Interview
Der Hof zu Wil war einst das Finanzzentrum des grössten Klosterstaates der Schweiz – nun braucht das Wahrzeichen selber Finanzhilfe

Der mehr als 800 Jahre alte Hof zu Wil hat bereits zwei Bau- und Sanierungsetappen mit Investitionen von rund 30 Millionen Franken hinter sich. Im Herbst 2021 wird das Wiler Stimmvolk für die dritte und vorerst letzte Bauetappe über einen Kredit von knapp 9,7 Millionen Franken und ein zinsloses Darlehen von 12,15 Millionen Franken an die Stiftung Hof zu Wil befinden. Wofür braucht es so viel Geld?

Hans Suter
Drucken
Teilen

Exklusiv für Abonnenten

So könnte sich die einstige Dienerschaftskapelle nach der abgeschlossenen Bauetappe präsentieren.

So könnte sich die einstige Dienerschaftskapelle nach der abgeschlossenen Bauetappe präsentieren.

Visualisierung: Stiftung Hof zu Wil

Die Gesamtkosten für die dritte Bauetappe werden auf rund 25 Millionen Franken geschätzt. Doch wofür wird so viel Geld benötigt? Am besten liesse sich dies bei einem Besuch des Wiler Wahrzeichens darlegen und illustrieren. In Zeiten der Coronapandemie sind Führungen dieser Art aber nicht unproblematisch. Deshalb braucht es auch hier neue Ideen.

Stadtpräsident und Stiftungspräsident ad interim Daniel Meili und Patrick Cotting, Projektleiter Betrieb und Finanzen der Stiftung Hof zu Wil, ordnen nachstehend die Bedeutung des Hofs zu Wil für die Stadt und Region Wil ein und erläutern, was mit dem Geld genau gemacht und wie die Bevölkerung für dieses Vorhaben gewonnen werden soll.

So sieht die Dienerschaftskapelle heute aus.
5 Bilder
Während der Zwischennutzung dient dieser Raum als Büro.
Der Eingang zum Blauen Zimmer.
Blick in das Blaue Zimmer aus der Zeit der Fürstäbte.
Blick in den einstigen Festsaal.

So sieht die Dienerschaftskapelle heute aus.

Bild: Christian Hofmann

Welche Bedeutung hat der Hof zu Wil aus bau- und kulturhistorischer Sicht?

Daniel Meili, Präsident Stiftung Hof zu Wil ad interim.

Daniel Meili, Präsident Stiftung Hof zu Wil ad interim.

Bild: Rene Niederer

Daniel Meili: Der rund 800-jährige Hof zu Wil ist das älteste noch genutzte Gebäude der ehemaligen Fürstabtei St.Gallen. Alle Gebäude im Stiftsbezirk sind neueren Datums. Es steht seit 1978 unter Bundesschutz. Für die Stadt Wil selbst, die gesamte Region Fürstenland, das Toggenburg und den Hinterthurgau ist der Hof zu Wil zudem ein wichtiger visueller und architektonischer Ankerpunkt.

Patrick Cotting: Historisch gesehen war der Hof mit dem dazugehörenden Hofbezirk während mehrerer Jahrhunderte das eigentliche Verwaltungs- und Finanzzentrum der Fürstabtei St.Gallen, des damals grössten Klosterstaates auf heutigem Schweizer Boden.

Worum geht es bei der finalen Bauetappe?

Meili: Es geht um zwei sich ergänzende Projekte. Beim ersten Projekt – dem Renovationsprojekt – steht die Fertigstellung der 1994 angefangenen Renovationsarbeiten im Vordergrund. Fast die Hälfte der Räume des Hof zu Wil liegen noch brach und befinden sich in einem auch sicherheitstechnisch desolaten baulichen Zustand.

Patrick Cotting, Projektleiter Betrieb und Finanzen der Stiftung Hof zu Wil.

Patrick Cotting, Projektleiter Betrieb und Finanzen der Stiftung Hof zu Wil.

