«Ich würde gerne in meiner Heimat sterben können» – Ein Assyrer aus Wil erzählt die Geschichte seines Volkes

Der in Wil wohnende Assyrer Simon prangt seit Jahren die Unterdrückung seiner Völkergruppe an und appelliert an die Menschlichkeit.

Rosa Schmitz
Drucken
Teilen
Assyrer feiern Ostern in traditioneller Kleidung und schwenken ihre Fahne. Die Kultur darf nicht in Vergessenheit geraten, sagt ein Assyrer aus Wil.

Assyrer feiern Ostern in traditioneller Kleidung und schwenken ihre Fahne. Die Kultur darf nicht in Vergessenheit geraten, sagt ein Assyrer aus Wil.

Bild: Hussein Malla

«Eine 2000-jährige Geschichte verschwindet allmählich», seufzt Simon. Der 62-jährige Türke, wohnhaft in Wil, gehört einem vergessenen Volk an. Einem Volk, das aus seiner Heimat Mesopotamien, dem legendären Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris im Dreieck Türkei, Syrien, Iran, Irak, vertrieben wurde: die Assyrer. Sie sind Christen und sprechen aramäisch – die Sprache des Jesus von Nazareth. «Wir werden in diesen vier Ländern des Nahen Ostens, wo der Islam Staatsreligion ist, seit Jahrzehnten unterdrückt und verfolgt», beklagt Simon, der aus Angst vor Repressionen nicht seinen ganzen Namen in der Zeitung lesen möchte.

Während des Ersten Weltkriegs seien nicht nur die christlichen Armenier, sondern auch die Angehörigen der syrischen Kirchen Opfer grausamer Verfolgung und Vertreibung gewesen. «Die Assyrer verloren in den nördlichsten Gebieten Obermesopotamiens und im Iran über 50 Prozent ihrer Gesamtbevölkerung», erklärt Simon. Bis auf spärliche Reste seien sie aus ihren alten Siedlungsgebieten vertrieben worden und hätten unter schwierigsten Bedingungen jahrelang in Lagern zubringen müssen, die unter Aufsicht des Völkerbundes gestanden hätten.

«Bei der Gründung der jungen Nationalstaaten Irak, Syrien und der modernen Türkei wurde das Verlangen der Assyrer nach Selbstbestimmung und Autonomie nicht berücksichtigt.»

Trotz internationaler Versprechungen hätten sie nicht in ihre alten Wohngebiete zurückkehren können. Es sei ihnen nur die Wahl geblieben, zu den Angehörigen ihres Volkes in verschiedenen neuen Staaten des Nahen Ostens zu fliehen.

Ein Leben in ständiger Bedrohung

Dort aber sei ihnen der Status einer anerkannten nationalen und religiösen Minderheit mit daraus folgenden kulturellen Rechten verweigert worden. Der Irak und die Türkei hätten sogar die Volksbezeichnung «Assyrer» verboten und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, nicht nur die Nationalbewegung der Assyrer, sondern auch das Glaubensleben der christlichen Konfessionen zu unterdrücken. Ähnlich sei es im Iran, auch wenn dort die Bezeichnung Assyrer nicht verboten ist. «Insgesamt stellen die letzten 20 Jahre für Assyrer im Nahen Osten einen der grausamsten Abschnitte unserer Geschichte nach den Genozidverbrechen von 1914 bis 1922 dar», sagt Simon.

Wer sind die Assyrer?

Das Volk der christlichen Assyrer lebt gegenwärtig in den Nahoststaaten Irak, Iran, Syrien, Türkei und Libanon sowie in westlichen Ländern und in Übersee. Sie sind die Nachfahren der Christen des Vorderen Orients, welche seit dem dritten Jahrhundert im Gegensatz zu der byzantinischen Reichskirche selbstständige Kirchen gründeten und nicht das Griechische, sondern das Syrische als Liturgie- und Theologiesprache verwendeten.

Sie selbst führen ihre Existenz auf die altorientalischen Völkerschaften der Assyrer, Babylonier und Aramäer zurück, die seit der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends vor Christus in Syrien und Mesopotamien ansässig wurden.

Das Römische Reich, die Herrschaft der neupersischen Sasaniden, Byzanz, das arabische islamische Kalifat, die Mongolenstürme und die Herrschaft der Osmanen bis zum Beginn des 20. Jahrhundert prägten die Bewohner der wechselnden Staatsgebilde. Eine Minderheit der Christen des Vorderen Orients überstand die Einschmelzung in den Islam und bildete bis zum Ersten Weltkrieg eine kleine Sprach- und Religionsgemeinschaft in einem geschlossenen Siedlungsgebiet Obermesopotamiens. (rms)

In der Türkei – Simons Heimat – gerieten die Assyrer seit 1984 zunehmend zwischen die Fronten des erbittert geführten Kriegs des türkischen Militärs gegen die Anhänger der radikalen kurdischen Arbeiterpartei (PKK). Assyrer würden sowohl von der PKK als auch von den türkischen Regierungstruppen, von Spezialeinheiten und der Polizei sowie von islamisch-fundamentalistischen Kräften und von kurdischen Agas in unterschiedlicher Intensität bedrängt und unter Druck gesetzt.

