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Interview

«Ich werde die Hoffnung nicht verlieren»: Ein Wiler Parlamentarier spricht über seine tibetische Herkunft

In diesem Monat jährt sich einer der grössten Aufstände in der Geschichte des chinesisch-tibetischen Konflikts zum 60. Mal. Der Wiler Jigme Shitsetsang erzählt, wie sein Vater den Aufstand in Lhasa miterlebte, welchen Einfluss der Tibet auf sein Leben hatte und warum ihn der weltweite Umgang mit dem tibetisch-chinesischen Konflikt verunsichert.
Nicola Ryser
Wiler und Tibeter zugleich: Jigme Shitsetsang zusammen mit Zürcher Regierungsrat Mario Fehr beim Schweizer Empfang des Dalai Lama 2016. Bilder: PD

Wiler und Tibeter zugleich: Jigme Shitsetsang zusammen mit Zürcher Regierungsrat Mario Fehr beim Schweizer Empfang des Dalai Lama 2016. Bilder: PD

Sie sind in Wil geboren, Ihre Eltern stammen aus Tibet. Fühlen Sie sich eher als Schweizer oder als Tibeter?

Jigme Shitsetsang: Ganz klar beides. Mir ist wichtig, dass ich das Bewusstsein in mir trage, tibetischen Ursprungs zu sein. Gleichzeitig bin ich aber ein Schweizer, weil ich hier aufgewachsen bin.

Der Aufstand in Lhasa fand vor genau 60 Jahren statt, also vor Ihrer Geburt. Wie ist Ihr Bezug zu diesem Ereignis?

Meine Eltern lebten vor und während dieser Zeit im Tibet. Mein Vater, damals noch ein junger Mann, hatte den 10. März 1959 in Lhasa mit seinem Vater selbst miterlebt. In den Unruhen wurden sie von ihrer Familie getrennt. Die Männer haben mit Schwertern und Gewehren bewaffnet gegen die chinesische Armee gekämpft, mein Grossvater war sogar einer der verschiedenen Clan-Anführer. Zusammen mit einer grossen Gruppe kam es zur ungeplanten Flucht, die viele Kämpfe nach sich zog. Über Nepal gelangten mein Vater und Grossvater – Letzterer verwundet – nach Indien.

Wie sind Ihre Eltern schliesslich in die Schweiz gekommen?

Ganz unterschiedlich. Meine Mutter lebte seit 1956 mit einem Kindermädchen in Indien und besuchte ein englisches Schulinternat. Dort wurde sie von Priestern und Nonnen unterrichtet. 1964 hat sie dann eine Gruppe von tibetischen Kindern in die Schweiz geführt, wo diese bei Pflegefamilien unterkamen. Meine Mutter kam zur Familie Schwyn in Littenheid. Als 18-Jährige besuchte sie noch die Sekundarschule im Sonnenhof Wil.

Und Ihr Vater?

Er kam mit einer Gruppe Tibetern nach Oetwil am See im Kanton Zürich. Meine Eltern haben sich dann auch in der Schweiz kennengelernt. Meine Mutter besuchte einmal spontan mit einer Kollegin das Tibeterhaus in Oetwil am See, mein Vater hat ihr dort die Tür geöffnet.

Der Aufstand in Lhasa im März 1959

Bis ins 20. Jahrhundert hatte Tibet ein eigenes Staatswesen. Zu Beginn der 1950er-Jahre geriet das Hochland jedoch unter die Herrschaft der chinesisch-kommunistischen Regierung. Die Tibeter wehrten sich vermehrt gegen die chinesische Besetzung. Für den 10. März 1959 wurde der Dalai Lama zu einer Theateraufführung der chinesischen Armee eingeladen, woraufhin die Tibeter eine Entführung befürchteten und an jenem Tag vor der Residenz des Dalai Lama in der Hauptstadt Lhasa protestierten. Dieser Tag symbolisiert für viele tibetische Gruppen den Tag des Tibetaufstands. In der Folge kam es bis zum 21. März zu Protesten, Strassenkämpfen und Bombardierungen. Knapp 86 000 Tibeter und 2000 Chinesen kamen ums Leben, der Dalai Lama flüchtete ins Exil. Bis heute ist der Tibet Teil der Volksrepublik China und wird nur als autonomes Gebiet mit eigener Exilregierung anerkannt. Doch gilt die Zugehörigkeit völkerrechtlich umstritten. (nir)

Wie wächst man auf im Wissen, in einem friedlichen Land geboren zu sein, jedoch mit Wurzeln in einem anderen Land, das offiziell keines sein darf?

