Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Integration statt Ausgrenzung

Leitartikel
Hans Suter

Der Fall ist bislang einzigartig: Am 5. April muss das Wiler Stadtparlament über das Einbürgerungsgesuch von Bekim Alimi befinden. Der 45-jährige mazedonische Staatsangehörige lebt seit mehr als 20 Jahren in der Schweiz und hat für sich, seine Frau und die zwei gemeinsamen Kinder die Schweizer Staatsbürgerschaft beantragt. Während das Einbürgerungsverfahren für seine Ehefrau und die Kinder ohne Einsprache verlief, sieht sich Bekim Alimi selber einem Spiessrutenlauf ausgesetzt.

Bekim Alimi ist nicht irgendein Mann. Er ist der Imam der albanischen Moschee der Islamischen Gemeinschaft Wil. Das weckt offensichtlich Ängste. Vor allem wohl begünstigt durch tägliche Nachrichten mit Schreckensmeldungen, die in irgendeiner Verbindung zum Islam stehen. Mit Folgen. Über die Zeit hat sich der Islam im westlichen Gedächtnis als Synonym für Angst, Folter, Mord und Terror, Ausgrenzung, Frauenverachtung und Rückständigkeit eingebrannt. Soll ein Imam dieser Religion tatsächlich eingebürgert werden? Die Frage liegt auf der Hand. Dass es im Namen des Islams Fehlentwicklungen gibt, ist unbestritten. Doch mit welchem Recht darf Bekim Alimi unterstellt werden, Glaubensbruder dieser Fehlentwicklung zu sein?

Wer von negativen Auswüchsen des Islam spricht, meint meistens den Islamismus, also die radikal-fundamentalistische Ausprägung dieser Religion. Der Unterschied ist wesentlich: Während der Islam eine 1400 Jahre alte Offenbarungsreligion ist – wie das Christentum übrigens auch, nur 600 Jahre älter –, handelt es sich beim Islamismus um eine politische Ideologie, eine politische und radikale Verengung des Islam. Die meisten Muslime distanzieren sich von den Islamisten. Genauso, wie sich heutige Christen wohl von mordenden christlichen Kreuzfahrern distanzieren würden.

In Wil hat die Verunsicherung dazu geführt, dass sich die Grünliberale Stadtparlamentarierin Erika Häusermann mit zwölf Fragen öffentlich an Imam Bekim Alimi gewandt hat. Die Fragen zielen auf Punkte, die immer wieder für Diskussionen in der Öffentlichkeit sorgen: Anerkennung der Rechtsstaatlichkeit, Zwang zum Kopftuchtragen, Stellung der Frau, Religionsfreiheit für die Kinder, Heirat mit Andersgläubigen, Umgang mit Homosexualität usw. Häusermann argumentierte, als Stadtparlamentarierin sei sie verpflichtet, sich ein Bild von Bekim Alimi zu machen, um ihre Entscheidung gewissenhaft fällen zu können. Alimi beantwortete die Fragen, fühlt sich aber gedemütigt.

Der Philosoph Michael Rüegg bezeichnet das Vorgehen der Stadtparlamentarierin als «irritierend und tendenziell gefährlich». Er gibt zu bedenken: «Moderne Rechtsstaaten wie die Schweiz basieren auf der Trennung von Macht und Moral. Sie unterscheiden zwischen der Rechtsordnung, die für alle Menschen ausnahmslos gilt, und der persönlichen Weltanschauung, die jeder frei wählen kann.» In Leserkommentaren kommt es zu offenen Anfeindungen: Während ein islamischer Prediger die Fragen als inquisitorisch verurteilt und Alimi zur Nichtbeantwortung rät, unterstellt ein SVP-Politiker, Imam Bekim Alimi dürfe sich zum Schutz des Islam auch Notlügen bedienen, was seine Antworten ohnehin unglaubwürdig machten.

Am 5. April entscheidet das Wiler Stadtparlament. Wird dem Einbürgerungsgesuch entsprochen, erwächst es in Rechtskraft. Wird es abgelehnt, steht Bekim Alimi der Rechtsweg offen. Das dürfte indes nicht nötig sein, weil das Parlament auf Ja entscheiden dürfte, obwohl es bürgerlich dominiert ist. Zum einen deshalb, weil sich eine Ablehnung juristisch nicht stichhaltig begründen liesse und sich das Parlament damit der Lächerlichkeit preisgeben würde. Ein Rechtsstaat ist ein Rechtsstaat, das gilt für alle. Zum anderen, weil eine Ablehnung nichts ändern würde an bestehenden Zweifeln: Einem Integrationswunsch mit Ausgrenzung zu begegnen, schafft nur neues Misstrauen.

Hans Suter

hans.suter@wilerzeitung.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.