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Interview

«Sollte man jubeln, weil es den Platanenhof braucht?»: Heimleiterin Dagmar Müller über die 125-jährige Geschichte des Oberuzwiler Jugendheims

Während früher ein Velodiebstahl Grund genug war, in den Platanenhof in Oberuzwil eingewiesen zu werden, liegt der Fokus heute vor allem auf prekären Familienverhältnissen. Ein Gespräch mit Heimleitern Dagmar Müller zum 125-Jahr-Jubiläum des Jugendheims.
Tobias Söldi
Das Kantonale Jugendheim Platanenhof wird 125 Jahre alt. Die Verantwortlichen wollen das Jubiläum nicht feiern, aber dennoch die Arbeit aller Beteiligten würdigen. (Bilder: Tobias Söldi)

Das Kantonale Jugendheim Platanenhof wird 125 Jahre alt. Die Verantwortlichen wollen das Jubiläum nicht feiern, aber dennoch die Arbeit aller Beteiligten würdigen. (Bilder: Tobias Söldi)

Den Platanenhof in Oberuzwil gibt es seit 125 Jahren. Feiern wollen Sie das aber nicht. Warum?

Dagmar Müller: Da denkt man zuerst ans Jubilieren. Für mich passt das aber nicht mit unserem Auftrag zusammen, der für die Betroffenen ein trauriger ist.

Sollte man jubeln, weil es den Platanenhof braucht? Dass eine Institution wie unsere überhaupt nötig ist, muss man kritisch sehen.

Trotzdem begehen Sie das Jubiläum.

Wir haben den Wunsch, das 125-jährige Bestehen des Platanenhofs zu würdigen. Es haben sich in dieser Zeit viele Leute nach bestem Wissen und Gewissen für die Jugendlichen eingesetzt.

Wie wird die Würdigung aussehen?

Über das Jahr verteilt wird es einige Anlässe geben. Am Tag der offenen Tür am 25. Mai legen wir den Fokus darauf, den Besucherinnen und Besuchern unseren Auftrag näherzubringen und Einblicke in unsere Tätigkeiten zu ermöglichen. Die Mitarbeitenden zeigen ihre Arbeit und stellen die verschiedenen Bereiche vor, etwa die offenen Wohngruppen, den Ausbildungsbetrieb und die Werkstätten. Es wird zudem zwei Führungen durch die geschlossene Wohngruppe geben.

Was bedeutet das für die Jugendlichen? Der Betrieb in der geschlossenen Abteilung muss ja trotzdem aufrechterhalten werden.

Für sie wird es sicher ein spezieller Tag, wenn so viele Leute hier sind. Aber der Jugendschutz hat höchste Priorität: Es wird keinen direkten Kontakt geben.

Im Alltag ist er aber unvermeidbar. Die Jugendlichen der offenen Wohngruppen bewegen sich frei im Dorf.

Ja, die Jugendlichen kaufen ein, benutzen das Postauto, gehen an den Bahnhof. Dass das nicht ohne Schwierigkeiten geht, ist völlig klar. Umso wichtiger ist es, dass die Leute unseren Auftrag kennen. Wir organisieren dafür zum Beispiel jedes Jahr zwei Infoabende für die umliegende Bevölkerung.

Von welchen Schwierigkeiten sprechen Sie?

Dagmar Müller, Heimleiterin Platanenhof

Dagmar Müller, Heimleiterin Platanenhof

Ab und zu kommt es zu unangemessenem Benehmen in der Öffentlichkeit. Das kann dann zu unangenehmen Erlebnissen führen.

Wie gehen Sie damit um?

Wir sind nicht täglich damit konfrontiert, sondern phasenweise. Es kommt auch auf die Gruppendynamik unter den Jugendlichen an. Aber wenn etwas passiert, dann müssen wir zeitnah reagieren und uns darum kümmern. Die Bevölkerung muss unser Bemühen und unser Verantwortungsbewusstsein spüren.

Gibt es auch Ausbrüche aus der geschlossenen Abteilung?

Sie kommen vor, stellen jedoch ebenfalls kein Alltagsthema dar. Aber natürlich: Es wäre fahrlässig, sich nicht darum zu kümmern. Zu wissen, wie man in einem solchen Fall reagiert, gehört dazu. Das ist eine Frage der Sicherheit.

Und trotz all dem ist der Platanenhof akzeptiert.

Es gibt viele Stimmen, die sagen, der Platanenhof gehört seit 125 Jahren zum Dorf. Von daher würde ich sagen: Es herrscht eine Grundakzeptanz.

125 Jahre ist eine lange Zeit. Gibt es so etwas wie einen roten Faden?

Ja. Der Grundauftrag ist derselbe geblieben. Wir kommen zum Einsatz, wenn die familiären Verhältnisse und die Umfeldbedingungen ein normales Aufwachsen verunmöglichen und eine Fremdplatzierung nötig machen.

Davon abgesehen gab es allerdings massive Veränderungen.

Ja. Zum Beispiel wurden familiäre Probleme früher ganz anders bewertet. Eine alleinerziehende Mutter konnte bereits ein Grund sein für eine Fremdplatzierung. Auch die Bewertung von Delikten hat sich verändert: Einst konnte schon ein Velodiebstahl das Fass zum Überlaufen bringen.