Bild: PD

Cotting: Beim zweiten Projekt – dem Innovationsprojekt – geht es darum, den gesamten Hofbezirk aufzuwerten, zu einem «Gruyère der Ostschweiz», in dem Erlebnisse und Reflexionen zu «Good Life» während Jahrhunderte, heute und in Zukunft im Vordergrund stehen. Dabei soll der Hofbezirk Wil als ehemaliges Verwaltungs- und Finanzzentrum der Fürstabtei St.Gallen marketingtechnisch an den Stiftsbezirk St.Gallen angebunden und mittelfristig zum Unesco-Weltkulturerbe erhoben werden.

Die Stadt Wil erwartet 2021 ein Defizit von 8,7 Millionen Franken. Zugleich sollen für die dritte und letzte Sanierungsetappe des Hof zu Wil 25 Millionen Franken aufgewendet werden. Warum gerade jetzt?

Meili: Der Vergleich hinkt etwas, weil die Stadt nur etwas mehr als einen Drittel an den Kosten des Renovations- und Innovationsprojektes tragen würde. Fast zwei Drittel stammen von der Stiftung Hof zu Wil, dem Kanton St.Gallen und der Eidgenossenschaft. Die Stiftung Hof zu Wil zeichnet seit ihrer Gründung 1990 für die etappenweise Sanierung und Instandsetzung des gesamten Gebäudekomplexes verantwortlich. Über allem steht dabei stets der Stiftungsauftrag, den Hof zu Wil der breiten Bevölkerung zugänglich und erlebbar zu machen.

Welche konkreten Kosten kommen auf die Stadt Wil zu?

Meili: Der Antrag sieht vor, dass die Stadt Wil die finale Bauetappe direkt mit 9,63 Millionen Franken unterstützt. Zusätzlich wird der Stiftung ein Darlehen gewährt, das in jährlichen Tranchen von etwas mehr als 300'000 Franken zurückgezahlt wird. Dieses umfasst den Betrag in der gleichen Höhe wie der Beitrag der Stadt sowie die Restsumme aus der zweiten Bauetappe.

Wie sieht der Zeitplan auf der politischen Ebene aus? Wer befindet wann über welchen Betrag?

Meili: Der Stadtrat Wil hat die Vorlage zur dritten Bauetappe Hof zu Wil im August 2020 zuhanden des Stadtparlamentes Wil verabschiedet. Eine Beschlussfassung wird im Frühjahr 2021 erwartet. Der Kantonsrat wird die Vorlage voraussichtlich in der April- und Junisession 2021 beraten. Der Regierungsrat des Kantons St.Gallen hat am 4. Dezember 2020 dazu dem Kantonsrat beantragt, einen Beitrag von 5,4 Millionen Franken zu sprechen. Bereits vorliegend ist das Versprechen der Eidgenossenschaft, einen Beitrag von 850'000 Franken zu leisten.

Und wie sähe der bauliche Zeitplan in groben Zügen aus?

Cotting: Die städtische Volksabstimmung in Wil ist für September 2021 vorgesehen. Der Baustart ist im April 2022, die Fertigstellung für Herbst 2024 geplant.

Wie sieht die Betriebsrechnung aus? Resultiert ein fortlaufendes Defizit oder kann sich der Hof dereinst selbst tragen?

Cotting: Im Rahmen des Renovations- und Innovationskonzepts zur finalen Bauetappe wurden bewusst die Kosten für einen erfolgreichen Betrieb des Hof zu Wil ins Zentrum gestellt. Das heisst, der Hof zu Wil soll dereinst die laufenden Kosten aus eigenen Einnahmen sichern und gleichzeitig einen Gewinn erwirtschaften. Dazu akquirieren wir auch laufend namhafte Sponsoren, die sich für ein langfristiges Engagement aussprechen und jährlich wiederkehrende Beiträge an die Betriebskosten leisten. Bereits unterschrieben sind hierzu Verträge mit der Ria & Arthur Dietschweiler Stiftung aus St.Gallen und der Bühler Gruppe aus Uzwil.