Meine Eltern und ich besassen immer die Hoffnung, dass sich im Tibet alles zum Guten verändern würde, blieben gleichzeitig aber auch realistisch. Es war uns klar, dass wir, die hier leben, eine privilegierte Gruppe sind und fühlten uns verpflichtet, diese Chance zu nutzen und die Tibetfrage weiter zu thematisieren. So bin ich sehr stark mit dem Tibet verbunden aufgewachsen. Beispielsweise habe ich in meinem Büro verschiedene tibetische Gegenstände, die mich prägten und an meine Herkunft erinnern. Sie stärken mein Bewusstsein zur tibetischen Kultur, Sprache und Religion.

Der Konflikt in Tibet ist auch ein politischer. Sie sind Politiker geworden. Gibt es da einen Zusammenhang?

Selbstverständlich hatte das einen Einfluss, schliesslich leben wir wegen einer Annexion im Exil, einem Unrechtsgeschehen an unserem Volk, das viel Leid verursachte. Folglich waren für mich Menschenrechte schon immer ein wichtiges Thema. Auch bin ich mit dem Bewusstsein aufgewachsen, nicht nur für mich zu leben, sondern ein Teil einer Gemeinschaft zu sein, in welchem der Gedanke für das Kollektiv stark ausgeprägt ist. Ich habe mich deshalb früh politisch engagiert. An Demonstrationen teilnehmen, Kampagnen planen: Das kannte ich bereits als Kind. Die demokratischen Freiheiten in der Schweiz nutzen zu können, empfinde ich daher als ein grosses Privileg. Ebenso die Chance, zu wählen und abzustimmen.

Wie oft waren Sie schon im Tibet?

Nur zweimal. Zuerst 1996 zusammen mit meinem Vater. Das war eine sehr emotionale Reise. Es fühlte sich speziell an, Orte und Verwandte zu sehen, die ich sonst nur von alten Bildern gekannt hatte. Freude und Trauer waren vereint, ein ambivalentes Gefühl. Das zweite Mal ging ich 1998 mit meiner Mutter, seither war ich nicht mehr dort. Das aber eher unfreiwillig.

Weshalb?

Für uns ist es zur Willkür geworden, ein Visum für die Reise zu bekommen. Als Schweizer gestaltet es sich einfacher, nach Tibet zu reisen, als für jemanden mit tibetischen Wurzeln. Auch existieren Listen von Vertretern des chinesischen Konsulats, die uns hier beobachten, fotografieren. Wenn man da drauf ist, wird es schwierig, ein Visum zu erhalten.

Shitsetsang auf Pilgerreise, zusammen mit seiner Schwester und seiner Mutter.

Shitsetsang auf Pilgerreise, zusammen mit seiner Schwester und seiner Mutter.

In der Schweiz leben rund 8000 Tibeter. Wie stark pflegt man den Kontakt untereinander?

Es ist eine sehr überschaubare Gruppe, bedenkt man, dass sie bereits seit den Sechzigern in der Schweiz existiert. Wir sind aber sehr gut organisiert, besitzen unsere eigenen Strukturen. Die Region Wil und Münchwilen hat ebenfalls eine tibetische Sektion. Da plant man zusammen Festivitäten und tauscht sich über die Aktivitäten innerhalb der tibetischen Gemeinschaft in der Schweiz aus.

Erkennt man Unterschiede in den Charaktereigenschaften zwischen Tibetern und Schweizern?

Sehr schwierig zu sagen. Wir Tibeter sind auf der ganzen Welt verteilt. Unsere Gemeinschaft hier unterscheidet sich beispielsweise stark von derjenigen in den USA, die von der dortigen Kultur geprägt wird. Wir wurden hier ebenso von den Schweizer Eigenschaften beeinflusst. Ich glaube, die Tibeter sind sehr offen und flexibel. In der Schweiz mussten sie in eine andere Welt eintauchen und sich etwas aufbauen, um sich zu integrieren.

Wurden Sie denn gut integriert?

