«Ich war ein Mädchen vom Land»

Lina Gosteli-Näf aus Niederuzwil feiert heute ihren 100. Geburtstag. Die gebürtige Toggenburgerin hat in ihrem Leben viel erlebt und gesehen. Ein bleibender Eindruck in ihrem Leben hinterliess ihr verstorbener Ehemann.

Carmen Ferri
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Die 100-jährige Lina Gosteli umgibt sich gerne mit Erinnerungen und Fotografien ihrer Familie. (Bild: cf.)

Die 100-jährige Lina Gosteli umgibt sich gerne mit Erinnerungen und Fotografien ihrer Familie. (Bild: cf.)

niederuzwil. 1910 kommt Lina Näf in Dicken bei Mogelsberg zur Welt und wächst dort mit ihren drei Geschwistern auf. Der Vater ist selbständiger Schreiner und deshalb selten zu Hause. Nach der Konfirmation und einem einjährigen Aufenthalt in St. Gallen zieht es Lina Näf, das Mädchen vom Land, nach Brüssel, wo es drei Jahre als Au-Pair verbringt.

Aufenthalt in Lausanne

Anstatt danach wieder in die Ostschweiz zurückzukehren, beschliesst Lina Näf nach Lausanne zu gehen, wo sie im Hotel Mirabeau als Saaltochter arbeitet. Auch ihr zukünftiger Mann, Charles Gosteli, ist im «Mirabeau» angestellt und umwirbt die schüchterne Lina. «Anfangs dachte ich mir nichts dabei. Ich merkte ja nicht einmal, dass er sich an mich ranmachte.» Erst als Charles die vier Jahre ältere Lina bittet, mit ihm tanzen zu gehen, fällt auch bei ihr der Groschen.

«Er war schliesslich ein Mann von Welt und war schon weit herumgekommen. Ich hingegen war das Mädchen vom Land und hatte keine Ahnung von diesen Dingen.»

Heirat und Familie

Eine Weile gehen sie miteinander aus, bis Charles zu Lina sagt: «Ich will dich heiraten, sonst gehst du wieder zurück in die Ostschweiz.» Also heiraten die beiden und aus Lina Näf wird Lina Gosteli. Da ist er 27 und Lina 31 Jahre alt.

An die Sprüche ihres Mannes erinnert sie sich noch gut. «Er sagte immer: <Wir gehören zusammen Lina>, <komm mal her zu mir>.» Zusammen reist das Paar quer durch Europa, bis im Jahr 1943 ihr Sohn, welcher ebenfalls auf den Namen Charles getauft wird, auf die Welt kommt und sie sich daraufhin in Lausanne niederlassen. Er bleibt das einzige Kind der Gostelis. Später beschliessen sie, nach Zürich-Kloten zu ziehen, wo gerade der Flughafen fertig gebaut wird. «Mein Mann arbeitete dort als Chef de Service in einem Flughafen-Restaurant», erzählt Lina Gosteli.

«Früher war Kloten praktisch ein Bauerndorf, doch durch den Flughafen wurde alles verstädtert.» Die Gostelis leben zusammen mit ihrem Sohn einige Jahre in Kloten. Erst als ihr Sohn Charles auszieht, beschliesst das Ehepaar, sich eine Wohnung fürs Alter zu suchen. Fündig werden die Gostelis schliesslich in Niederuzwil. «Ich habe damals zu meinem Mann gesagt: <Ich werde jetzt langsam alt und du nicht>.» Doch das Schicksal will es anders: Charles erliegt mit nur 60 Jahren einem Krebsleiden und Lina Gosteli lebt fortan alleine in der grossen Wohnung im Zehntstadel.

«Habe wirklich gelebt»

Auf die Frage, was sie im Nachhinein in ihrem Leben anders gemacht hätte, antwortet Gosteli: «Nichts. Wirklich gar nichts. Ich habe viel Schönes, aber auch Trauriges erlebt.» So muss sie nicht nur mit dem Tod ihres Mannes klarkommen, sondern auch mit dem ihres Sohnes. Lina kümmert sich danach liebevoll um dessen Kind Patrice.

«Ich habe meinen Enkel praktisch aufgezogen», sagt Lina Gosteli, «schon bevor sein Vater verstarb, musste ich viel auf ihn aufpassen.» Als nämlich die Frau von Charles diesen plötzlich verlässt, ist er auf die Hilfe seiner Mutter Lina angewiesen. «Ohne zu zögern, schloss ich die Läden meiner Wohnung und blieb für die nächsten sieben Jahre in Zürich.» Mit 81 Jahren kehrt sie schliesslich zurück in ihre Eigentumswohnung im Zehntstadel.

«Da war ich noch sehr gut <zwäg>», gesteht Lina Gosteli, «doch dann stürzte ich einige Male und musste mehrere Spitalaufenthalte auf mich nehmen.» Doch sagt sie über sich selbst: «Ich bin eine starke Frau. Wenn es nämlich nach meinen Eltern gegangen wäre, hätte ich kaum die Welt entdecken können. Sie wollten, dass ich in einer Stickereifabrik arbeite.»

Viele Kerzen auf einem Kuchen

Für ihren 100. Geburtstag hat Lina Gosteli keine konkreten Pläne, «wahrscheinlich wird Patrice, seine Frau und ihr gemeinsamer Sohn vorbeischauen». Grosse Lust zu feiern habe sie ohnehin nicht. Irgendwie verständlich, wenn man bedenkt, dass auf dem Kuchen rund 100 Kerzen ausgeblasen werden müssen …

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