«Ich sehe keine Veranlassung»

Das Flüchtlingselend ist eine humanitäre Krise. Wil nimmt deutlich mehr Asylbewerber auf, als es müsste. Stadtrat Dario Sulzer ist derzeit nicht bereit, weitere einzuquartieren. Es gebe Gemeinden, die ihr Kontingent noch nicht erreichen.

Philipp Haag
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Dario Sulzer Stadtrat, Departement Soziales, Jugend und Alter (Bild: pd)

Dario Sulzer Stadtrat, Departement Soziales, Jugend und Alter (Bild: pd)

WIL. Die Bilder sind schrecklich und zeigen schonungslos das Elend auf: Auf der griechischen Ferieninsel Kos brechen unter Flüchtlingen Tumulte aus, das Recht des Stärkeren setzt sich durch. Es droht eine Eskalation. Die wegen der Finanzkrise bereits unter Druck stehende griechische Regierung ist mit dem Ansturm der Asylsuchenden überfordert, ebenfalls die EU. Verzweifelte möchten unter Lebensgefahr durch den Eurotunnel nach England gelangen. Meldungen über ertrunkene Menschen im Mittelmeer sind mittlerweile an der Tagesordnung.

Auch die Schweiz ist vom massiven Zulauf der Asylsuchenden betroffen: Die Menschen werden in Zelten untergebracht. Viele Gemeinden und auch Kantone quartieren die teils traumatisierten Personen aus dem Balkan, aus Syrien, aus Eritrea, aus Somalia oder aus Afghanistan mangels Alternativen in Zivilschutzbunkern ein. Die SVP spricht von einem Asylchaos, einige Exponenten der Partei würden die Grenzen am liebsten dichtmachen.

Gegenwärtig 210 Personen

Angesichts der prekären Umstände, wäre Wil bereit, zusätzliche Asylbewerber aufzunehmen? Stadtrat Dario Sulzer verneint. «Bei den Asylsuchenden, vorläufig aufgenommenen Ausländern und Flüchtlingen sowie Flüchtlingen mit Asylstatus, die von der Stadt Wil unterstützt werden, liegt die Stadt bereits weit über dem Sollbestand», sagt der Vorsteher des Departements Soziales Jugend und Alter. Der Soll-Bestand liegt gemäss Sulzer bei 140 Personen. Gegenwärtig in der Stadt untergebracht seien 160 Personen. Ausserdem betreibt der Kanton an der Kreuzackerstrasse eine temporäre Unterkunft, das «Wohnfoyer». In der Statistik werden die darin untergebrachten Personen laut Sulzer zur Hälfte der Standortgemeinde zugeschrieben. Bei der derzeitigen Vollbelegung mit 50 Personen besteht der Bestand in Wil somit bei 185 Personen, effektiv aber bei 210 Personen.

Verteilung verbesserungsfähig

Da die Stadt Wil ihr Kontingent weit überschreitet und es noch viele Gemeinden gebe, die unter Soll, und solche, die weniger stark über Soll seien, «sehe ich aktuell keine Veranlassung, weitere Personen aufzunehmen», sagt Sulzer. Die Stadt habe in der Vergangenheit ihre Verantwortung beispielhaft wahrgenommen, sagt der Stadtrat, «nun sind erstmals andere Gemeinden in der Pflicht». Sulzer ist der Meinung, dass die Verteilung der Asylsuchenden auf die Gemeinden noch verbesserungsfähig sei.

Keine Reklamationen

Wo die Asylbewerber, abgesehen von den Gebäuden an der Kreuzackerstrasse, in Wil und Bronschhofen wohnen, möchte Sulzer mit dem Hinweis auf die vor allem in Online-Foren zunehmende fremdenfeindliche Hetze nicht sagen. Der Stadtrat fügt aber betonend an, dass in Wil das Verhalten gegenüber den Fremden freundlich sei. Er weiss von keinen Vorkommnissen. Auch seien keine Reklamationen von Seiten der Nachbarn an ihn herangetragen worden.