Wahrzeichen
Im Hof zu Wil lebt ein bedeutendes Stück Geschichte weiter: Ein Blick in die Vergangenheit als Äbte teilweise mehr Zeit in Wil als in St.Gallen verbrachten

Die 3. Bauetappe für das Wiler Wahrzeichen beläuft sich auf 25 Millionen Franken. Schon deshalb lohnt sich ein Blick in die Geschichte.

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Vor rund 800 Jahren legten die Grafen von Toggenburg den Grundstein für den heutigen Hof zu Wil.

Vor rund 800 Jahren legten die Grafen von Toggenburg den Grundstein für den heutigen Hof zu Wil.

Bild: Hans Suter

Mit seiner über 800-jährigen Geschichte, die bis auf die Grafen von Toggenburg zurückgeht, strahlt der Hof zu Wil als bedeutendes und verpflichtendes Kulturerbe weit über die Grenzen der Stadt und Region hinaus. Er wurde 1979 unter Bundesschutz gestellt und ist als Baudenkmal von nationaler Bedeutung eingestuft.

Die anstehende 3. Sanierungs- und Bauetappe bildet den vorläufigen Abschluss des Generationenprojekts. Sie erfordert einen finanziellen Aufwand von rund 25 Millionen Franken.

Der Blick zurück in eine bewegte Vergangenheit

Im Laufe des 14. und 15. Jahrhunderts erlebte die Fürstabtei St.Gallen eine tief greifende Krise und verlor aufgrund von Kriegen einen grossen Teil der Grundherrschaft. Appenzell wurde unabhängig und die aufstrebende Stadt St.Gallen nahm sich 1455 vor, die gesamte verbliebene weltliche Herrschaft des Klosters zu übernehmen. An diesem Tiefpunkt der Klostergeschichte wurde Ulrich Rösch zum Abt gewählt. Mit dem Rückhalt der eidgenössischen Schirmorte (Zürich, Luzern, Glarus und Schwyz), mit denen die Abtei seit 1451 verbündet war, gelang es ihm, die Herrschaft des Klosters wieder zu festigen.

Durch die Sammlung von Rechtstiteln und den Zukauf neuer Gebiete (1468 Erwerb der Grafschaft Toggenburg) wurde der Klosterstaat zu einem frühneuzeitlichen Territorialstaat. Gerade der Kauf des Toggenburgs katapultierte den Hof zu Wil inmitten der Fürstabtei St.Gallen zu einem Machtzentrum. Der Hof entwickelte sich zum bedeutendsten Wirtschaftsverwaltungszentrum in diesem Herrschaftsgebiet.

Der Hof als Gerichts- und Verwaltungszentrum

Mit Ausnahme der Sektion über die Toggenburger und die Kriege des Spätmittelalters wird bei der im Hof zu Wil zu vermittelnden Geschichte von diesem Territorialstaat ausgegangen, der bis zur Auflösung des Klosters im Grunde unverändert blieb. Seit 1468 bestand dieser Staat aus dem zwischen Rorschach und Wil gelegenen Kernland der Fürstabtei – der sogenannten Alten Landschaft – und der Grafschaft Toggenburg.

Zehn Themenbereiche

Es sind für die zukünftige museale Inszenierung zehn Themenbereiche vorgesehen, um die Geschichte des Hofs zu Wil und dessen Bedeutung historisch angemessen und gleichzeitig für ein breites Publikum attraktiv darzustellen:
1. Die Äbte
2. Die Toggenburger und die Kriege des Spätmittelalters
3. Verwaltung/Gerichtsbarkeit
4. Der Territorialstaat
5. Übergang zum Kanton
6. Die Religion
7. Die Brauerei
8. Geografie und Kornspeicher
9. Architektur im Dachgeschoss
10. Die Baugeschichte des Hofs

Die Alte Landschaft umfasste ungefähr die heutigen Wahlkreise Wil, St.Gallen (ohne die damalige Stadt St.Gallen) und Rorschach. Bis 1798 bildete dieses Gebiet den Kern der Territorialherrschaft der Fürstabtei St.Gallen und war in vier Ämter unterteilt: das Wileramt, das Oberbergeramt, das Landshofmeisteramt und das Rorschacheramt.

Das Wileramt war der Westpfeiler der Klosterherrschaft. Dessen Gerichts- und Verwaltungszentrum befand sich im Hof zu Wil. Dort residierte der Statthalter, der auch Vorsitzender des Wiler Pfalzrates war. Seit 1463 gab es in Wil ausserdem die Hochgerichtsbarkeit (Blutgericht) für das Wileramt. Abt Ulrich Rösch gelang es, sie vom Kaiser als Regalie zu erhalten. Das bedeutet, dass es in Wil möglich war, über Leben und Tod zu entscheiden. Die Hochgerichtsbarkeit war eine unabdingbare Voraussetzung, um Territorialherrschaft erfolgreich auszuüben. Vorsitzender des Blutgerichts war der Reichsvogt. Des Weiteren residierte in Wil der Hauptmann der vier eidgenössischen Schirmorte. Mit dem Statthalter, dem Reichsvogt und dem eidgenössischen Hauptmann lebten in Wil drei einflussreiche Figuren.

Der Abt lebte samt Frau und Kindern in Wil

Eine besondere Rolle spielte Wil für zahlreiche weitere Äbte seit Abt Ulrich Rösch, die teilweise mehr Zeit in Wil als in St.Gallen verbrachten. Dies hatte einerseits mit den Spannungen zwischen der Stadt St.Gallen und der Abtei zu tun, anderseits auch mit dem Privatleben einiger Äbte, die entweder aus Wil kamen oder, wie Ulrich Rösch, ihre Frau und Kinder in Wil hatten. Andere Äbte wie Leodegar Bürgisser wählten Neuravensburg als ihre Residenz ausserhalb St.Gallens. Man kann aber wohl davon ausgehen, dass Wil zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert die wichtigste Residenz der St.Galler Äbte ausserhalb St.Gallens war. (pd/hs)