Im weltweiten Schaufenster

Mit der Bronzemedaille im Gepäck ist die Schweizer Frauen-Eishockeynationalmannschaft von den Olympischen Spielen zurückgekehrt und gefeiert worden. Vier Personen der Region haben grossen Anteil am Aufstieg des Teams.

Simon Dudle
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Stürmerin Anja Stiefel und ihre Bronzemedaille waren beim offiziellen Empfang am Montagabend in Kloten gern gesehen. (Bilder: Simon Dudle)

Stürmerin Anja Stiefel und ihre Bronzemedaille waren beim offiziellen Empfang am Montagabend in Kloten gern gesehen. (Bilder: Simon Dudle)

REGION. Der Aufstieg des Frauen-Eishockeysports in der Schweiz ging schnell und ist direkt mit vier Personen aus der Region verbunden. Als René Kammerer, Urgestein des EHC Uzwil, die A-Nationalmannschaft vor zehn Jahren übernahm, war sie am Boden, abgestiegen aus der A-Gruppe. Eine der vielen Aufgaben Kammerers war, einen neuen Staff zusammenzustellen. Dabei erinnerte er sich an Leute seiner aktiven Zeit bei den Eishockeyclubs aus Uzwil und St. Gallen. Zum Beispiel an Michael Fischer, der seither als sogenannter Consultant-Coach im Einsatz ist. Er befasst sich vor jedem Spiel mit der gegnerischen Mannschaft, studiert sie, stellt Videosequenzen zusammen, übergibt die Infos dem Trainer. «Michael Fischer ist ein perfekter Analyst. In der Schweiz versteht sonst niemand so viel vom Fraueneishockey wie er», sagt Trainer Kammerer über den 42jährigen Hinterthurgauer, der sich hauptberuflich bei den SBB um die Infrastruktur und die Netzentwicklung kümmert. Würde er alle Zeit, die er ins Eishockey investiert, zusammenrechnen, käme er auf ein 30-Prozent-Pensum. Bei den Olympischen Spielen war seine Aufgabe, von der Tribüne aus per Funk den Trainer über allfällige Veränderungen zu informieren. Dumm nur, dass nach dem zweiten Spiel der Funk nicht mehr funktionierte, weil er vom Sicherheitsdienst belegt war. Man wusste sich mit einem Mobiltelefon zu behelfen. «Das Ziel ist, das Frauen-Hockey mit dieser Medaille aus dem Schattendasein herauszubringen», sagt Fischer.

Die Kufen frisiert

Ebenfalls bereits seit dem Jahr 2004 dabei ist Materialwart Beat Mösli, der seit geraumer Zeit in Oberbüren wohnt. Der 54-Jährige, der hauptberuflich als VBS-Mitarbeiter in Bronschhofen tätig ist, gehört fix zur Mannschaft und hat für die Spielerinnen stets ein offenes Ohr. Während des Olympiaturniers war seine Idee, die Schlittschuhe durch den entsprechenden Schliff schneller werden zu lassen. Wie er es genau gemacht hat, wollte er nicht einmal den Spielerinnen verraten, geschweige denn den Medien. «Beim Auto würde man sagen, ich hätte den Motor frisiert. Hier waren es die Kufen», deutet Mösli an.

Mit 23 ein Routinier

Noch weniger lang dabei, aber doch immerhin schon seit dem Jahr 2008, ist Stürmerin Anja Stiefel aus Züberwangen. Somit gehört die 23-Jährige bereits zu den routinierten Spielerinnen und bekam vor dem Halbfinalspiel gegen Kanada die Aufgabe, vor den Teamkolleginnen eine motivierende Rede zu halten. Sie entschied sich, die Partie einer verletzten Spielerin zu widmen. Die Worte zeigten Wirkung, und gegen das scheinbar übermächtige Kanada setzte es lediglich eine 1:3-Niederlage ab. Rechnet man nur die letzten beiden Drittel mit ein, haben die Schweizerinnen gar mit 1:0 gewonnen. Die persönliche Bilanz von Stiefel fällt allerdings durchzogen aus, da sie weder einen Treffer erzielt noch einen Assist beigesteuert hat. «Am Ende zählt die Medaille. Es war aber nicht mein bestes Turnier», sagt sie selbstkritisch. Die Spielerin des HC Lugano nahm ihre Bronzemedaille gestern mit ins Tessin.

Abschied mit Paukenschlag

Der wohl wichtigste Mosaikstein des Erfolgs ist Trainer Kammerer, der in einem Jahrzehnt die Frauen-Nationalmannschaft in der Weltrangliste von Platz neun auf drei gebracht hat, von der B-Gruppe zu einer olympischen Medaille. Doch wie erklärt er sich den Aufstieg? Für Kammerer ist die Frage nicht in einem Satz zu beantworten, es handle sich um einen langen Prozess. «Die Spielerinnen können heute in anderen Ligen trainieren als früher, auch im Ausland. Es steckt professionelle Arbeit dahinter, und in gewissen Bereichen sind wir dem Herren-Eishockey schon sehr nahe», sagt Kammerer. Trotzdem ist für ihn frustrierend, wie sehr er in den vergangenen Jahren darum kämpfen musste, selbst im Eishockeysport wahrgenommen zu werden. Einige der grossen Vereine führen keine eigene Frauenmannschaft, was bei gerade mal tausend lizenzierten Spielerinnen in der Schweiz aber nicht allzu sehr verwundert. «Es würde schon helfen, wenn man Mädchen in Nachwuchsabteilungen zulassen würde. Heute macht man uns die Türe oft zu», sagt der gelernte Werkzeugmacher.

Kammerer hat sich entschieden, nach zehn Jahren als A-Nationaltrainer aufzuhören, «mit einem Paukenschlag», wie er sagt. Es sei nun Zeit für frisches Blut. Wie seine persönliche Zukunft aussieht, ist offen, ein Engagement im Männer-Eishockey zumindest ist vorderhand aber kein Thema. Zuerst hat er fast unendlich viele Eindrücke aus Sotschi zu verarbeiten. Stolz ist er. Stolz auf die Spielerinnen, aber auch auf sich selber und sein Team, «weil auch wir vom Staff sehr viel richtig gemacht haben». Überwältigend und sehr laut sei der Empfang am Sonntagabend bei der Rückkehr aus Russland am Flughafen Zürich gewesen, beeindruckend die Anzahl Glückwünsche. Unter den Gratulanten waren Männer-Nationalcoach Sean Simpson, Bundesrat Ueli Maurer, Bundespräsident Didier Burkhalter und auch Fifa-Chef Sepp Blatter. Plötzlich interessieren sich alle für das Frauen-Eishockey.

Seit zehn Jahren in der Nationalmannschaft ein Team: Trainer René Kammerer aus Uzwil, Consultant-Coach Michael Fischer aus St. Margarethen und Materialwart Beat Mösli aus Oberbüren (von rechts).

Seit zehn Jahren in der Nationalmannschaft ein Team: Trainer René Kammerer aus Uzwil, Consultant-Coach Michael Fischer aus St. Margarethen und Materialwart Beat Mösli aus Oberbüren (von rechts).

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