Jammern fürs Gemüt

Jetzt ist die perfekte Zeit, Kontakte zu knüpfen, Menschen näher zu kommen, die man sonst nicht wahrnehmen würde. Nicht weil die Jahreszeit die oft beschriebenen und besungenen Frühlingsgefühle weckt, Seele und Geist beflügelt, ungeahnten Tatendrang weckt.

Andrea Häusler
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Bild: Andrea Häusler

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Jetzt ist die perfekte Zeit, Kontakte zu knüpfen, Menschen näher zu kommen, die man sonst nicht wahrnehmen würde. Nicht weil die Jahreszeit die oft beschriebenen und besungenen Frühlingsgefühle weckt, Seele und Geist beflügelt, ungeahnten Tatendrang weckt. Sondern, weil Petrus ungebeten das Thema liefert, das Fremde zusammenführt: das Wetter. Egal, wo der Weg hinführt, in die Bäckerei nebenan, an die Kasse des Tankstellenshops, ins Wartezimmer des Zahnarztes oder auf den Coiffeursessel – die ersten Worte sind garantiert: «Das ist ja wieder ein Sauwetter heute; so einen Frühling gab es lange nicht.» Die Basis für ungezwungenen Smalltalk – oder kollektives Jammern – ist gelegt, das Eis innert Sekunden gebrochen. Schliesslich ist das Thema beinahe unerschöpflich und jeder, wirklich jeder, weiss dazu etwas zu sagen. Das darf er auch völlig risikofrei tun. Sich ins Fettnäpfchen setzen? Unmöglich. Das Wetter, zumindest das Gespräch darüber, ist frei von Konfliktpotenzial. Denn kaum jemand wird den Standpunkt vertreten: «Diese Kälte, die Sturmtiefs und Wolkenbrüche sind wunderbar.»

Die Gunst der Stunde gilt es zu nutzen. Denn ändert die Wetterlage, wandelt sich die Ausgangslage. Wärmender Sonnenschein macht gute Laune: Es schweigt und geniesst sprichwörtlich der Gentleman. Und die Frauen, die geniessen auch. «Haben wir doch herrliches Wetter» ist zuweilen zwar zu hören. Ein bestätigendes Ja vielleicht, doch viel mehr nicht.

Ein Frühlingshoch ist nach wie vor nicht zu sehen, sagen jene, die es wissen müssen. Noch bleibt also Zeit, sich in der Suche nach Positivem im Negativen zu üben. Der Austausch von meteorologischen Belanglosigkeiten vermag zwar nicht den Geist zu nähren, das Gemüt zu erhellen aber allemal. Und der Frühling? Irgendwann kommt er bestimmt.

andrea.haeusler@wilerzeitung.ch

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