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"IRREFÜHREND": Pouletmast in Bazenheid am "10vor10"-Pranger - Micarna verärgert

Der Beitrag "Der Tod ist Teil des Geschäfts" der SRF-Sendung "10vor10" sorgt für Wirbel. Die Micarna SA wirft den Machern vor, sich von "Tier im Fokus" instrumentalisieren zu lassen und tendenziösen Journalismus zu betreiben.
Hans Suter
Blick in einen Stall für Pouletmast, der den Vorgaben «Besonders tierfreundlicher Stall» (BTS) entspricht. Eine der Vorgaben: Mindestens zehn Prozent an zusätzlicher Fläche mit erhöhten Sitzgelegenheiten. (Bilder: PD)

Blick in einen Stall für Pouletmast, der den Vorgaben «Besonders tierfreundlicher Stall» (BTS) entspricht. Eine der Vorgaben: Mindestens zehn Prozent an zusätzlicher Fläche mit erhöhten Sitzgelegenheiten. (Bilder: PD)

Hans Suter

hans.suter@wilerzeitung.ch

"Was kommt bei uns auf den Teller?", leitet der "10vor10"-Moderator am Dienstagabend einen Fokusbeitrag zum Thema Hühnermast ein. Verzehrten Schweizerinnen und Schweizer 2006 noch acht Kilogramm Hühnerfleisch pro Person und Jahr, seien es 2016 bereits mehr als zwölf Kilo gewesen. "Die Hälfte davon kommt aus der Schweiz, und hier meistens aus besonders tierfreundlicher Stallhaltung", sagt der Moderator. Und fügt hinzu: "Das ist jetzt nicht unsere Formulierung", besonders tierfreundliche Stallhaltung (BTS) sei eine offizielle Bezeichnung. Der Report sollte dann aufzeigen, "dass auch in dieser tierfreundlichen Pouletmast viele Tiere leidvoll verenden".

Deborah Rutz, Stv. Leiterin Kommunikation Micarna. (Bild: pd)

Deborah Rutz, Stv. Leiterin Kommunikation Micarna. (Bild: pd)

Bei der Micarna SA, dem Fleischverarbeiter der Migros, hat der Fokusbeitrag Ärger und Kopfschütteln ausgelöst. "Der Beitrag von ‘10vor10’ ist enttäuschend und irreführend", kritisiert Deborah Rutz, stellvertretende Leiterin Kommunikation. "SRF hat sich von der Tierrechtsorganisation ‘Tier im Fokus’ instrumentalisieren lassen und unseres Erachtens gleich mehrfach gegen die publizistische Leitlinien verstossen", sagt Deborah Rutz. In seiner Gesamtheit beurteilt sie den TV-Beitrag als "tendenziös und schlicht enttäuschend für einen unabhängigen Sender".

Unterschiedliche Ansichten beim Tierwohl

Deborah Rutz kritisiert, SRF sei unter falschem Vorwand an die Micarna SA herangetreten. "Uns wurde erklärt, es handle sich um einen Beitrag, der die Vor- und Nachteile der besonders tierfreundliche Stallhaltung BTS erklären soll", sagt sie. Dass es sich in Tat und Wahrheit um einen Beitrag über anonymes Bildmaterial zu toten Tieren in der Pouletmast handle, sei verschleiert worden. Dementsprechend seien die Antworten und Reaktionen der befragten Personen aus dem Micarna-Umfeld nicht adäquat und zum Teil sogar völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Das sei jedoch nur die eine Seite. Die andere betreffe zahlreiche Falschaussagen und irreführende Angaben. So werde ohne Quellenangabe behauptet, bei der BTS-Pouletmast sei eine Mortalität von 4 Prozent der Tiere üblich, während diese bei der Auslaufhaltung bei lediglich 1 bis 1,5 Prozent liege. "In Tat und Wahrheit sind es im BTS-Programm etwa 2,5 Prozent", sagt Deborah Rutz. Der Grund für diese Sterberate liege darin, dass die Poulets bei der Einstallung nicht prophylaktisch mit Antibiotika behandelt würden. "Doch das wird mit keinem Wort erwähnt", bemängelt sie.

Weiter wird im Beitrag kritisiert, die Tiere dürften den Wintergarten (ab dem 21. Lebenstag) nur benutzen, wenn die Temperatur mindestens 12 Grad betrage. Das sei augenscheinlich keine tierfreundliche Haltung. Deborah Rutz muss ein Lächeln verbergen: "Bei kühleren Temperaturen würden die Tiere erfrieren, deshalb dürfen sie erst ab 12 Grad in den Wintergarten. Leider wird das nicht erwähnt."

Der Wintergarten darf von den Mastpoulets ab dem 21. Lebenstag benutzt werden, allerdings nur, wenn die Mindesttemperatur 12 Grad beträgt. Sonst drohe Erfrieren. (Bild: pd)

Der Wintergarten darf von den Mastpoulets ab dem 21. Lebenstag benutzt werden, allerdings nur, wenn die Mindesttemperatur 12 Grad beträgt. Sonst drohe Erfrieren. (Bild: pd)

Ganz anderer Ansicht als bei der Micarna SA ist der Präsident der Tierrechtsorganisation "Tier im Fokus" (TIF), Tobias Sennhauser. Er gibt unumwunden zu, dass SRF anonymes Bildmaterial von TIF mit toten Tieren in BTS-Ställen erhalten und TIF damit den "10vor10"-Beitrag initiiert habe. TIF lehnt jegliche Tierhaltung ab, die den gewaltsamen Tod von Tieren zur Folge hat. "Bei BTS handelt es sich um Massentierhaltung, die fälschlicherweise als besonders tierfreundlich bezeichnet wird. Doch das Gegenteil ist der Fall", kritisiert Tobias Sennhauser. "Denn der Schuss geht nach hinten los", sagt er. Diese Massentierhaltung werde vom Bund gar noch mit rund einem Franken pro Tierplatz und Jahr unterstützt. "Dieser Anreiz fördert die Massentierhaltung und führt zu noch mehr und grösseren Ställen." Das Bildmaterial zeige, dass die sogenannt tierfreundliche Haltung bei BTS ein riesiger Schwindel sei.

Tobias Sennhauser, Präsident "Tier im Fokus".

Tobias Sennhauser, Präsident "Tier im Fokus".

Bei der Micarna SA würde man das Bildmaterial gerne auf den Wahrheitsgehalt überprüfen. "Sollte es zutreffen, dass in BTS-Ställen aus den Reihen unserer Produzenten nicht korrekt gearbeitet wird, würden wir sogleich Massnahmen ergreifen", sagt sie. "Doch leider wird uns das Originalbildmaterial nicht ausgehändigt." Das bestätigt Tobias Sennhauser denn auch.

SRF-Medienstelle weist Kritik der Micarna zurück

Zur Kritik der Micarna an SRF äussert sich SRF-Mediensprecher Stefan Wyss mit folgender Stellungnahme: "Micarna wurde vor dem Interview informiert, dass Tier im Fokus TIF ‘10vor10’ verdeckte Aufnahmen zugespielt hat und dass darauf tote und verletzte Tiere in BTS-Ställen zu sehen sind. Ebenso wurde Micarna vorgängig über die von TIF erhobene Kritik in Kenntnis gesetzt und dass ‘10vor10’ deshalb zeigen wolle, was BTS-Haltung sei. Die verdeckten Aufnahmen wurden Micarna dann vor Ort gezeigt, was im Beitrag auch zu sehen ist. Micarna konnte im Beitrag zu den Vorwürfen Stellung nehmen."

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