisierung mit sich brachte, eine geistliche wie auch eine weltliche Antwort zu finden», sagt Bruno Ruckstuhl, Präsident der Kolpingfamilie Wil. So pflegte die Kolpingfamilie in der Vergangenheit ein reges Vereinsleben mit zahlreichen Gottesdiensten, Familienanlässen, Theatern, gemeinsamen Ferienausflügen und sogar einer eigenen Krankenkasse. Früher hätten zur Aufnahme strenge Auflagen erfüllt werden müssen, sagt Ruckstuhl. Bis 1970 war die Mitgliedschaft im Gesellenverein nur Männern vorbehalten. Ausserdem mussten Anwärter in Gesprächen und Fragebögen beweisen, dass ihre Wertvorstellungen mit jenen der Kolpingfamilie übereinstimmen. Nur wer eine gewisse Punktzahl erreichte, wurde in den katholischen Verein aufgenommen.

Die fetten Jahre sind vorbei

Aber eben: Mittlerweile hat sich die Situation geändert. Oder biblisch gesprochen: Auf die fetten Jahre folgen die mageren. Die Kirchenbänke bleiben mit wenigen Ausnahmen auch an Sonntagen weitgehend leer, und Vereine kämpfen gegen den Mitgliederschwund. Keine guten Voraussetzungen für einen katholischen Kirchenverein. Das zeigt sich auch bei der Kolpingfamilie. 85 Mitglieder habe die Wiler Sektion noch. Doch die Anzahl der Mitglieder sei nur unwesentlich höher als das Durchschnittsalter derselben, gesteht der Präsident. Und durch Todesfälle und Austritte bei einer geringen Anzahl Neumitgliedern schrumpft diese Zahl jedes Jahr weiter. «Es ist schwierig geworden, neue und junge Mitglieder zu finden», sagt Bruno Ruckstuhl.

Aber gerade solche Jungen wären gefragt, wenn es darum geht, in der Kolpingfamilie tragende Rollen im Vorstand zu übernehmen. Neben Ruckstuhl gibt es zurzeit nur noch zwei weitere Vorstandsmitglieder, die sich um die Anliegen des Vereins kümmern. «Da fehlt uns manchmal schlicht die Kapazität, gewisse Veranstaltungen weiter durchzuführen», erklärt Ruckstuhl. Immer wichtiger werde deshalb die Zusammenarbeit mit anderen Kolpingfamilien aus der Region und dem grenznahen Ausland. Mit diesen stehe man in regelmässigem Austausch und organisiere mehrmals jährlich gemeinsame Ausflüge. Aber auch in Wil selbst führt die Kolpingfamilie trotz schwindender Mitgliederzahl noch immer verschiedene Anlässe durch. Spielnachmittage, Picknicks im Anschluss an Familiengottesdienste und der Waldgottesdienst im Wiler Wald zeigen, dass die Wiler Kolpingfamilie nicht nur noch pro forma existiert, sondern sich auch aktiv am gesellschaftlichen und kirchlichen Leben beteiligt.

Jubiläumsfeier trotz schwierigen Zeiten

Am Sonntag feiert die Kolpingfamilie ihr 150-Jahr-Jubiläum. Ein Festgottesdienst unter Anwesenheit anderer Kolpingfamilien, die mit ihren Fahnen für eine festliche Stimmung sorgen werden, ein Apéro, eine Ausstellung zur Geschichte des Vereins und ein gemeinsames Mittagessen bilden die Programmpunkte. «Es soll ein schönes Fest werden», sagt Ruckstuhl. Und das ungeachtet der schwierigen Zeiten, die der Verein durchmacht. Für einmal sollen die Sorgen über die sinkenden Mitgliederzahlen und den fehlenden Nachwuchs vergessen sein. «Vielleicht gibt uns diese Feier noch einmal etwas Aufschwung», sagt er und fügt entschieden hinzu: «Die Jubiläumsfeierlichkeiten sollen keine Beerdigung werden.»

Hinweis

Jubliäumsfeier, Sonntag, 7. Mai, 9.30 Uhr, Festgottesdienst, Kirche St. Peter