Im Strom, im Sog

UZWIL.

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UZWIL. Er hat schon auf der Höhe des Optikergeschäfts Defilla am Bio-Rotwein genippt, vorher weiter oben tibetische Samosas probiert, dieses seltsame Modegetränk Apérol Spritz an der grossen Bar mitten auf der Kreuzung vor dem Uzwiler Zentrum verköstigt, ist dem schwarzen Monster-Truck vom «update fitness» geschickt ausgewichen, weil er in seinem Pensionärsalter wirklich keinen «Body check» mehr braucht, hat aber vorher bei der Concordia am Glücksrad gedreht und sich von Coiffeur Orru einen Wettbewerbscoupon aufschwatzen lassen.

Spaghetti, Raclette, Tunnel

Nachher will er unbedingt noch in die Spaghetti-Bar, das Zelt vom Musikverein Uzwil-Henau, in die Raclettestube vom Skiclub Uzwil, und am Abend trifft er ohnehin die anderen Pensionäre in der Tunnel-Beiz. Die männliche Jugend lärmt schon gehörig, die weibliche stolziert auf Keilabsätzen. Man trinkt, man isst, man redet, man lacht … Es sind alle, alle unterwegs, die Jungen, die Alten, sogar die Ältesten. So ist das, so bleibt das, so wird das immer sein, immer.

Die Zeit ist aufgehoben

Fritz Studli ist auf dem Uzwiler Herbstmarkt. So muss man es schreiben, aber die Zeitform «ist» passt nicht. Wenn Herbstmarkt ist, ist die Zeit aufgehoben. Es gibt kein Gestern und kein Morgen, es gibt nur das Heute. Fritz Studli verliert sich im Herbstmarkt, er wird eins mit dem Strom von Menschen. Es ist ein Sog, dem er sich hingibt mit allen seinen Sinnen. Bis heute abend wird er wahrscheinlich die Bahnhofstrasse zehn-, zwanzigmal auf und ab gegangen sein, mit seinem Dackel Erich an der Leine, aber Studli wird seine Schritte nicht zählen.

Glück und Versprechen

Erich wird treuselig neben ihm her dackeln, mit einem Blick, der dem seines Herrchens ähnlich ist. Jeder Herbstmarkt ist ein Glück, und jeder Herbstmarkt ist ein Versprechen. Es ist das Leben selbst, das sich feiert, das sich ausstellt: frisches Obst überall, polierte Oldtimer, erstaunlich viele Spielsachen, entspannt schlendernde Menschen mit offenem Blick.

Der Uzwiler Herbstmarkt verspricht, dass man sie alle trifft: die Menschen, die man fast täglich sieht – und all jene, die man fast nie sieht, ausser eben beim Herbstmarkt. Hierhin kommen sie alle zurück. Dieses Versprechen wurde noch immer eingelöst. So ist das, so bleibt das, so wird das immer sein.

Die schöne Angela

Fritz hat schon Ruth B. getroffen, die alte Schulfreundin. Sie hat ihn angestrahlt, wie früher, als sie knapp, sehr knapp kein Paar wurden. Er wird der noch immer schönen Angela K. begegnen und ihr dezent einen Kuss auf die Wange geben – und dabei erröten, wie jedes Jahr, weil sie viel zu gut duftet und viel zu hohe Absätze hat. Vielleicht hat Cornelia Studli ihn deshalb heute morgen mit einem derart süffisanten Lächeln verabschiedet. «Komm wieder, Fritz», hat sie gesagt.

Der rote Faden eines Lebens

Vielleicht könnte man, denkt Studli, die Biographie eines Menschen aus Uzwil nach dem Muster erzählen, wen er beim Herbstmarkt wiedersieht und welche Erlebnisse, Erinnerungen und Jahre er mit diesem Menschen gemeinsam hat. Der Herbstmarkt wäre der rote Faden einer solchen Erzählung. Warum hat noch keiner einen derartigen Film gemacht? Ob Heinz D. vielleicht auch da ist, der letztes Jahr beim Wurstbraten so eingespannt war, dass er keine Zeit für ein Bier hatte?

Leserin, Leser dieser Zeitung! Wenn Sie beim Uzwiler Herbstmarkt einen älteren Herrn mit schwarzer Mütze und Dackel versonnen auf einer Bierbank sitzen und lächeln sehen, seien Sie gewiss: Das ist Fritz Studli, und es geht ihm sehr, sehr gut.