«In jämmerlichem Zustand»: Der Oberuzwiler Männerchor Frohsinn restauriert eine Vereinsfahne aus dem Jahr 1842

Dafür nahm der Verein die Hilfe einer Textilkonservatorin in Anspruch.

Philipp Stutz
Drucken
Teilen
Der Männerchor Frohsinn steht unter Leitung von Heidy Gerber und zählt zu den ältesten Vereinen Oberuzwils.

Der Männerchor Frohsinn steht unter Leitung von Heidy Gerber und zählt zu den ältesten Vereinen Oberuzwils.

Bild: Philipp Stutz

Dieses Stück edlen Textils mottete während Jahren in einem Schrank vor sich hin. Mitglieder des Männerchors stiessen beim Entrümpeln auf die Fahne. Sie entschlossen sich zu einer Restaurierung. Das hatte beträchtliche Kosten zur Folge. «Es handelt sich um einen hohen vierstelligen Betrag», sagt Thomas Künzle, Präsident des Männerchors. Dank der Unterstützung von Sponsoren – namentlich der Max-und-Margrit-Heer-Stiftung – konnte die Fahne in aufwendiger Kleinarbeit restauriert werden. Insbesondere Heini Weber und Ehrenpräsident Felix Grünenfelder hatten sich dafür stark gemacht.

Doch dazu bedurfte es der Hilfe von Fachleuten. Rahel Vetter, Textilkonservatorin, machte das Vorhaben möglich. Sie erledigte ihre Arbeit mit Sachkenntnis und Hingabe und erstellte eine Dokumentation, in der die Konservierungsmassnahmen beschrieben werden.

Die Ursprünge gehen auf ein Schützenfest zurück

Der Männerchor Frohsinn durfte vergangenes Jahr auf sein 180-jähriges Bestehen zurückblicken und erhielt hierbei einen neuen Flügel. Und nun kam die restaurierte Fahne aus dem Jahr 1842/1843 hinzu. «Sie befand sich anfangs in jämmerlichem Zustand», sagt Felix Grünenfelder.

Felix Grünenfelder, Ehrenpräsident «Frohsinn»

Felix Grünenfelder, Ehrenpräsident «Frohsinn»

Er geht davon aus, dass der Ursprung des Männerchors im Schützenverein liegt. Oberuzwiler haben am Eidgenössischen Schützenfest 1838 gesungen und dabei das Lied «Ode an Gott» angestimmt. Diese Komposition des Ausserrhoders Johann Heinrich Tobler ist besser als Landsgemeindelied bekannt und zählt noch heute zum festen Repertoire des «Frohsinns».

Jungfrauen zeigten sich spendefreudig

Nach dem Schützenfest wurden die Gesangsübungen fortgesetzt, was schliesslich zur Gründung eines Männerchors führte. Anlässlich eines Fests schenkte eine Anzahl Jungfrauen aus dem Dorf dem Verein eine neue Fahne. In der Jubiläumsschrift zum 50-Jahr-Jubiläum ist nachzulesen, dass sie in den Ecken mit grünseidener Stickerei und auf weissem Grund die in Gold gestickte Inschrift «Harmonie Oberutzwil» trug. Die Fahne diente dem Verein bis ins Jahr 1865, wurde an Feste mitgenommen, und auch bei Beerdigungen kam sie beim Fahnengruss zum Einsatz. Bei einem regionalen Sängerfest zerfetzte ein Sturm das Festzelt, doch konnte die Fahne glücklicherweise gerettet werden.

Zu Beginn hiess der Verein noch Harmonie und das Dorf Oberutzwil.

Zu Beginn hiess der Verein noch Harmonie und das Dorf Oberutzwil.

Inzwischen hatte sich der Sängerbund Ober- und Neutoggenburg gebildet, der rasch grösser wurde. 1865 trat Oberuzwil diesem Sängerbund bei und nahm am Sängerfest in Hemberg teil. Dazu leistete sich die «Harmonie» eine neue Fahne, deren Kosten von 110 Franken durch eine Abendunterhaltung im «Rössli» gedeckt werden konnten. Doch bald war es mit der guten Kameradschaft wieder vorbei. 1872 wurde mit Mitgliedern der Musikgesellschaft ein neuer Männerchor, die «Union Musicale», gegründet. Dabei gelang es, einige Sänger der «Harmonie» dorthin zu lotsen. 1882 fusionierten die beiden Männerchöre schliesslich zum «Männerchor Frohsinn» mit «Rössli»-Wirt Mesmer, Grossvater der legendären ehemaligen Fahnengotte Erika Wagner selig, als Präsident.

Der Fahne einen edlen Platz zugestehen

«Diese Fahne könnte uns Hunderte Geschichten erzählen», sagt Felix Grünenfelder. Er zeigt sich überzeugt, dass sich deren Auffrischung gelohnt hat. Es sei angezeigt, der Fahne einen edlen Platz zuzugestehen. Sporne sie doch dazu an, das Erbe der alten Sängerkameraden kreativ und mutig weiterzuführen. Und so hängt sie jetzt stolz in einem Kasten im «Rössli»-Saal und erinnert an die wechselvolle Geschichte des Männerchors.