In Bazenheid entsteht ein neues Minihaus: Wie teuer und wie sinnvoll für die Schweiz ist ein Tiny House wirklich?

Die Kleinsthäuser stehen für Nachhaltigkeit und Autonomie. Sie haben es aber schwer, in der Schweiz Fuss zu fassen.

Miguel Lo Bartolo
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Das Konzept der Kleinliegenschaften ist unter verschiedenen Namen bekannt. Man kennt sie als Single- oder Modulhäuser und jüngst eben auch als Tiny Houses. Der Rohbau eines ebensolchen steht seit gestern im Chrobüel in Bazenheid. Es ist sowohl für die Region als auch für das Bauunternehmen, die Müller Holzbau AG, ein Leuchtturmprojekt.

Ausgangspunkt für das Projekt war die Messe Holz in Basel, führende Fachmesse für die Holzbearbeitungsbranche. «Wir wollten mit dem Tiny House unser Projekt der letzten Messe übertreffen», sagt Ivo Merkli, Projektleiter der Müller Holzbau AG. Das sei aus seiner Sicht gelungen. Der Immobilientrend aus den USA ist in der Schweiz noch ziemlich jung. Die Idee dahinter findet allerdings zunehmend Anklang.

Blick in das Innere des Tiny Houses in Bazenheid: Die geschickte Einteilung lässt das Haus grösser wirken, als es tatsächlich ist.

Blick in das Innere des Tiny Houses in Bazenheid: Die geschickte Einteilung lässt das Haus grösser wirken, als es tatsächlich ist.

Bilder: Miguel Lo Bartolo

Merkli berichtet von unzähligen positiven Rückmeldungen, die ihn seit der Messe Holz 2019 erreichen. Die potenzielle Klientel sei überraschend durchmischt.

«Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich dieses Wohnmodell in absehbarer Zukunft auch in der Schweiz etabliert.»

Allerdings hinke die hiesige Legislative diesem Trend noch etwas hinterher.

Materielle Einschränkung gehört dazu

Nachhaltigkeit, Unabhängigkeit und Freiheit – das verspricht ein Tiny House. Das «ideale» Haus soll autark sein und genügend – aber eben nicht unnötig viel – Wohnraum bieten. Wer in einem solchen Haus wohnen möchte, muss sich auch über die damit einhergehenden materiellen Einschränkungen im Klaren sein. Ressourcenschonung ist das oberste Credo der Tiny-House-Verfechter. Wie nachhaltig ist aber ein solches Kleinsthaus wirklich?

An der Chrobüelstrasse 20, wo früher ein einfaches Einfamilienhaus stand, teilen sich künftig ein Neubau und das Tiny House den Platz. Das Motto: Zusammenrücken im Sinne der Nachhaltigkeit. Das Tiny House in Bazenheid nimmt nur 57 Quadratmeter Grundstücksfläche in Anspruch, die Wohnfläche beträgt derweil auf zwei Stockwerke verteilt 72 Quadratmeter.

Für Familien und Betagte eher ungeeignet

Tiny Houses sind in der Regel energetisch autark, so auch jenes in Bazenheid. Der Strom wird über eine Fotovoltaikanlage auf dem Dach gewonnen. Die Leistungskapazität der Speicherbatterie beträgt idealerweise sieben Kilowattstunden für einen beziehungsweise zehn für zwei Bewohner. «Das ist im Regelfall genug für den täglichen Gebrauch», sagt Merkli. Geheizt wird mit einem Holzspeicherofen.

Die Autarkie liesse sich ausserdem mit der Installation eines Regenwassertanks noch steigern. Der Anschluss an die öffentliche Wasserleitung ist nämlich das Einzige, das dem Kleinhaus in Bazenheid die vollumfängliche Autarkie abspricht. In hochwertigster Ausstattung kostet das bezugsbereite Tiny House aber auch entsprechend. 660'000 Franken, um genau zu sein. Da dürfte manch Illusionierter aus den Wolken fallen.

Zu guter Letzt wird das Dachelement installiert.

Zu guter Letzt wird das Dachelement installiert.

Auf einer derart komprimierten Fläche bietet sich das Wohnen alleine oder zu zweit an. Für Familien sind solche Wohnverhältnisse eher ungeeignet, wie Merkli sagt.

«Man muss schon ein rechter Idealist sein, um mit einer drei- oder gar vierköpfigen Familie auf so engem Raum zu wohnen.»

Immerhin gebe es nur ein Schlafzimmer. Da entfalle denn auch ein gutes Stück Intimität. Auch für betagtere Menschen dürfte das Tiny House keine zumutbare Wohnform sein. Der steile Aufstieg zum Schlafzimmer und die beengenden Platzverhältnisse sind zudem nicht rollstuhltauglich.

«Die Schweiz ist noch nicht so weit»

Die Kleinliegenschaften haben eins gemein: Alle haben sich schon hier einzunisten versucht. Das Ergebnis war aber immer dasselbe. Der grosse Boom, wie man ihn aus den USA kennt, blieb aus. Laut Projektleiter Ivo Merkli ist die Schweiz noch nicht so weit, diesen innovativen Wohnformen die richtige Bühne zu bieten. Interessenten sähen sich oftmals mit diversen juristischen Problemstellungen konfrontiert. So stellen beispielsweise Regelungen im Bauwesen bezüglich des Mindestabstands zur benachbarten Parzelle die Bauherren vor Schwierigkeiten.

Würde die Legislative diesen alternativen Wohnformen künftig den Weg ebnen, könnten sie möglicherweise mehr werden als blosse Hirngespinste grüner Himmelsstürmer.