«Mission B»: Niederhelfenschwil
führt regionales Gemeinderanking an

Es braucht wenig, um beim Projekt «Mission B» dabei zu sein: Wildblumen säen, Äste oder Steine türmen etwa. Senkrecht in die Aktion gestartet sind Niederhelfenschwil und Flawil. Sie führen aktuell das Gemeinderanking an.

Andrea Häusler
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Seit Jahren prägen Naturwiesen das Bild auf dem Wiler Friedhof. Ähnliches ist nun auch auf Uzwils Friedhöfen geplant. (Bilder: Andrea Häusler)

Seit Jahren prägen Naturwiesen das Bild auf dem Wiler Friedhof. Ähnliches ist nun auch auf Uzwils Friedhöfen geplant. (Bilder: Andrea Häusler)

«Zum ersten Mal kommt die Holzbiene in meinen Garten. Was für ein eindrückliches ­Wesen!» postet Isabella Sedivy ­begeistert auf Facebook. Und Jacqueline Gut dokumentiert mit einer inspirierenden Fotostrecke, dass auch ein Balkon grün und insektenfreundlich sein kann. Die Facebook-Gruppe «Mission B – jeder Quadratmeter zählt» hat schweizweit bereits über 3000 Mitglieder, die im regen Austausch über die Bemühungen um mehr Biodiversität in privaten Gärten stehen und stolz die erzielten Erfolge teilen.

Start vor drei Monaten

Hervorgegangen ist die öffentliche Social-Media-Gruppe aus der Aktion «Mission B», einem Projekt der öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehstationen der Schweiz. Deren Ziel es ist, dem Rückgang der Biodiversität entgegenzuwirken. Denn jede Sekunde verliert die Schweiz fast 0,7 Quadratmeter Grünfläche: Der Mensch braucht Platz zum Wohnen oder für die intensive Landwirtschaft. Die Konsequenz: Insekten sterben, Vögel verschwinden und viele Pflanzen- und Tierarten sind bedroht. Start der gemeinsamen Anstrengungen zu Gunsten der Artenvielfalt war am 20. März.

Regionaler Leader ist Niederhelfenschwil

«Mission B» setzt auf die Kraft gemeinsamer Anstrengungen. Angesprochen sind jeder und jede Einzelne, aber auch Institutionen, Vereine, Landwirte, Schulen und nicht zuletzt die Gemeinden. Weil jeder Quadratmeter neuer Biodiversitätsfläche auf der Internetseite www.missionb.ch eingetragen werden kann, entsteht eine Art von Gemeinde-Duell, in dem Niederhelfenschwil aktuell mit plus 3684 Quadratmetern regional die Nase vorn hat. Wobei Flawil auf gutem Weg ist, der flächenmässig grösseren Landgemeinde die Leaderposition streitig zu machen. Immerhin ist es Flawil gelungen, die bisher 1300 Quadratmeter artenreichen Naturflächen innerhalb des Projektzeitraums um 2709 Quadratmeter (Stand gestern) aufzustocken. Ein Teilerfolg, mit dem sich der Gemeinderat aber nicht begnügt.

Das Flawiler Lehmtobel dürfte nach Abschluss der Deponiesanierung ein gestalterisches Mekka für naturnahe Flächen werden.

Das Flawiler Lehmtobel dürfte nach Abschluss der Deponiesanierung ein gestalterisches Mekka für naturnahe Flächen werden.

So etwa verlangt der Unterhalts- und Pflegeplan für die gemeindeeigenen Grünflächen die Schaffung von Blumenwiesen statt Rasenflächen, die Ansiedlung von Wildhecken sowie die Platzierung von Bienenhotels oder Vogelhäuschen. Potenzial sieht der Gemeinderat darüber hinaus bei den Wasserbauprojekten «Lehmtobel» und «Buebentaler-/Aeschbach», deren Umgebung für die Schaffung von Grünräumen aus heimischen Pflanzen prädestiniert ist.