Die Einweisungen in den Platanenhof sind immer geprägt von gesellschaftlichen Wertungen.

Was sind heutzutage die vorherrschenden Gründe für Einweisungen?

Heute geht es vor allem um Familien, die nicht die Ressourcen haben, eine Erziehung zu ermöglichen, die überfordert sind oder die nötige Erziehungskompetenz nicht aufbringen können. Das kann sich in massiven Entwicklungsstörungen äussern. Trotzdem bleibt die Familie das Wichtigste. Wir können sie nie ersetzen. Auch die Haltung gegenüber Einweisungen hat sich verändert.

Inwiefern?

Heute ist man sehr vorsichtig in Bezug auf Fremdplatzierungen, nicht zuletzt wegen den dunklen Kapiteln in der Geschichte der Heime. Aber auch, weil man zuerst alle anderen Möglichkeiten ausschöpft, bevor das Mittel der Fremdplatzierung zum Einsatz kommt. Ich frage mich manchmal: Wie wird man unsere Arbeit in 50 Jahren bewerten? Werden wir dann als zu offen, zu liberal angesehen? Oder wird man sich fragen, wie man sich Einschliessungen erlauben konnte?

Wie steht der Platanenhof finanziell da?

Die Kosten sind hoch. In der geschlossenen Abteilung liegt der Tagesansatz pro Jugendlicher bei 780 Franken, in der offenen bei 495 Franken. Ein Vergleich ist zwar immer heikel, man kann aber sagen, dass wir uns preislich nicht stark von ähnlichen Institutionen unterscheiden.

Was ist der grösste Posten?

Das Personal. In beiden Abteilungen sind pro Gruppe immer zwei Mitarbeitende im Dienst, und das im Falle der geschlossenen Abteilung 365 Tage im Jahr. Das braucht enorme Ressourcen. Insgesamt haben wir für 40 bis 42 Jugendliche 55 Vollzeitstellen zur Verfügung, die wir auf 80 Personen aufteilen.

Ist das wirklich nötig?

Ja, ist es. Wenn man den Betrieb einmal miterlebt, merkt man sehr schnell, wie wichtig es ist, diese Leute zur Verfügung zu haben. Es geht dabei nicht nur darum, eine hohe Qualität zu gewährleisten, sondern auch um die Sicherheit.

Steht der Platanenhof unter Kostendruck?

Von Kosteneinsparungen sind wir bis jetzt nicht betroffen. Ich glaube, dass die Gesellschaft deswegen bereit ist, Ressourcen einzusetzen, weil sie sieht, dass die Einflussnahme gross ist, gewisse Entwicklungsabläufe von Jugendlichen zu korrigieren. Weitere Ressourcen einzufordern ist allerdings angesichts des herrschenden Zeitgeistes schwierig.

Welche Themen werden den Platanenhof in Zukunft fordern?

Das ist schwierig einzuschätzen. Wir werden es sicher mit Jugendlichen mit zunehmend komplexeren Problemstellungen zu tun haben wegen der immer intensiveren Prüfung einer Platzierung. Das bedeutet auch, dass die Mitarbeitenden entsprechend ausgebildet sein müssen. Schwierig ist es zudem, die Schwankungen in der Belegung des offenen Bereichs einzuschätzen. Das ist aber schweizweit ein Thema.

Von der «Besserungsanstalt» zum Kantonalen Jugendheim

Der Platanenhof in Oberuzwil wurde im Jahr 1894 von der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons St. Gallen als «Besserungsanstalt für Knaben» gegründet, wie im Staatsarchiv nachzulesen ist. Damaliger Zweck: 12- bis 16-jährige «jugendliche männliche Personen (Verwahrloste und jugendliche Verbrecher)» aufzunehmen und «dieselben durch die ihr zu Gebote stehenden Mittel der Verbesserung zu tüchtigen Menschen umzubilden». Heute werden im Kantonalen Jugendheim an der Sonnenhofstrasse zivil- und strafrechtlich eingewiesene Jugendliche und junge Erwachsene sozialpädagogisch betreut.
Das Platanenhof führt eine geschlossene Abteilung sowie eine offene Abteilung. Erstere besteht aus zwei gemischtgeschlechtlicher geführten Wohngruppen, einer Schule und einem Atelier. In der offenen Abteilung gibt es drei Wohngruppen für männliche Jugendliche, eine Werkschule und vier Ausbildungsbetriebe. Insgesamt bietet der Platanenhof Platz für maximal 42 Jugendliche. Das Ziel liegt gemäss Homepage darin, mit den Jugendlichen neue Perspektiven zu erarbeiten, die sie befähigen, nach dem Aufenthalt im Platanenhof ihre Zukunft konstruktiv zu bewältigen.
Dagmar Müller leitet den Platanenhof seit 2013. Davor war die ausgebildete Sozialpädagogin neun Jahre als Erziehungsleiterin im Heim tätig. Die 56-Jährige wohnt in Lütisburg. (tos/pd)

Der Tag der offenen Türe findet am Samstag, 25. Mai, von 10 bis 16 Uhr statt.

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