Innovation als Überlebenschance

Der in Wil wohnhafte Erwin Stoller ist seit fast 40 Jahren beim Industriekonzern Rieter tätig. Seit 2008 amtet er als Verwaltungsratspräsident. Für das Überleben des Werkplatzes Schweiz sieht er ein schlagkräftiges Mittel – Innovation.

Philipp Haag
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Rieter-Verwaltungsratspräsident Erwin Stoller (Mitte) im Gespräch mit Martin Brühwiler, Präsident des Ambassador-Clubs Wil (l.), und Bruno Buchmann, Präsident der Jungen Wirtschaftskammer Wil. (Bild: Philipp Haag)

Rieter-Verwaltungsratspräsident Erwin Stoller (Mitte) im Gespräch mit Martin Brühwiler, Präsident des Ambassador-Clubs Wil (l.), und Bruno Buchmann, Präsident der Jungen Wirtschaftskammer Wil. (Bild: Philipp Haag)

WIL. Erwin Stoller ist ein Freund der deutlichen Worte: «Ich bin froh, sitzen keine Banker im Verwaltungsrat, sondern Unternehmer.» Da spielt es auch keine Rolle, dass der Verwaltungsratspräsident der Winterthurer Rieter Holding AG bei seiner Aussage in einem Sitzungszimmer der St. Galler Kantonalbank steht, wo er auf Einladung der Junior Chamber International (JCI) Wil und des Ambassador Clubs Wil die wechselvolle Geschichte der Schweizer Industrie-Ikone aufzeigt.

Wachstum in Asien

Mit den Unternehmern meint der in Wil wohnhafte Stoller Michael Pieper und Peter Spuhler, die während der Schwächephase im Nachgang der Finanzkrise von 2008 bei Rieter eingestiegen sind. Pieper ist Inhaber der Franke Holding, weltweit führender Anbieter von Küchensystemen. Sein Anteil an Rieters Aktienkapital beträgt zehn Prozent. Zweiter Rieter-Ankeraktionär mit 20 Prozent ist Peter Spuhler, Besitzer des Thurgauer Schienenfahrzeugherstellers Stadler Rail. Stoller nannte die beiden Unternehmer im Verwaltungsrat mit Blick in die Zukunft. Die Textilbranche – Rieter fertigt Spinnereimaschinen - ist Zyklen unterworfen, welche derzeit zu einem Nachfragerückgang führen. Bei den Wachstumsmärkten Indien und China, in beiden Ländern hat Rieter stark investiert, herrschen politische Unwägbarkeiten, besonders im asiatischen Riesenreich. Und gegenwärtig drückt der starke Schweizer Franken auf die hiesige Industrie. Dies führt bei Rieter zu einer Straffung der Fertigung in Winterthur und einem Stellenabbau von 150 Stellen.

Unternehmer denken langfristig. «Und sie halten zu einem Unternehmen», sagt Stoller. Auch während schwierigen Zeiten. Von diesen hat der ETH-Ingenieur, der seit bald 40 Jahren im Unternehmen tätig ist und seit dem Jahr 2008 dem Verwaltungsrat vorsteht, zwischenzeitlich in einem Doppelmandat auch die operative Führung inne hatte, einige erlebt. Rieter war eigentlich nie ein Übernahmekandidat, sagt Stoller. «Ein Übernahmekandidat ist man nur, wenn man verkaufen will.» Dennoch versuchte der Tessiner Financier Tito Tettamanti Anfang der 1990er-Jahre die Aktienmehrheit zu erlangen. Der Verwaltungsrat habe Widerstand geleistet, sagt Stoller, «und Tettamanti ist aufgelaufen». Auch der mittlerweile verstorbene Investor Ernst Müller-Möhl und Martin Ebner, mit seiner BZ-Bank gestrauchelter und wieder auferstandener Investor, versuchten später, Rieter zu übernehmen. Ohne Erfolg. «Jedes Mal, wenn Finanz-Jongleure versuchen, Kapital aus Rieter zu schlagen, wehrt sich der Verwaltungsrat erfolgreich.»

Krise nach Finanzkrise

Einschneidend war für Rieter auch die Finanzkrise vor acht Jahren, als Stoller in den Verwaltungsrat gewählt wurde. Der Umsatz brach um die Hälfte ein. Die Folge waren Sparmassnahmen und der Abbau von mehr als 2000 Stellen. Der Aktienkurs sank um zwei Drittel. «Wegen des tiefen Aktienkurses war Rieter ein Kandidat für eine feindliche Übernahme», sagt Stoller. Als Konsequenz beschloss der Verwaltungsrat im Jahr 2011 einen Strategiewechsel. Rieter konzentrierte sich auf sein Kerngeschäft, den Bau von Spinnereimaschinen, und lagerte die Sparte Automotive Systems in die Autoneum Holding AG aus, welche alle grossen Automarken beliefert. Das Autozuliefergeschäft, die Produktion von Akustik- und Hitzeschutz für Fahrzeuge, war im Jahr 1984 durch eine Diversifikation zu Rieter gestossen. Der Konzern übernahm die Unikeller AG.

Das Diversifizieren gehört zur über 200jährigen Geschichte von Rieter. Gegründet 1795 von Johann Jacob Rieter als Handelsgeschäft für Baumwolle, wandelte sein Sohn Heinrich die Firma in ein Spinnereiunternehmen. Zwischenzeitlich stellte Rieter auch Turbinen, Strassenbahnen und Gewehre her, um sich ab 1915 auf den Spinnereimaschinenbau zu konzentrieren. Durch Übernahmen und internationale Joint-Ventures wuchs der Konzern kontinuierlich.

Kein Patentrezept

Obwohl Rieter in mehreren Ländern Produktionsstandorte betreibt (siehe Kasten), soll der Schweizer Ursprung beibehalten werden. Stoller erachtet die Nähe zu ETH, Fachhochschulen und der Empa als wichtig. Auch wenn er kein Patentrezept für das Überleben des unter Druck stehenden Werkplatzes Schweiz hat, sieht Stoller in der Innovation das schlagkräftigste Mittel. «Die Schweiz muss Produkte herstellen, die schwierig zu kopieren sind.»

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