«Ich hatte schlaflose Nächte»

Esther Thoma und Peter Koch verlassen den Gemeinderat von Tobel-Tägerschen nur ein Jahr nach ihrem Amtsantritt. Sie sprechen von Enttäuschungen, falschen Versprechen und einer Verantwortung, die sie nicht mehr tragen wollen.

Olaf Kühne
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Peter Koch Abtretender Gemeinderat Tobel-Tägerschen

Peter Koch Abtretender Gemeinderat Tobel-Tägerschen

Frau Thoma, Herr Koch, Ihre Rücktritte kommen früh.

Peter Koch: Wie man's nimmt. Eigentlich hatten wir unsere Rücktritte schon vor unserem Amtsantritt im letzten Juni eingereicht.

Wie bitte?

Esther Thoma: Ja, wir wollten unser Amt gar nicht erst antreten, nachdem wir im April, also nach unserer Wahl, als Gäste an einer Gemeinderatssitzung teilgenommen hatten.

Was war passiert?

Koch: Wir spürten sehr schnell, dass da etwas im argen liegt, dass das nicht gut kommen wird. Konkreter dürfen wir leider nicht werden.

Wie kam es, dass Sie Ihr Amt dann trotzdem antraten?

Koch: Wir hatten, wie gesagt, ganz formell unser Rücktrittsschreiben eingereicht. Vom zuständigen Departement beim Kanton wurden wir dann aufgeklärt. Wir liessen uns überreden, das Amt trotzdem anzutreten.

Thoma: Rückblickend muss ich sagen, wir hatten auch wenig Rückendeckung durch den Kanton.

Sie traten dann also Ihr Amt an.

Koch: Wir wollten ja eigentlich auch etwas bewegen und waren sehr neugierig darauf, uns in etwas Neues einzuarbeiten. Darum hatten wir auch kandidiert. Wir wurden dann aber in das sprichwörtliche kalte Wasser geworfen.

Thoma: Uns wurde beispielsweise im Vorfeld, vor unserer Kandidatur, aber auch noch bis zu unserem Amtsantritt, wiederholt versichert, dass Gemeinderat in Tobel-Tägerschen einen zeitlichen Aufwand von etwa zweieinhalb Stunden pro Woche bedeutet.

Und wie sieht die Realität aus?

Koch: Wenn man das Amt nur halbwegs seriös erfüllen will, beträgt der Arbeitsaufwand mindestens einen Tag pro Woche, eher mehr. Ich bin selbständig, entsprechend konnte ich mein Pensum in meiner Firma runterschrauben. Auf Dauer kann das aber nicht die Lösung sein.

Thoma: Und ich arbeite Vollzeit. Bei mir kommt dann das Gemeinderatsmandat auf meinen eh schon anspruchsvollen Job noch obendrauf.

Die zeitliche Belastung alleine ist aber nicht das Problem.

Koch: Nein, es ist der Gesamtzustand des Gemeinderates. Viel konkreter darf ich mich nicht äussern. Und es gibt tatsächlich auch einzelne Verbesserungen. So konnten wir das Bauamt professionalisieren, indem wir es an eine externe Firma vergeben haben. Das läuft jetzt gut. Aber es gibt einfach noch zu viele Baustellen. In unserer Gemeinde fehlt schlicht ein Ressortsystem. Über all die Jahre hat es zwar irgendwie funktioniert. Aber ohne klare Aufgabenzuteilung, ohne Pensen, ohne Stellenbeschrieb brauchte man als Neuer unter guter Führung nur schon ein Jahr, um sich einzuarbeiten. Diese Zeit hatten wir nicht.

Thoma: Als Gemeinderäte wirken wir in einer Kollegialbehörde. Das heisst, dass wir auch Entscheide, mit denen wir nicht einverstanden waren, nun selbstverständlich mittragen. Nun sind wir aber an einem Punkt angelangt, an dem wir nicht mehr hinter unserer Führung stehen können. Zudem haben wir beide grosse Bedenken in bezug auf die Finanzen der Gemeinde.

Koch: Schliesslich tragen wir für unser politisches Wirken auch die Verantwortung. Nur können wir schlicht nicht mehr dahinterstehen.

Ein Kampf gegen Windmühlen?

Koch: (lacht) Nein, der Volksmund würde dazu wohl eher sagen: Gegen den Strom schwimmen. Ich fühlte mich in den letzten Monaten aber, als müsste ich einen Wasserfall hochschwimmen.

Ein aussichtsloses Unterfangen.

Thoma: In der Tat! Es ist deshalb für mich das erste Mal überhaupt in meinem Berufsleben, dass ich etwas unvollendet wieder abgebe.

Koch: Für mich auch. Und das ist sehr schade.

Sie tönen enttäuscht.

Koch: Das sind wir auch. Aber auch erleichtert. Ich hatte zuletzt schlaflose Nächte.

Thoma: Deshalb sind wir auch froh, bald wieder in unser normales Leben zurückkehren zu können.

Die Gemeinde muss nun Ersatz für Sie suchen. Einem potenziellen Nachfolger können Sie Ihr Amt wohl kaum empfehlen.

Koch: Darum geht es uns überhaupt nicht. Wir möchten vielmehr alle Bürger dazu aufrufen, sich einzubringen und möglichst genau hinzuschauen. Der Gemeinderat kann nur Vorschläge machen und die Richtung vorgeben. Das Volk bestimmt grösstenteils über diese Richtung und soll sie deshalb kritisch hinterfragen, nicht einfach abnicken.

Esther Thoma Abtretende Gemeinderätin Tobel-Tägerschen (Bilder: Simon Dudle)

Esther Thoma Abtretende Gemeinderätin Tobel-Tägerschen (Bilder: Simon Dudle)

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