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IKONE: Die Stradivari unter den Arschgeigen

Marcel Reif gilt als Reizfigur unter den Fussballkommentatoren. In Uzwil erzählte er, wieso eine Meisterschaft im Fussball nichts bedeutet und er beinahe Pelé anpinkelte.
Gianni Amstutz
Marcel Reif (links) findet im Gespräch mit dem Journalisten Urs Heinz Aerni deutliche Worte. (Bild: Gianni Amstutz)

Marcel Reif (links) findet im Gespräch mit dem Journalisten Urs Heinz Aerni deutliche Worte. (Bild: Gianni Amstutz)

Gianni Amstutz

gianni.amstutz@wilerzeitung.ch

Marcel Reif, der jahrzehntelang als Fussballkommentator bei ZDF, RTL und Sky arbeitete, ist ein Mann der klaren Worte. Das wurde an der Veranstaltung in der Gemeindebibliothek in Uzwil am Donnerstagabend deutlich. Für seine Art, Fussballspiele zu kommentieren und dabei kein Blatt vor den Mund zu nehmen, wurde Reif oft zur Zielscheibe der Kritik. Ein Fussballfan habe ihm einmal geschrieben: «Unter den Arschgeigen sind Sie die Stradivari.» Mit derlei Kritik konnte Reif jedoch gut umgehen. Denn er habe seinen Beruf beherrscht und nur wenig fachliche Fehler gemacht. Alles andere sei Geschmacksache, sagt er. Für solche Aussagen wurde der Kommentator als eingebildet und selbstverliebt bezeichnet. Das störte ihn ebenso wenig, wie wenn man ihm vorwarf, lustlos zu kommentieren. «Ich habe ein Spiel nie künstlich spannend gemacht», sagt er. Das sei nicht die Aufgabe eines Kommentators. Dieser müsse das Geschehen auf dem Rasen einordnen und seine Meinung kundtun. Bei manchen seiner Berufskollegen vermisse er diese Eigenschaft. «Im Fernsehen muss man den Zuschauern nicht sagen, was passiert. Sie haben ja schliesslich Augen im Kopf.»

Begeisterung für belanglose Partien verloren

Zunehmend fiel es ihm schwerer, sich für unbedeutende Partien zu begeistern, weshalb er seine Kommentatorentätigkeit vor rund einem Jahr aufgab. Derzeit arbeitet er als Experte bei Teleclub und begleitet die Spiele der Schweizer Super League. Die Arbeit bereite ihm Spass, denn er sei wieder näher am Geschehen und schätze die kleineren Dimensionen der Super League. Der Modus mit zehn Mannschaften, die pro Saison viermal gegeneinander spielen, sei hingegen idiotisch. Die Idee einer Fusion der Super League mit der österreichischen Bundesliga lehnt Reif dennoch strikt ab. «Nationale Ligen müssen weiter bestehen, sonst geht der Fussball kaputt.»

Dennoch gebe es beinahe jedes Jahr Bestrebungen zur Gründung einer Europa-Liga, in der sich die Top-Klubs wie Bayern München, Real Madrid oder Juventus messen würden. Die Ursache dafür: Die meisten Ligen sind faktisch bereits vor Beginn der Saison entschieden. «Bayern, aber auch Basel werden so lange Meister werden, wie sie es wollen.» Eigentlich spiele es aber überhaupt keine Rolle, wer die Meisterschaft gewinne, zumal sich in den grossen Ligen bis zu vier Mannschaften für die Champions League qualifizierten und von Einnahmen in Millionen­höhe profitierten, sagt Reif.

Das Geld regiert den Fussball

«Fussballmannschaften sind keine Familie, und mit Liebe hat das nichts zu tun», sagt er. Klubs würden dies mit Slogans wie «Mia san Mia» oder «Echte Liebe» zwar vorgaukeln, die Spieler selbst identifizierten sich jedoch nicht mit dem Verein. Fans blendeten das jedoch bewusst aus. «Fans sind dumm, weil sie dumm sein wollen.» Lange könne das jedoch nicht mehr gut gehen. «Wenn man die Kommerzialisierung weitertreibt, verliert man irgendwann die Zuschauer.» Spieler, die einen Torjubel dazu nutzten, um für ihren Sponsor zu werben, anstatt sich über das Tor für «ihre» Mannschaft zu freuen, zerstörten die Glaubwürdigkeit des Sports. Auch die Transfersummen, die bezahlt werden, kritisiert Reif. «Maximilian Philipp, der in einer Saison zweimal den Ball getroffen hat, wechselte für 20 Millionen. Das ist krank.» Steht es also schlecht um den Fussball? «Nein, denn spielerisch und taktisch ist das Spiel auf seinem Höhepunkt», urteilt Reif.

In seiner Karriere erlebte Reif einige Pannen. Unvergessen bleibt der Torfall von Madrid: Im Champions-League-Halbfinal 1998 fiel ein Tor vor dem Anpfiff um. Über eine Stunde dauerte es, bis ein Ersatztor aufgestellt und die Partie angepfiffen werden konnte. Reif und Moderatorenkollege Günther Jauch überbrückten die Zeit bis zum Anpfiff gekonnt und erhielten dafür mehrere Fernsehpreise. Besonders in Erinnerung blieb dabei Reifs kontextentwendete Fussballfloskel: «Noch nie hätte ein Tor einem Spiel so gut getan wie heute.» An der Weltmeisterschaft 1994 sah sich Reif mit einer anderen «Panne» konfrontiert. Beim Final meldete sich in der 70. Minute seine Blase. Lange habe er versucht, seinen Drang zurückzuhalten, doch als das Spiel in die Verlängerung gegangen sei, habe er nicht mehr anders gekonnt: Das Geschäft musste an Ort und Stelle verrichtet werden. Bevor er zur Tat schritt, vergewisserte sich Reif, wer in der Reihe vor ihm sass, da die Möglichkeit bestand, «dass diese Person etwas abbekam», wie er sagt. Ausgerechnet die Fussballikone Pelé hatte den Platz vor Reif, weshalb er sich doch noch anders entschloss. «Ich konnte den grössten Spieler der Fussballgeschichte schliesslich nicht anpinkeln.»

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