«Jeder von uns erlebt Unfälle»

REGION. Die Bremsen müssen kontrolliert werden – und das gleich doppelt. Vor der Abfahrt am Startbahnhof Wil, und dann nach wenigen Metern Fahrt. Dies ist keine Konsequenz aus dem schrecklichen Vorfall in der Waadt, sondern Standard bei jeder Fahrt der Frauenfeld-Wil-Bahn.

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REGION. Die Bremsen müssen kontrolliert werden – und das gleich doppelt. Vor der Abfahrt am Startbahnhof Wil, und dann nach wenigen Metern Fahrt. Dies ist keine Konsequenz aus dem schrecklichen Vorfall in der Waadt, sondern Standard bei jeder Fahrt der Frauenfeld-Wil-Bahn. Urs Rüegg, seit 29 Jahren Lokführer bei der FW, muss dies auch im neuen «Zebra» tun. Kurz nach der Ausfahrt aus dem Wiler Bahnhof erfolgt darum bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h das «Bremsen auf Probe» und der Zug wird leicht entschleunigt.

Schon kurze Zeit später folgt in Münchwilen der erste kritische Bereich. «Man beobachtet die Verkehrsteilnehmer dreifach. Wenn wir nicht aufpassen würden, hätte es schon viel mehr Unfälle gegeben», sagt Rüegg. Gerade in Münchwilen kommt es immer wieder zu Zwischenfällen, obwohl dort die Geschwindigkeit auf 30 km/h beschränkt ist und oft gar langsamer gefahren wird.

Handy verlässlicher als Funk

Das Handy von Urs Rüegg klingelt. Abnehmen während der Fahrt? Über eine Freisprechanlage reden? Immerhin ist das Handy auch ein Arbeitsmittel und er muss stets erreichbar sein. Noch ist das Handynetz nämlich verlässlicher als der neu errichtete Funk, bei dem es noch Kinderkrankheiten gibt. Rüegg hat eine einfache Lösung und der Betriebszentrale einen Klingelton zugeteilt, der sich von anderen unterscheidet. Dieses Mal ist es ein privater Anruf und der Rückruf erfolgt in einer Pause.

Weiter geht die Fahrt, vorbei an Matzingen. Nach diesem Bahnhof wird der Zug für den Rest der Strecke bis Frauenfeld nicht mehr von der Betriebszentrale St. Gallen überwacht, da die technische Umrüstung erst im Oktober erfolgen wird. Damit kommt dem Lokführer eine noch grössere Verantwortung zu. Trotzdem ist der Abschnitt zwischen Matzingen und Murkart jener, auf dem 75 km/h schnell gefahren wird. Nirgends ist das «Bähnli» schneller unterwegs.

Tempomat in Frauenfeld

Angst vor einem Unfall hat Urs Rüegg nicht, obwohl er schon in mehrere direkt involviert war. «Das erlebt jeder, der schon mehrere Jahre bei der FW-Bahn arbeitet», sagt der Wiler. Es sind Worte mit Nachgang. «Ich habe keine Albträume. Zudem bin ich froh um meine starke Partnerin. Es ist aber so, dass man nicht alles von der Arbeit mit nach Hause nimmt.» Seitens des Arbeitgebers wird bei der Einstellung eines Lokführers die Belastbarkeit getestet. Kandidaten müssen unter anderem einen Test an der Hochschule für angewandte Psychologie in Zürich bestehen. Seit die Appenzeller Bahnen bei der FW das Zepter übernommen hat, wird nach belastenden Unfällen Betreuung angeboten. Es handelt sich dabei um ein Angebot und nicht um eine Pflicht. Die Lokführer haben nach einem Unfall die Möglichkeit, während einer gewissen Zeit nicht fahren zu müssen. Es wurde die Erfahrung gemacht, dass die baldige Rückkehr an den angestammten Arbeitsplatz bei der Bewältigung von Unfällen und Ereignissen oft der richtige Weg ist.

Der heikelste Teil der Fahrt steht noch bevor, nämlich jener in Frauenfeld vom Marktplatz zum Bahnhof. Hierbei fährt Rüegg mit dem Tempomat, eingestellt auf 15 km/h. Beim Kreisel fährt ein Lastwagen bedrohlich nahe an das «Zebra». «Das war knapp», sagt Rüegg. «Viele Lastwagenfahrer können die Breite der Bahn nicht abschätzen. Das neue<Zebra> ist zwar nicht breiter als die alten Fahrzeuge, schwenkt in den Kurven aber weiter aus. Ich bin jeweils froh, wenn ich wieder aus der Stadt raus bin.»

Umarmung und Finderlohn

28 Minuten nach der Abfahrt in Wil ist der Frauenfelder Bahnhof erreicht – ohne Kratzer. Urs Rüegg wird von einer Frau aus Ungarn erwartet, die ihre Handtasche im Zug hat liegenlassen. Die Freude bei ihr ist riesig und für den Lokführer gibt es eine herzhafte Umarmung sowie einen kleinen Finderlohn.

Seit 29 Jahren fährt Urs Rüegg meist zwischen Wil und Frauenfeld. Er kennt «jeden Schotterstein», wie er sagt. Besteht da nicht die Gefahr, dass mit der Routine die Konzentration verlorengeht? Immerhin fährt er pro Arbeitstag fünf- oder sechsmal nach Frauenfeld und zurück. «Das ist kein Problem, weil die Strecke sehr anspruchsvoll ist.» Zudem ist die Freude über den neuen Zug gross. «Das <Zebra> ist so zart wie ein Filet und fährt sich ganz anders.» Es ist bereits der fünfte Fahrzeugtyp, den Rüegg fährt, «aber der mit Abstand feinste». Simon Dudle

Ab kommendem Sonntag wird die zweite neue Komposition der Frauenfeld-Wil-Bahn in den Fahrplan-Betrieb aufgenommen.