In einem ehemaligen Kurhaus in Degersheim suchen 60 Frauen, Männer und Kinder nach einem alternativen Leben

Im Mai 2009 zogen die ersten Mitglieder ins Herzfeld Sennrüti. Mittlerweile ist die Gemeinschaft auf über 60 Leute angewachsen. Doch am Ziel ist man noch nicht.

Tobias Söldi
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Mitinitiator René Hirschi im Herzfeld Sennrüti. (Bild: Tobias Söldi)

Mitinitiator René Hirschi im Herzfeld Sennrüti. (Bild: Tobias Söldi)

Die Lebensgemeinschaft Herzfeld Sennrüti setzt sich seit zehn Jahren für Ökologie und Nachhaltigkeit ein. Jetzt gehen junge Leute für das Klima auf die Strasse. Eine Genugtuung?

René Hirschi: Genugtuung ist nicht das richtige Wort. Es ist aber ein anderes, gutes Gefühl, dass diese Themen in der Gesellschaft ein Gewicht erhalten haben. Auch, dass Jugendliche sich engagieren, ist bestärkend und motivierend.

Ist die Bewegung auch im Herzfeld angekommen? In der Gemeinschaft leben 
25 Kinder.

Meine Tochter hat ebenfalls an den Streiks teilgenommen. Die Klimabewegung hat eine Eigendynamik entwickelt: In Familien ist es manchmal sogar so, dass der Ansporn, sich mit Fragen wie «Wo machen wir Ferien? Wo kommt unsere Nahrung her?» von den Jugendlichen kommt.

Das Bewusstsein bei den jungen Leuten ist sehr gross.

Alternativ leben in einem ehemaligen Kurhaus

Das Herzfeld Sennrüti ist eine Lebensgemeinschaft in Degersheim. Rund 30 Erwachsene und 30 Kinder leben im ehemaligen Kurhaus und den angrenzenden Gebäuden in 31 Wohnungen. Auf dem Areal gibt es zudem unterschiedliche Werkstätten und ein Seminarzentrum mit Gästezimmern. Das Projekt widmet sich der Potenzialentfaltung und der Zukunftsfähigkeit. Es umfasst ökologisches Wohnen, soziale sowie ökonomische Nachhaltigkeit, gelebte Integration und Spiritualität im Alltag. (pd)

Das Herzfeld hat kürzlich eine Studie in Auftrag gegeben. Sie hat gezeigt: Der durchschnittliche CO2-Fussabdruck eines Herzfeld-Bewohners liegt bei 5,8 Tonnen pro Jahr. Ziel gemäss Pariser Klimaabkommen sind aber weniger als eine Tonne CO2 pro Person und Jahr.

Uns war klar, dass wir noch nicht am Ziel sind. Trotzdem haben wir die Studie durchführen lassen, um zu sehen, wo wir stehen.

Wir sind auf dem richtigen Weg.

Wo hat das Dorf am meisten Einsparpotenzial?

Zwei unserer Gebäude sind zu wenig gut isoliert. Wir heizen viel raus. Die Wärmeerzeugung wird dort teilweise durch eine Gasheizung sichergestellt, was sicher ein Schwachpunkt ist. Wir wollen weg vom Gas und noch mehr auf Sonnenenergie setzen.

Ein grosser Posten ist auch die Mobilität.

Wir haben viele Autos, die bis jetzt alle privat sind. Ich bin immer wieder überrascht, wie selbstverständlich neue Bewohner ihr Auto mitbringen, wenn sie in die Gemeinschaft kommen. Es ist auf der Pendenzenliste, das Thema in die Gemeinschaft zu bringen: Wie viele private Autos brauchen wir?

Wie ist es mit dem Fliegen?

Auch bei uns wird geflogen. Ich habe zum Beispiel einen Bruder in Australien. Ihn kann ich nur mit dem Flugzeug besuchen. Aber das Bewusstsein ist gross. Wir fliegen nicht mehrmals pro Jahr in die Ferien.

Wo machen Sie Ferien?

Wir waren gerade eine Woche im Tipi an der Necker.

Im Vergleich steht das Herzfeld aber gut da: Der durchschnittliche Schweizer produziert gemäss der Studie pro Jahr 11 Tonnen CO2.

