«Jetzt steh’ ich auf der Abendwacht»: Bis ins 19. Jahrhundert warnte ein Nachtwächter die Wiler vor drohendem Ungemach

Früher waren es Nachtwächter, die dafür sorgten, dass die Wiler ruhig schlafen konnten. Nicht alle waren ihrer Verantwortung gewachsen. Die einen, weil sie Brände nicht entdeckten, andere wegen ihrer undeutlichen Aussprache.

Adrian Zeller
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Diese Illustration zeigt, dass die Nachtwächterei oft eine einsame Tätigkeit gewesen sein muss.

Diese Illustration zeigt, dass die Nachtwächterei oft eine einsame Tätigkeit gewesen sein muss.

Bild: PD

In früheren Jahrhunderten war es in den Städten nachts weitgehend finster. Lichtscheue Gesellen musste man in Schach halten. Um die Stadtbevölkerung vor Diebstählen und Feuersbrünsten zu schützen, setzte der Rat in früheren Jahrhunderten Wächter ein.

Ihre Arbeitskleidung trug die Farben der Stadt, und sie hatten einen Eid zu leisten. Zu ihren Aufgaben gehörte nicht nur der Wachdienst, sie hatten auch die Stadttore zu schliessen sowie auf die Einhaltung der verschiedenen Verordnungen zu achten.

Zu den weiteren Pflichten gehörten regelmässige Rufe, die etwa lauteten: «Losed was ich euch will sage: Die Glogg hat zehn Uhr gschlage» oder auch «Jetzt steh’ ich auf der Abendwacht, Gott geb euch allen eine gute Nacht».

Die Rufe mussten verständlich sein

Wer Wil bewachte, musste nicht nur zuverlässig und verantwortungsbewusst sein, er musste auch über eine klare Aussprache verfügen. Diesen Anspruch erfüllten nicht alle Wächter. Laut Protokoll vom 18. April 1739 ermahnte der Wiler Rat einen Nachtwächter, seine Rufe verständlicher darzubringen. Dies sei ihm nicht möglich, entgegnete er. Darauf durfte er im Winter seinen Bruder als Nachtwächter auf die Kontrollrunde schicken. Und der regelmässige Segensruf «uns Gott und unsere liebe Frau behüet» wurde vom Rat in «Gott und Maria behüet» vereinfacht.

Auch andere Wachhabende gaben Anlass zu Beanstandungen: 1612 hielt der Wiler Rat einem ihrer Bediensteten vor, er rufe die Stunden nicht laut und deutlich, sondern johle sie.

Wer zu spät kam, stand vor verschlossenen Toren

Eine Verordnung von 1583 verpflichtete den Mesner, bei der Abenddämmerung die sogenannte Wachtglocke zu läuten. Der Trompeter auf dem Wachtturm gab das Signal zum Dienstantritt des Vormitternachtsnachtwächters. Er trat vor die Tore und forderte mit dreimaligem Rufen ausstehende Personen auf, in die Stadt heimzukehren. Anschliessend wurden die Zugänge zur Stadt verriegelt.

In der Nacht überprüfte der Wächter die Verschlossenheit der Tore, Unregelmässigkeiten hatte er umgehend dem Schultheiss zu melden. Um Mitternacht löste der Nachwächter seinen Kollegen ab, der zuvor Dienst getan hatte.

Wachen in den Gassen und auf Türmen

Nicht nur die Patrouilleure in den Gassen sorgten für Sicherheit, auch auf den Türmen der Stadt achtete man auf Feuer und auch auf aufziehende Belagerer. Die Wachhabenden in luftiger Höhe und in den Gassen mussten sich die Stunden zurufen, so kontrollierten sie sich gegenseitig.

Die Turmwächter erfüllten ihre Aufgabe nicht immer zur Zufriedenheit ihrer Dienstherren. So liess etwa einer seine Kinder den Wachdienst versehen. Ein anderer war jeweils bei Gewitter nicht auf seinem Posten, seine Frau liess ihn nicht gehen.

Bei Feuer nicht Alarm geschlagen

Die Wächter hatten nicht nur bei Feuerausbruch innerhalb Wils Alarm zu schlagen, auch solche in der Umgebung mussten sie umgehend melden. Dies klappte nicht immer. Im Mai 1635 mussten zwei Wächter vor dem Rat erscheinen, sie hatten ein Feuer in Bütschwil, dem die Kirche und einige Häuser zum Opfer fielen, nicht bemerkt und gemeldet.

Der Rat befürchtete, die Wiler würden nun für schlechte Nachbarn gehalten und verachtet werden. Auch als es 1673 in Littenheid brannte, schlugen sie ebenfalls nicht Alarm. Sie verteidigten sich mit dem Argument, sie hätten die Wiler nicht in Angst und Schrecken versetzen wollen.

Wenn der Trompeter auf dem Wachtturm bei Tagesanbruch in den Gassen wieder Frauen und Männer unterscheiden konnte, blies er in sein Instrument. In der Folge wurden die Tore geöffnet und das städtische Leben erwachte.

Einziehen des Wegzolls als Teilzeitjob

Nicht nur in der Nacht sorgten städtische Bedienstete für Ordnung und Sicherheit, auch tagsüber hielten sie Unbill von der Stadt fern.

An den beiden Hauptzugängen zur Stadt sassen tagsüber Torwarte, die den Wegzoll einzogen. Da ihre Aufgabe keine Vollbeschäftigung war, mussten sie gemäss Vorschrift ein Handwerk ausüben, das sie unterbrechen konnten, wenn sie ihre Aufgabe als Torwarte wahrnehmen mussten. In der Regel waren sie Kürschner, Schneider oder Schuhmacher.

Das Wiler Wachtpersonal musste die Bettler im Auge behalten. Kräftige und Kinderlose wurden an den Stadttoren abgewiesen, Familien sowie Invalide erhielten Brot, mussten aber nach einer Stunde die Stadt wieder verlassen. Bei Hochzeitsfeiern, Jahrmärkten, Primizen, kirchlichen Feiertagen, an der Fastnacht und weiteren Anlässen wurden die städtischen Wachen verstärkt. Offenbar überbordeten entsprechende Veranstaltungen gelegentlich.

Im Jahr 1830 Abschaffung beschlossen

Im Jahr 1830 beschlossen der Gemeinderat und der Ortsverwaltungsrat, dass der Wachtdienst auf den Türmen und an den Toren nicht mehr erforderliche Ausgaben verursache und abzuschaffen sei.