«Wir fühlen uns verraten und im Stich gelassen»: Bei den Kiesabbau-Gegnern in Niederwil macht sich Frust breit

Waren die Einsprachen gegen das Kiesabbauprojekt Sonnenberg für nichts? Die «IG Depo-Nie» ist enttäuscht: von der Holcim AG und dem Gemeinderat.

Andrea Häusler
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Das Abbaugebiet Sonnenberg umfasst 1069 Aren (Plangebiet 1369 Aren). In fünf Abbau- und sechs Auffülletappen sollen jährlich 45000 Kubikmeter Material abgebaut und aufgefüllt werden. Dies für die nächsten 26 Jahre. In 33 Jahren soll das Land rekultiviert sein.

Das Abbaugebiet Sonnenberg umfasst 1069 Aren (Plangebiet 1369 Aren). In fünf Abbau- und sechs Auffülletappen sollen jährlich 45000 Kubikmeter Material abgebaut und aufgefüllt werden. Dies für die nächsten 26 Jahre. In 33 Jahren soll das Land rekultiviert sein.

Bild: PD

Ökonomische Ziele gegen Individualinteressen und Lebensqualität – oder David gegen Goliath. Das Seilziehen im Kampf um die Bewilligung des Kiesabbauprojekts Sonnenberg der Holcim Kies & Beton AG in Niederwil geht in eine nächste Runde. 219 Einsprachen waren während der Projektauflage eingegangen, vier wurden nachgereicht, nachdem das Abbauvorhaben der unvollständigen Visierung wegen nochmals ausgesteckt werden musste. Inzwischen hat die Bauherrschaft die Einsprachen beantwortet. Offiziell steht der Einreichung des Projekts beim Kanton nichts mehr im Weg.

«Im Stich gelassen»

«Der Schriftenwechsel ist abgeschlossen, ein zweiter nicht vorgesehen», macht der Oberbürer Gemeinderat in seinem Schreiben zuhanden der Einsprecher deutlich. Vinzenz Bargues ist enttäuscht. «Wir fühlen uns verraten und im Stich gelassen.» Damit habe der Gemeinderat klar gemacht, auf welcher Seite er steht.

Bargues ist Präsident der «IG Depo-Nie», die sich seit Jahren gegen die Pläne der Holcim wehrt. Sie vereint Bürgerinnen und Bürger, die um die Lebensqualität im Dorf und den Werterhalt ihrer Liegenschaften bangen. Menschen, die über Jahrzehnte den Immissionen eines Abbauvolumens von 1,155 Millionen Kubikmeter Kies ausgesetzt wären. Das Abbaugebiet erstreckt sich über 1069 Aren, was der Fläche von 15 Fussballfeldern oder 1724194 A4-Blättern entspricht.

Kehrtwende des Gemeinderats?

Bargues sagt denn auch: «Hier geht es um Menschen». Doch eben dieser Aussage habe die Holcim bereits an der ersten Informationsveranstaltung zum Projekt widersprochen. Und in ihrer jüngst versandten, in Juristendeutsch abgefassten Stellungnahme zu den Einsprachen indirekt bestätigt: «Auf menschliche Anliegen wurde überhaupt nicht eingegangen.»

«Der Schriftenwechsel ist abgeschlossen». Derart dezidiert will Gemeindepräsident Alexander Bommeli den Wortlaut der gemeinderätlichen Äusserung nicht stehenlassen. «Ein doppelter Schriftenwechsel ist gesetzlich nicht vorgesehen. Allerdings steht es allen Parteien frei, sich zu Stellungnahmen der anderen Seite zu äussern», konkretisiert er und stellt eine nochmalige Kontaktnahme mit den Einsprechern in Aussicht.

Alexander Bommeli, Gemeindepräsident.

Alexander Bommeli, Gemeindepräsident.

Bild: Ramona Cavelti

Gemeinderat wehrt sich

Gegen den Vorwurf, der Gemeinderat habe die Seite gewechselt, wehrt sich Bommeli mit Vehemenz. Er beruft sich auf die behördliche Pflicht, den «anspruchsvollen Sachverhalt formaljuristisch korrekt abzuhandeln». Und was passiert mit möglichen weiteren Eingaben der Einsprecher? «Auch diese würden an die Holcim weitergeleitet», sagt Bommeli.

Dossiers auf dem Weg zum Kanton

Die Zusatzschlaufe bedeutet jedoch nicht, dass das bewilligungsfähige Kiesabbauprojekt im Oberbürer Gemeindehaus parkiert bleibt. «Die Dossiers sind bereit zur Prüfung durch das kantonale Amt für Raumentwicklung und Geoinformation.» Wann diese eingereicht werden, lässt Bommeli offen. Der Zeitpunkt sei aus Sicht der Einsprecher auch nicht entscheidend: «Denn die Einsprachen werden von uns erst nach der Beurteilung des Projekts durch den Kanton abschliessend geprüft.» Dann würden auch die Einspracheverhandlungen mit den Beteiligten geführt.

Widerstand mit neuer Website

Dass sich Letztere hinziehen dürften, liegt in der Natur der Sache. Für Vinzenz Bargues und seine «IG Depo-Nie» heisst dies, dass der Kampf nicht ausgefochten ist. Der IG-Präsident weiss auch, dass es schwieriger wird, die Motivation und Einsatzbereitschaft seiner Mitstreiter aufrecht zu erhalten, je länger die Verfahren dauern. Nur: «Schwindet der Widerstand, sinken auch unsere Chancen.» Deshalb, und weil das coronabedingte Versammlungsverbot weiterhin besteht, will er die Bevölkerung per E-Mail, aber auch über die neugestaltete Website der IG auf dem Laufenden halten. Und was erwartet er vom Gemeinderat? «Ehrlichkeit, Transparenz und der Wille, die Bürger ernst zu nehmen.»