Investition in die Zukunft der Kinder

Am 30. November stimmen die Wilerinnen und Wiler über den Ausbau der Schulsozialarbeit ab. Das Stärken der Prävention macht Sinn. Ein Ja ist ein Akt der Solidarität. Leitartikel von Philipp Haag

Merken
Drucken
Teilen

Kinder sind die schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft. Sie brauchen die Liebe ihrer Eltern und die Aufmerksamkeit ihrer Lehrerinnen und Lehrer. Jedes Kind verdient es, von der Gesellschaft und dem Staat ernst genommen zu werden. Die Eltern haben die Erziehungspflicht, die Schule hat den Bildungsauftrag. Das Aufwachsen der Kinder ist allerdings ein Prozess, der sich zunehmend schwieriger gestaltet. Sich verändernde, zuweilen problematische Familienverhältnisse – Patchworkfamilien, ein alleinerziehender Elternteil, überforderte Erwachsene – hoher Druck seitens der Wirtschaft – Kinder müssen sich beinahe schon am Ende der Primarschule entscheiden, welchen Beruf sie ergreifen wollen – und eine mediale Reizüberflutung sind Stichworte. Bei derartigen Herausforderungen darf bei den schwächsten Mitgliedern unserer Gesellschaft nicht gespart werden, weder in der Schule noch bei den angegliederten Angeboten.

Parlament hat zugestimmt

Der Wiler Stadtrat möchte die Schulsozialarbeit um 250 Stellenprozente ausbauen. Der Stellenetat soll von 305 auf 555 Stellenprozente erhöht werden. Die jährlichen Mehrkosten belaufen sich auf 345 000 Franken. Die Aufwendungen für die Schulsozialarbeit steigen von 420 000 Franken auf 765 000 Franken pro Jahr an. Es ist eine Investition, die sich lohnt, denn es ist eine Investition in die Zukunft der Kinder. Das 45köpfige Stadtparlament hat dem Ausbau trotz eines Rückweisungsantrags im Juli mit 27 zu 14 Stimmen bei drei Enthaltungen zugestimmt. Gegen den Parlamentsentscheid ergriff ein bürgerlich besetztes Komitee das Referendum und erzwang eine Volksabstimmung, die am nächsten Sonntag stattfindet. Das Referendumskomitee erachtet den angestrebten Ausbau als übermässig und zu teuer, insbesondere angesichts der angespannten Finanzlage von Wil. Als Gegenpart zum Referendumskomitee bildete sich ein Unterstützungskomitee, in dem alle Parteien, abgesehen von der EVP und der SVP, vertreten sind. Das Ja-Komitee weist auf die knapp bemessenen Ressourcen hin und möchte die Präventionsarbeit stärken. Die Parteien selbst sind gespalten: Während die SP, die Grünen Prowil, die CVP und die EVP sich für den Ausbau aussprechen, empfehlen die FDP, die SVP und die GLP ein Nein.

Die Notwendigkeit, Schulsozialarbeit anzubieten, ist unbestritten. Auch der Mehrbedarf ist ausgewiesen, haben sich in den letzten Jahren bei den Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeitern doch um die 500 Überstunden angesammelt. Sie bewegen sich am Limit. Die Mitarbeiter der Schulsozialarbeit sind heute besonders bei eskalierenden Situationen gefordert. Sie intervenieren bei Krisen und kümmern sich um verhaltensauffällige sowie sich verweigernde Schülerinnen und Schüler. Aufgrund der fehlenden Kapazitäten kam die Prävention, die ebenfalls zum Pflichtenheft der Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter gehört, zu kurz. Eine Entwicklung, die es zu beheben gilt. Der Prävention kommt eine immer bedeutendere Rolle zu: Information hilft Probleme verhindern. Information hilft komplexe Situationen verstehen. So ist beispielsweise der Umgang mit den neuen Medien kompliziert und birgt Gefahren. Aktuelle Stichworte sind Sexting, Cybermobbing, Internetsucht. Selbst manch Erwachsener ist überfordert und tappt in Online-Fallen.

Agieren statt reagieren

Je früher eine vorbeugende Strategie angewendet wird, desto besser. Darum ist die Stärkung der Schulsozialarbeit auf Primarstufe angezeigt. Bei den Kindern und den Jugendlichen kann Verhaltensweisen entgegengewirkt werden, die sich zu problematischen Verhaltensmustern im Erwachsenenalter auswachsen könnten. Frühes professionelles Agieren macht auch finanziell Sinn. Es kann nicht nur eine teure Einweisung in ein Jugendheim verhindert werden, sondern auch künftige Sozialhilfekosten. Vorsorgen statt reparieren, so das Motto des Stadtrats für die Vorlage, ist der richtige Ansatz. Es geht nicht darum, die Kinder zu verzärteln oder den Eltern die Erziehungsaufgabe abzunehmen, sondern die Kinder, die Hilfe benötigen, zu unterstützen, eigenverantwortliche und sozialkompetente Erwachsene zu werden.

Von der Schulsozialarbeit profitieren alle. Die Schülerinnen und Schüler, indem geordnete Lektionen angeboten werden können. Die Lehrerinnen und Lehrer, indem sie entlastet werden und sich auf ihren Kernauftrag, das Unterrichten, konzentrieren können. Die Eltern und letztlich die Gesellschaft.

Trotzdem hat die Vorlage Schwächen. Es fehlt der quantifizierbare Unterbau. Die 250prozentige Pensenerhöhung lehnt sich an die Richtlinien von «Avenir Social» an. Der Stadtrat konnte nicht schlüssig erklären, wie und auf welcher Basis der Bedarf nach dem Ausbau abgeklärt worden ist. Es werden keine Zahlen genannt, zum Beispiel wie viele Interventionen oder Gespräche die Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter durchführten. Auch fehlt es an einer klaren Struktur und an einem detaillierten Konzept, um darzulegen, welche Leistungen die Schulsozialarbeit konkret anbietet. Schulratspräsidentin Jutta Röösli tut gut daran, eine fundierte Analyse durchzuführen und allenfalls Anpassungen vorzunehmen.

Trotz der Einschränkung, ein Ja zum Ausbau der Schulsozialarbeit ist angebracht. Eine Stadt, die sich 345 000 Franken für ihre Kinder nicht leisten kann, ist wahrlich eine arme Stadt. Ein Ja ist ein Akt der Solidarität.