Jeder einzelne entscheidet

Seit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses gegenüber dem Schweizer Franken ist der Teufel los. Keine Beiz bleibt vor hitzigen Stammtischdebatten über Sinn und Unsinn der Entscheidung der Schweizerischen Nationalbank und deren Folgen verschont.

Hans Suter
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Bild: Hans Suter

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Seit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses gegenüber dem Schweizer Franken ist der Teufel los. Keine Beiz bleibt vor hitzigen Stammtischdebatten über Sinn und Unsinn der Entscheidung der Schweizerischen Nationalbank und deren Folgen verschont. Während sich der eine brüstet, genau zum richtigen Zeitpunkt Euro gekauft und tüchtig profitiert zu haben, fragt der andere kritisch, wozu er diese überhaupt brauche. «Natürlich für die Ferien», gibt dieser unumwunden zu. «Also ist dieses Geld für die Schweizer Wirtschaft verloren», folgert der andere. «Wieso?», fragt dieser. «Du wirst in der Schweiz wohl kaum mit Euro bezahlen. Also gibst du deine Euro im Ausland aus, womit das Geld für die Arbeitsplätze in der Schweiz verloren ist.» Und schon liegt das Thema auf dem Tisch, ob es ethisch vertretbar ist, im günstigen Konstanz statt in Wil, Uzwil, Flawil oder in Sirnach einzukaufen. «Ich sehe nicht ein, warum ich ein deutsches Produkt zu einem viel höheren Preis in einem Schweizer Laden kaufen soll. Und warum ein Schweizer Produkt in Konstanz deutlich weniger kostet als hier, verstehe ich schon gar nicht. Manchmal fühle ich mich vom Schweizer Detailhandel richtiggehend betrogen», sagt der eine. «Das kann ich wohl verstehen», erwidert der andere. «Es ist auch nicht weiter tragisch, wenn du zuweilen in Konstanz oder über einen Onlineshop im Ausland etwas einkaufst. Problematisch wird es, wenn viele so denken wie du. Dann ist in der Region Wil bald nicht mehr viel los.» Nach einer kurzen Pause sagt der eine: «Diese Schuld lasse ich nicht auf mich schieben. Mir hilft auch keiner, warum muss ausgerechnet ich mit meinem sauer verdienten Geld zu überhöhten Preisen hier einkaufen?»

Ein älterer Herr mit langem, weissem Haar rutscht mit seinem Stuhl vom Nachbartisch herüber. Es wird schlagartig ruhig. Er blickt mit wachen Augen in die Runde, senkt bedächtig das Haupt, richtet den Blick dann wieder in die Runde und sagt mit ruhiger Stimme: «Trotz unterschiedlicher Meinung habt ihr beide etwas Wichtiges begriffen: Die Entscheidung, was wir wo einkaufen, liegt bei uns. Damit entscheidet jeder einzelne von uns mit, wie es um unsere Wirtschaft und um unsere Arbeitsplätze bestellt ist. Ihr seht, wir tragen grosse Verantwortung.»

hans.suter@wilerzeitung.ch