Ja. Beim Strom sind wir mehr als autark. Wir produzieren 150 Prozent unseres Bedarfs durch Sonnenkollektoren. Für Toilette und Waschmaschine sammeln wir Regenwasser in Tanks. Und das Hauptgebäude entspricht dem Minergie-Standard. Auch bei den Kleidern und den Nahrungsmitteln schauen wir auf Nachhaltigkeit. Wir bauen selber Gemüse an oder beziehen es direkt bei den Bauern.

Die Gemeinschaft besteht aus etwa 60 Personen. Was kann eine so kleine Gruppe bewirken?

Auf die gesamte Gesellschaft gesehen sind wir eine kleine Gruppe.

Es mag nicht nach viel aussehen, aber wir sind ein Modell, das andere Leute inspiriert, und zeigt, wie so etwas machbar ist.

Wie gross ist die Nachfrage nach dieser Alternative?

Wir haben grundsätzlich viele Interessierte, das zeigt sich jeweils an den Besuchstagen. Bei der Wohnungsvermietung läuft es seit zwei Jahren sehr gut. Zeitweise war die Nachfrage sogar grösser als das Angebot. Zurzeit haben wir eine Warteliste.

Nehmen Sie jeden auf?

Die primären Fragen lauten: Will jemand in der Gemeinschaft wohnen? Passen seine oder ihre Visionen und Gedanken zu uns? Wir wollen Leute, die vielleicht bereit sind, auf ein eigenes Auto zu verzichten, sich für Themen wie Permakultur oder das «Global Ecovillage Network» interessieren. Auch legen wir grossen Wert auf Sozialkompetenz, Konfliktfähigkeit und einer herzoffenen 
Beziehungskultur.

Der Aufnahme- und Annäherungsprozess dauert lange bei uns, sicher ein halbes bis ein ganzes Jahr.

Mit welchen Schwierigkeiten hatte das Projekt in seiner Geschichte zu kämpfen?

Ein ständiger Balanceakt ist der Umgang mit Geld, das wir uns immer einteilen müssen. Wir wollen einen tiefen Mietzins bieten, gleichzeitig hat die Gemeinschaft Bedürfnisse. Der Schritt weg vom Gas beispielsweise ist eine grosse Investition.

In grossen Gemeinschaften stellt man sich auch die Entscheidungsfindung als eine schwierige, langwierige Angelegenheit vor.

Da hatten wir verschiedene Phasen. Am Anfang waren die Leute stärker mit einbezogen. Heute bin ich der Meinung, dass es gesünder ist, wenn nicht alle gleich involviert sind. Ich will und kann mich nicht um alles kümmern. Es gibt Leute, die eher an Sachthemen interessiert sind, andere an praktischen Fragen und wieder andere an der Persönlichkeitsbildung. Mittlerweile haben wir zur Entscheidungsfindung eine Struktur aufgebaut und sind gut eingespielt.

Wie ist das Herzfeld Sennrüti in Degersheim akzeptiert?

Am Anfang hat unser Projekt bestimmt etwas ausgelöst. Wir wussten aber: Der Gemeinderat steht hinter uns. Unser erster Tag der offenen Türe hat etwa 400 Leute angezogen. Damit hatten wir nicht gerechnet.

Und heute?

Es ist unterschiedlich. Es gibt sicher Degersheimer mit Vorurteilen. Wieder andere wissen nicht einmal, dass wir da sind. Und dann gibt es einen wachsenden Kreis von Menschen, die mit uns verbunden sind, an offenen Anlässen teilnehmen oder einfach mit Gemeinschaftsmitgliedern befreundet sind.

Jubiläumsfest und Konferenz

Am Samstag, 10. August, lädt das Herzfeld Sennrüti ab 16 Uhr zum Jubiläumsfest mit Kinderprogramm, Abendessen und Musik. Informationen und Anmeldung auf www.sennrueti.ch. Vom 31. Juli bis am 4. August findet zudem eine Konferenz von Global Ecovillage Network Suisse zur Vernetzung ähnlich gelagerter Projekte und Interessenten statt. Weitere Informationen unter www.sennrueti.ch/news. (pd)