Inklusin
Freiwillig eingesperrt: Warum eine Ebnat-Kapplerin und ein Bichwiler jeweils eine Woche wie die heilige Wiborada leben wollen

Neben der St.Mangen Kirche in St.Gallen lebte vor über 1000 Jahren die heilige Wiborada in einer Klause. Im Mai und Juni folgen zehn Männer und Frauen der Lebensweise der Einsiedlerin und lassen sich für jeweils eine Woche in einer Zelle einschliessen.

Felicitas Markoff
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In dieser Klause leben die Männer und Frauen jeweils eine Woche lang.

In dieser Klause leben die Männer und Frauen jeweils eine Woche lang.

Bild: PD

Marlies Frast aus Ebnat-Kappel ist diplomierte Psychiatriepflegerin und Religionspädagogin. Früher hat sie im Strafvollzug gearbeitet und weiss daher, wie es ist, Menschen einzusperren. Doch sie war immer auf der Seite des Personals und diejenige mit dem Schlüssel. Jetzt lässt sich die 64-Jährige selbst einsperren. Dies im Rahmen des Projekts «Wiborada2021», das die heilige Wiborada neu ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken will (siehe Infobox).

Auf den Spuren der heiligen Wiborada

Wiborada war eine Einsiedlerin und Märtyrerin aus St.Gallen und ist bisher kaum bekannt. Um die Stadtheilige besser kennen zu lernen, hat die Cityseelsorge der Katholischen Kirchgemeinde St.Gallen zusammen mit Partnern das Projekt «Wiborada2021» umgesetzt. Ein Teil davon: «Leben wie Wiborada».

Mitte März wurde die Klause bei der Kirche St.Mangen neu aufgebaut. An diesem historischen Ort befand sich die Wohnstätte der heiligen Wiborada. Zehn Männer und Frauen isolieren sich im Mai und Juni freiwillig für jeweils eine Woche in dieser Zelle. Nur über ein Fenster haben sie Kontakt zu anderen Menschen. Die Toilette besteht aus einem Toitoi und befindet sich ebenfalls in der Klause.

Zum Projekt «Wiborada2021» gehört auch ein Rahmenprogramm: Unter anderem kann die Bevölkerung die Heilige auf dem Stationenweg bei der Kirche St.Mangen neu entdecken. 

Mehr Informationen: www.wiborada2021.ch

Marlies Frast bezieht am 5. Juni für sieben Tage die Zelle bei der Kirche St.Mangen. Darauf aufmerksam geworden ist sie über ein Inserat in der Kirchenzeitung, auf das sie sich beworben hat. Mit Blick auf ihre frühere Tätigkeit im Strafvollzug sagt die Toggenburgerin: «Ich finde es eine spannende Erfahrung, auf der anderen Seite zu stehen und eingeschlossen zu werden.»

Als siebte von zehn Inklusinnen und Inklusen wird Marlies Frast eine Woche in der Zelle verbringen.

Als siebte von zehn Inklusinnen und Inklusen wird Marlies Frast eine Woche in der Zelle verbringen.

Bild: PD

Mit Zeiten der Stille habe sie schon wiederholt wertvolle Erfahrungen gemacht, erzählt Marlies Frast. Auf den Spuren der heiligen Wiborada zu wandeln, sei für sie ein einmaliges Erlebnis. Die geistliche Übung betrachtet die Religionspädagogin als kostbar. Sie sagt:

«Ich stelle mir vor, dass es in allen Bereichen eine Vertiefung gibt – nach innen, oben und aussen.»

Auf die Frage, wie sie sich die Zeit während der sieben Tage vertreiben wird, lacht Marlies Frast und sagt, sie müsse sich diese nicht vertreiben. Sie betrachtet die Zeit als Geschenk. Ausserdem ist der Tagesablauf in der Klause genau geplant. Sie berichtet, dass alle Freiwilligen eine Tagesstruktur vorbereitet haben. Ihren Tagesablauf gestaltet sie mit Meditation, Gebeten und Singen sowie dem Lesen von geistlicher Literatur. Auch kreative Phasen hat sie eingeplant, in denen sie schreiben und zeichnen will.

Blick in die Klause.

Blick in die Klause.