Degersheim steht für Grün

«Degersheim zum Anbeissen»: Das Projekt, mit dem die Gemeinde zu den Gewinnern des Jubiläumswettbewerbs der St. Galler Kantonalbank zählte, ist lanciert und im zweiten Jahr angekommen. Der Erhalt des Grünstadtlabels ist erklärtes Ziel. Trotzdem gehört die Gemeinde mit 567 Quadratmetern neuer Biodiversitätsflächen seit März, (noch) nicht zur Leadergruppe. Allerdings sind die Voraussetzungen nicht in allen Gemeinden die gleichen. Degersheim beispielsweise hat wenig grosse, zusammenhängende Grünflächen zu bewirtschaften. Vorwiegend sind es kleine Landspickel an Strassenkreuzungen oder Rabatten. Diese will der Gemeinderat aber gezielt ökologisch aufwerten, wie er im jüngsten Mitteilungsblatt deutlich macht. Zurzeit werde ein Konzept erstellt, nach dem diese Flächen künftig bepflanzt und gepflegt werden sollen.

Erste Projekte sind bereits umgesetzt. Insbesondere wurde in den letzten Jahren bei Bauvorhaben auf die Artenvielfalt und die Herkunft der Pflanzen geachtet. Bei der Sanierung des Oberstufenschulhauses etwa wurden alle nicht heimischen Pflanzen entfernt und durch Wildblumenwiesen oder Sträucher ersetzt.

Mit der Verwendung von einheimischen Pflanzen alleine ist es allerdings nicht getan. «Vor allem die Pflege der Grünflächen beeinflusst die Biodiversität und muss darum möglichst naturnah erfolgen», sagt Simon Witzig, Leiter der Abteilung Werke in der Gemeinde Degersheim im erwähnten Gemeindeblatt. Bei der Pflege der Grünflächen setzt er darum, wenn immer möglich, auf biologische Düngung.

Wil weist ein Plus von fast 300 Prozent aus

Anspruchsvoll sind die Bedingungen auch in städtischen Gemeinden wie Wil. Erfolge sind aber gleichwohl möglich, wie die Entwicklung in der Startphase von Mission B zeigt. Die bisher 93 eingetragenen Quadratmeter naturnaher Grünflächen wurden während der Projektphase um 237 Quadratmeter aufgestockt.

Uzwil hat bereits ordentlich vorgelegt

Uzwil zählt – wie Niederhelfenschwil – zu jenen Gemeinden, die bereits mit einen beträchtlichen Ist-Bestand ins «Duell» der naturnahesten Gemeinden gestartet ist. 3850 Quadratmeter wies Uzwil vor Projektbeginn aus, seit dem 20. März sind 365 Quadratmeter hinzugekommen.

Beispielhaft: Farbige Blütenpracht auf wenigen Quadratmetern. Die bepflanzten Baumrabatten vor dem neuen Uzwiler Gemeindehaus.

Beispielhaft: Farbige Blütenpracht auf wenigen Quadratmetern. Die bepflanzten Baumrabatten vor dem neuen Uzwiler Gemeindehaus. 

Ziel des Gemeinderats ist die Aufwertung des Grüngürtels, der sich von Uzwil nach Niederuzwil zieht und in den verschiedene öffentliche Anlagen eingebettet sind. Dafür laufen die konzeptionellen Vorarbeiten. Seit jeher und auch künftig gilt hier: Wo kein Rasen sein muss, entsteht eine Blumenwiese. Vor allem auf den Friedhöfen soll der Natur mehr Raum gegeben werden. Das wird möglich, weil die Erdbestattungen zurückgehen und dadurch Freiräume entstehen.

Die Aktion «Mission B» dauert noch bis zum September 2020. Bis gestern waren gesamtschweizerisch 403435 Quadratmeter oder gut 40,3 Hektaren neue naturnahe Flächen eingetragen.