Ich glaube, die Schweiz besitzt ein Erfolgsmodell bei der Integration. Die Schweizer sind den Tibetern sehr wohlwollend begegnet und umgekehrt bedankten sich die Tibeter, indem sie fleissig arbeiteten, freundlich waren und sich schnell anpassten. Die Jungen konnten beispielsweise früh Deutsch. Doch das hatte auch eine Kehrseite.

Inwiefern?

Die tibetische Sprache ging etwas verloren. Die wenigen Tibeter lebten in der ganzen Schweiz verteilt und nur in kleinen Gruppen oder ganz alleine. Auch ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem wir lange Zeit die einzige tibetische Familie waren. Entsprechend war bei mir das Schweizerdeutsch dominant und Deutsch meine Hauptsprache, obwohl ich mit meinen Eltern tibetisch redete. Es war und ist wichtig, dass wir unsere Sprache und Kultur weiterhin pflegen. Was aber nicht bedeutet, dass die Tibeter nur unter sich bleiben wollen. Die Tibetische Gemeinschaft war von Anfang an sehr offen, an tibetischen Anlässen waren und sind Schweizerinnen und Schweizer wie auch andere Nationalitäten stets willkommen.

Shitsetsang (2. v. r.) zusammen mit dem Dalai Lama (5. v. l.) beim Schweizer Empfang 2016.

Shitsetsang (2. v. r.) zusammen mit dem Dalai Lama (5. v. l.) beim Schweizer Empfang 2016.

Sie haben eine tibetische Frau und drei Kinder. Wie wichtig ist es für Sie, Ihrem Nachwuchs die tibetische Kultur mitzugeben?

Wir versuchen, ihnen bewusst zu machen, welchen Ursprungs sie sind. Die Krux ist: Wir übermitteln Kulturgut und Geschichten, welche wir bereits von unseren Eltern übernommen haben. Sie werden das Gleiche tun. Und so verwässert sich alles mit der Zeit. Aber die Situation im Tibet bekommen sie schon mit.

Sehen Sie überhaupt ein Ende des Konflikts?

Wie gesagt: Wir haben immer gehofft, dass Tibet frei wird, selbst seine Heiligkeit, der Dalai Lama, glaubte an Veränderungen. Natürlich ist in den letzten 60 Jahren auch einiges passiert, aber nicht in diesem Ausmass, wie wir es uns erhofft haben. Ich denke, dass China in den nächsten Jahren vor sehr grossen Herausforderungen steht. Die Überalterung der Bevölkerung, das schwächelnde Wirtschaftswachstum, die Umweltprobleme, all das zwingt die Regierung zu Veränderungen. Und diese haben Auswirkungen auf Tibet. Auch das Internet und die Sozialen Medien tragen dazu bei, wenn Informationen aus und über Tibet in die Welt gelangen. Nur geschieht das in meinen Augen zu wenig.

Wie meinen Sie das?

Die Medien sollten mehr über Tibet berichten. Dieses Jahr haben weder das Schweizer Fernsehen noch die lokalen TV-Stationen über die Gedenkdemonstration am 10. März in Zürich gesendet. Aber gerade eben dieser seit 60 Jahren andauernde, gewaltlose Weg hat mehr Beachtung und Unterstützung verdient. Ist eine friedliche Demo zu wenig medienwirksam? Ich hoffe nicht. Die Weltgemeinschaft muss sich überlegen, was für Zeichen an die Tibeter und an andere unterdrückte Völker ausgesendet werden, wenn mit friedfertigen Bemühungen keine Fortschritte erzielt werden. Sympathiebekundungen alleine reichen nicht. Es geht um konkrete Lösungen.

Und wenn nichts passiert?

Wenn in den nächsten 10, 20 Jahren nicht wesentliche Fortschritte erzielt werden, bin ich mir nicht sicher, ob die Tibetische Gemeinschaft dann weiterhin geschlossen bei dieser friedfertigen Strategie bleiben wird. Ich werde jedenfalls die Hoffnung und Zuversicht nicht verlieren, auch wenn die Tibetsituation noch länger ungelöst bleiben sollte.

Zur Person

Jigme Norbu Shitsetsang arbeitet seit 2011 bei der Stadtverwaltung Gossau als Leiter in der Abteilung Soziales und im Leitungsausschuss. Zudem ist der 47-Jährige im St. Galler Kantonsrat, Mitglied der Rechtspflegekommission, Mitglied des Stadtparlaments Wil sowie Parteileitungsmitglied der FDP Wil.

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