Von den Antiterroreinheiten des türkischen Militärs werde ihnen immer wieder Kooperation mit dem kurdischen Widerstand vorgeworfen. Von der PKK würden sie verdächtigt werden, mit den türkischen Unterdrückern zu kollaborieren. Immer wieder käme es zu Anschlägen auf assyrische Familien.

Unter solch ständiger Bedrohung hätten in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Zehntausend Assyrer ihre türkische Heimat verlassen. «Die Istanbuler assyrischen Gemeinden waren hoffnungslos überfordert mit der Unterstützung und Versorgung aller Flüchtlinge aus dem Gebiet Tur Abdin», erzählt Simon. Überfüllte Wohnungen und Arbeitslosigkeit würden zu massiven Existenzproblemen führen. Heute lebten noch höchstens 12'000 Assyrer in der Türkei, etwa 500 Familien im Tur Abdin und wenige Tausend in Istanbul.

In der ganzen Welt verstreut

«Wir Assyrer leben heute grösstenteils verstreut in der ganzen Welt», sagt Simon. Er flüchtete vor über 40 Jahren in die Schweiz. Über Winterthur und das Toggenburg fand er mit seiner Familie – mit Ehefrau und drei Kindern – vor 20 Jahren eine Wohnung in Wil. Hier ist er glücklich und hat das Gefühl, mehr Freiheit zu haben. Die Angst von damals ist zwar nicht verflogen, aber sie verfolgt ihn auch nicht mehr. Seine Familie und Freunde wurden von den Schweizern offen empfangen, dafür ist er sehr dankbar. Und er fühlt sich insgesamt sicher.

Doch die Probleme seiner Volksgruppe lassen ihn nie mehr los. Unermüdlich setzt sich Simon in seiner Freizeit für sein Volk und dessen Schicksal ein. Denn dieses soll nicht in Vergessenheit geraten. Mit Vorträgen in Wil und der ganzen Ostschweiz versucht Simon den Leuten zu erklären, wieso er hier lebt, wie sein Leben verlaufen ist, und er appelliert an die Menschlichkeit.

Ausbreitung des Assyrischen Reichs von 1800 bis 627 v. Chr.

Ausbreitung des Assyrischen Reichs von 1800 bis 627 v. Chr.

Schon als kleiner Junge wurde Simon mit muslimischen Gepflogenheiten konfrontiert, nach denen auch in der Schule unterrichtet wurde. Während des Ramadans sei es ihnen verboten gewesen, zur Tageszeit zu essen und zu trinken. Arbeit zu finden sei beinahe ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. «Spätestens dann, wenn nach der Religion gefragt wurde, die bereits mein Vorname verrät, war die Absage klar», erzählt Simon. Sogar in der Grossstadt Istanbul. Dazu käme, dass Behördenmitarbeiter und Polizisten alle Muslime waren. Als Christ habe man schlichtweg keine Rechte vor der Justiz gehabt.

«Ich war nicht der Einzige, der solche Erfahrungen machen musste. Millionen von Menschen erlitten das gleiche Schicksal.»

Eine schlimme Zeit sei vor allem auch der knapp zweijährige Militärdienst gewesen. Er sei aufgefordert worden, zu konvertieren, sei ständig bedroht und geschlagen worden. «Trotzdem bin ich immer zu meinem Glauben gestanden», sagt Simon stolz. Aber nach den Erlebnissen beim Militär habe er gewusst, dass es an der Zeit sei, die Koffer zu packen.

Rückkehr in die Heimat

Etwa 10000 assyrische Familien haben hierzulande eine neue Heimat gefunden, in der Ostschweiz rund 300. Viele leben hier als ausländische Arbeitnehmer, andere als Flüchtlinge mit einem langfristigen Bleiberecht. «Die meisten flohen vor Unterdrückung und Verfolgung durch den Staat», erklärt Simon. In Mesopotamien seien nur noch wenige Angehörige seines Volkes – sein Heimatdorf im Südosten der Türkei sei heute fast menschenleer, quasi ein Geisterdorf. «Zurückgeblieben sind die Alten und die Armen.»

Die ausgewanderten Assyrer würden vorwiegend in der Diaspora leben, verstreut über Europa, Amerika und Australien. Doch durch diese Verteilung gingen die gemeinsame Sprache, Spezialitäten, die Kultur und Bräuche verloren. Dagegen kämpft Simon an. «Auch die nächsten Generationen sollen von unserem Schicksal erfahren, wissen, wie wir lebten, wie wir sprachen», sagt er.

Erst wenn es genug Empörung gebe, wenn die Assyrer anfingen, sich zu versammeln und öffentlich aufbegehrten: Dann greife vielleicht endlich irgendwer ein, sagt Simon. Zum Beispiel Europa. Und dann könnte sein Volk vielleicht endlich wieder nach Hause. «Ich würde gerne in meiner Heimat sterben können.»