Wie sehen die Abschreibungen und Kreditrückzahlungen aus? Inwieweit sind sie in der Betriebsrechnung schon enthalten?

Meili: Sämtliche Abschreibungen und Kreditrückzahlungsbeträge sind in der Betriebsrechnung berücksichtigt. Die vorgeschlagene Finanzierungsstruktur und die bereits unterschriebenen Partnerschaften mit Sponsoren – die nur dank dem Betriebskonzept und der musealen Inszenierung realisiert werden konnten – ermöglichen es der Stiftung Hof zu Wil, jährlich mehr als 300'000 Franken an die Stadt Wil zurück zu zahlen.

Die Wiler Altstadt mit dem markanten Hof zu Wil erinnert etwas an das mittelalterliche Gruyère.

Die Wiler Altstadt mit dem markanten Hof zu Wil erinnert etwas an das mittelalterliche Gruyère.

Bild: Hans Suter

Im Herbst 2021 soll in Wil über einen Kredit von 9,625 Millionen Franken abgestimmt werden. Wie soll den Stimmberechtigten diese Abstimmungsvorlage während der Coronapandemie nähergebracht werden?

Meili: Eine transparente Information ist uns wichtig, weshalb die kompletten Unterlagen auf der Website hofzuwil.ch publiziert sind. Indes: Die Coronapandemie und damit einhergehenden Sicherheitsbestimmungen stellen auch für die Stiftung Hof zu Wil eine besondere Herausforderung dar. Die angedachten öffentlichen Veranstaltungen planen wir daher, mit adäquaten Massnahmen im digitalen und analogen Bereich zu ersetzen. Gleichzeitig hoffen wir natürlich, dass im Sommer 2021 auch der direkte Austausch mit der Bevölkerung beispielsweise an einem Tag der offenen Tür wieder möglich sein wird. Es bleibt nicht bei diesem Kredit allein. Zusätzlich soll der Stiftung Hof zu Wil ein zinsloses Darlehen von 12,15 Millionen Franken gewährt werden.

Warum das?

Cotting: Die Stiftung Hof zu Wil verfügt heute über zu wenig Kapital, um den gesamten Betrag aus eigenen Mitteln zu decken. Deshalb wird vorgeschlagen, dass sie bei der Stadt ein Darlehen aufnimmt, das sie über 40 Jahre linear zurückzahlt. Damit wird dem Umstand Rechnung getragen, dass eine Stadt am Kapitalmarkt viel günstiger einen Kredit aufnehmen kann, als es die Stiftung je könnte. Der zinslose Teil – der aktuell aufgrund der tiefen Zinsen sehr wenig ausmacht – ist sozusagen ein «Betriebssponsoring» der Stadt an die Stiftung. Dafür erhält die Stadt nicht nur ein über die Region hinaus strahlendes Wahrzeichen und Erlebniszentrum, sondern der Hof gewährt allen Wiler Schulen Gratiseintritt und Vereine können nach wie vor privilegiert Räumlichkeiten im Hof nutzen.

Was wären die Folgen, wenn das Stadtparlament oder die Stimmberechtigten der Stadt Wil das Kreditbegehren ablehnen?

Meili: Zunächst müssten die Gründe für die Ablehnung analysiert werden. Unabhängig davon müssten trotzdem einige Millionen für die Sicherung des Gebäudes investiert werden.

Cotting: Bei einer Ablehnung könnten aber die strategischen Ziele nicht erreicht werden.

Der Ursprung des Hofs zu Wil geht auf die Grafen von Toggenburg zurück. Die Visualisierung zeigt den geplanten neuen Aufgang zur Hofterrasse.

Der Ursprung des Hofs zu Wil geht auf die Grafen von Toggenburg zurück. Die Visualisierung zeigt den geplanten neuen Aufgang zur Hofterrasse.

Visualisierung: Stiftung Hof zu Wil

Das Interview wurde schriftlich geführt.