Jasmine Fiechters langer Weg zur Leaderfigur bei Volley Toggenburg: «Am Anfang war ich nicht auf dem gleichen Niveau wie meine Mitspielerinnen»

Die 19-jährige Wilerin Jasmine Fiechter ist seit dieser Saison Captain des NLA-Teams von Volley Toggenburg. Nach den ersten Trainings unter Coach Marcel Erni deutete noch nicht viel daraufhin, dass sie sich so positiv entwickeln würde.

Tim Frei
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Jasmine Fiechter lief mehrere Jahre für die Jugend-Nationalmannschaft auf.

Jasmine Fiechter lief mehrere Jahre für die Jugend-Nationalmannschaft auf.


Benjamin Manser

Jasmine Fiechter punktet viel im Angriff. Wenn sie das tut, geht es jeweils schnell. Sie breitet ihre Arme nach hinten aus, wie es Vögel mit ihren Flügeln tun. Dann geht es blitzartig: Fiechter schwingt die Arme in vollem Tempo nach vorne und stösst sich mit dieser Energie athletisch in die Luft, um schliesslich am höchsten Punkt den zugespielten Ball per Smash übers Netz und ins Feld des Gegners zu befördern.

Diese Dynamik und Durchschlagskraft im Angriff sind das Markenzeichen und die grosse Stärke der Volleyballerin Jasmine Fiechter. So überrascht es nicht, dass sie hinter der Chinesin Liu Xinrui die zweitbeste Topskorerin im NLA-Team von Volley Toggenburg ist.

Im Alter von 15 Jahren in der NLA debütiert

Fiechter zählt zu den wichtigsten Spielerinnen der Equipe. Das zeigt sich auch daran, dass Trainer Marcel Erni Fiechter in der ersten Saison seit dem Wiederaufstieg zum Captain machte. Das ist aussergewöhnlich, denn sie ist mit 19 Jahren eine äusserst junge Spielführerin. Das passt jedoch zu Volley Toggenburg, stellt es doch ligaweit das jüngste und unerfahrenste Team. Mit 1,80 Metern ist Fiechter keine grosse Volleyballerin. Doch sie kompensiert das mit ihrer Athletik – bis dahin war es ein langer Weg.

Jasmine Fiechter macht ihre Nachteile bei der Körpergrösse mit Athletik wett.

Jasmine Fiechter macht ihre Nachteile bei der Körpergrösse mit Athletik wett.

Benjamin Manser

Fiechter begann im Alter von zehn Jahren beim STV Wil mit Volleyball. Drei Jahre später, auf die Saison 2013/2014 hin, folgte der Wechsel zu Volley Toggenburg. Bereits als 15-Jährige debütierte sie in der höchsten Liga. Sie hat dem Club bis heute die Treue gehalten, trotz eines Angebots des ambitionierten NLA-Teams Schaffhausen. «Ich fühlte mich geehrt», sagt Fiechter dazu.

Vieles sprach gegen einen Wechsel

Doch es sprachen mehrere Gründe dagegen. Volley Toggenburg ist bekannt dafür, dass es junge Spielerinnen fördert und ihnen Einsätze garantiert. «Marcel Erni hat Verständnis dafür, wenn die Schule mehr Priorität hat», sagt Fiechter, die diesen Sommer die Matura am Kunst- und Sportgymnasium Rämibühl in Zürich abschliesst. Auch eine Rolle spielte, dass sie in der Nähe ihres Wohnorts Wil trainieren konnte.

Apropos Training: Hatte sie in den ersten zwei Jahren an der Kantonsschule noch neun Einheiten pro Woche absolviert, sind es heute sechs bis sieben, darunter zwei Krafttrainings. «Früher ging es darum, möglichst viele Ballberührungen zu haben», sagt Fiechter. Jetzt sei die Qualität des Trainings wichtiger.

Zweimal Dritte an U21-Meisterschaften im Beachvolleyball

Fiechter hat sich unter Erni positiv entwickelt. So positiv, dass sie mehrere Jahre für die Jugend-Nationalmannschaft auflief. Sie spielt nicht nur erfolgreich in der Halle, sondern auch draussen auf dem Beachfeld. Vergangenen Herbst wurde sie zum zweiten Mal Dritte an den Schweizer U21-Meisterschaften im Beachvolleyball.

Fiechter hat sich bei Volley Toggenburg unter Trainer Marcel Erni positiv entwickelt.

Fiechter hat sich bei Volley Toggenburg unter Trainer Marcel Erni positiv entwickelt.


Benjamin Manser

Nach Fiechters ersten Trainings bei Toggenburg deutete nicht viel auf diese Entwicklung hin. Coach Erni erinnert sich: «Jasmine Fiechter kam mit technischen Defiziten zu uns. Ihre Athletik war aber schon damals erkennbar.» Die Spielerin teilt diese Meinung: «Ich war zweifellos nicht auf dem gleichen Niveau wie meine Mitspielerinnen.»

Vor ihren ersten Trainings mit der ersten Equipe hatte sie grossen Respekt. «Einerseits wollte ich mich mit Fehlern nicht blamieren. Anderseits befürchtete ich, dass mir Bälle ins Gesicht fliegen würden», sagt sie.

Mit harter Arbeit fehlendes Talent kompensiert

Erni war aber überzeugt, dass in Fiechter viel Potenzial schlummerte. «Er hat mich von Beginn an stark gefördert», sagt die Angriffsspielerin. Sie rechnet ihm hoch an, dass er sie früh mit dem ersten Team trainieren liess. «Und dies obschon ich damals noch keine Bereicherung war. Ich habe von diesen Einheiten viel profitiert.»

Fiechter ist auch ein Beispiel dafür, was mit Willen und harter Arbeit möglich ist. Der Trainer im Nachwuchs-Nationalteam sagte zu ihr: «Du hast nicht so viel Talent, aber du bist eine gute Arbeiterin. Und meistens bringt man es damit weiter.»

Hinweis: Volley Toggenburg spielt am Sonntag in Wattwil in der Rietsteinhalle gegen Schweizer Meister Neuenburg. Spielbeginn ist um 16.30 Uhr.