Bild: Ralph Ribi

Jeweils am Mittag und am Abend wird das Fenster der Klause für eine Stunde geöffnet. In dieser Zeit dürfen andere Personen mit der Inklusin sprechen und sich mit ihr austauschen. Sie können ihr aber auch ihre Sorgen und Nöte mitteilen. Marlies Frast wünscht sich für sich sowie die anderen neun Inklusen und Inklusinnen, dass die Menschen, die ans Fenster kommen, einen wertvollen Impuls vom Leben der heiligen Wiborada erhalten. Die Religionspädagogin betrachtet Wiborada als Vorbild und ist der Meinung, dass jeder Mensch zur Heiligkeit berufen ist.

«Mein grosser Wunsch ist es, dass viele Menschen zu einer vertieften Gottesbeziehung finden – vor allem zu Jesus Christus.»

Nimmt unbezahlten Urlaub für bevorstehende Zeit als Inkluse

Wenn der 61-jährige Gabriel Krucker aus Bichwil an die bevorstehende Zeit in der Klause denkt, hat er gemischte Gefühle. Viele Fragen geistern in seinem Kopf umher. Er freut sich auf die Zeit in der Klause und hat gleichzeitig grossen Respekt davor. Der Kunsttherapeut startet als achter Inkluse am 12. Juni und hat sich dafür extra eine Woche unbezahlten Urlaub genommen.

Gabriel Krucker freut sich auf die Zeit mit Gott.

Gabriel Krucker freut sich auf die Zeit mit Gott.

Bild: PD

Gabriel Krucker ist katholisch aufgewachsen und pflegt einen starken Kontakt zur Pfarrei. Der Bichwiler betrachtet diese aussergewöhnliche Woche als einen Dienst für die Gesellschaft. Als zukünftiger Inkluse ist es für ihn ein persönliches Anliegen, seine Spiritualität zu leben und Gott mehr zu erfahren. Die Menschen, die zu ihm ans Zellenfenster kommen werden, können Fürbitten niederlegen, die er dann in seine Gebete mit einbezieht.

Die Inklusen sind während ihrer Woche in der Klause mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert. Krucker sagt:

«In der Zelle könnte es sehr kalt werden, und es gibt kein richtiges Sonnenlicht. Ein anderer Aspekt ist der Mangel an Bewegung, der mir wohl besonders zu schaffen machen wird.»

Für den Bichwiler ist es wichtig, in der Zelle auf allen Ebenen gesund zu bleiben. Damit er während der sieben Tage auch körperlich fit bleibt, hat er sich bereits mit Übungen beschäftigt, die er in der Zelle machen will. Als Künstler nimmt er natürlich auch Bleistift und Papier mit. Wie viel Zeit der 61-Jährige für Gott und sich selbst haben wird, weiss er noch nicht. Das komme darauf an, wie viele Menschen am Zellenfenster den Kontakt zu ihm suchen werden.

Im Holzbau an der Kirchenwand leben die Inklusen eine Woche lang wie einst die heilige Wiborada.

Im Holzbau an der Kirchenwand leben die Inklusen eine Woche lang wie einst die heilige Wiborada.

Bild: Ralph Ribi

Wiborada rettete Stiftsbibliothek und bezahlte mit ihrem Leben

Vor über tausend Jahren lebte Wiborada mehrere Jahre lang eingeschlossen als «Inklusin» in einer Zelle. Im Jahr 1047 wurde sie von Papst Clemens II als erste Frau überhaupt heiliggesprochen. Obwohl sie alleine in der Klause wohnte, wandte sie sich durch das Fenster stets den Menschen zu, die sie besucht und um ihren Rat gebeten haben. Sie war bekannt dafür, Brot zu segnen und mit den Menschen zu teilen, die es ihr vorbeigebracht haben. Auch die Mönche des Klosters St.Gallen waren regelmässige Besucher.

Die heilige Wiborada.

Die heilige Wiborada.

Bild: Stiftsbibliothek St.Gallen

Dank dieses Kontakts und der Visionen der Heiligen wurden die Stadtbevölkerung, der Klosterschatz und die Stiftsbibliothek beim Einfall der Ungarn gerettet. Doch Wiborada wollte damals auch beim Angriff ihre Klause nicht verlassen und bezahlte dafür mit ihrem Leben. So steht es in einer Medienmitteilung der Verantwortlichen des Projekts «Wiborada2021».