«Ich hatte ein turbulentes Leben»: Antoinette Huber, die älteste Wilerin, blickt vor ihrem 105. Geburtstag auf ein bewegtes Leben zurück.

Die ersten sechs Jahre ihres Lebens verbrachte sie in Indonesien auf der Insel Sumatra. Seit etwa 16 Jahren lebt sie nun in Wil.

Leonie Herde
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«Ich habe einen sehr makabren Humor und den werde ich sicher nie verlieren.»

«Ich habe einen sehr makabren Humor und den werde ich sicher nie verlieren.»

Leonie Herde

Antoinette Huber-Senn ist die älteste Frau in Wil. Am Sonntag feiert sie ihren 105. Geburtstag, was man ihr jedoch wirklich nicht anmerkt. Sie wohnt immer noch alleine in einer Alterswohnung in Wil und erinnert sich noch sehr gut an vergangene Zeiten. «Im Alter reist man immer mehr in die Vergangenheit zurück, denn die Zukunft bringt ja nichts mehr», sagt sie. Vor allem Kindheitserinnerungen, die sie längst vergessen glaubte, seien wieder aufgetaucht.

Geboren wurde sie 1914 in Sibolga in Indonesien, von wo auch ihre Mutter stammte. Ihr Vater war ein Schweizer, der während der Kolonialzeit auf einer Kautschukplantage auf der Insel Sumatra gelebt hat.

Die ersten Lebensjahre auf Sumatra verbracht

«Ich habe während meiner Zeit auf Sumatra nie mit anderen Kindern gespielt, ich war immer alleine», sagt Huber. «Aber ich hatte Hunde und Katzen und darum liebe ich Tiere bis heute.» An einen Moment in ihrer Kindheit erinnert sie sich noch gut. Ein Tiger sei damals gekommen und habe einen der Hunde mitgenommen. «Als mein Vater endlich die Petroleumlampe angezündet hatte, war er natürlich schon wieder verschwunden.»

Als sie etwa sechs Jahre alt war, nahm ihr Vater sie mit in die Schweiz. Wehmütig erzählt sie:

«Man hat das Kind einfach von seiner Mutter weggenommen.»

Wenn sie von ihrer Kindheit erzählt, spricht sie oft von sich selbst in der dritten Person. An die wochenlange Überfahrt mit dem Schiff hat sie keine guten Erinnerungen. Den Rest ihrer Kindheit verbrachte sie bei ihren Grosseltern in St.Gallen, wo sie auch zur Schule ging. «Als ich nach der Schule in Genf Französisch lernen sollte, habe ich mich, statt zur Schule zu gehen, immer mit meinem späteren Mann getroffen», erzählt sie. Als sie dann schwanger wurde, musste sie ihn heiraten, damit es nicht zu einem unehelichen Kind kam. Doch bereits vier Jahre später kam es zur Scheidung. Ihren zweiten Mann lernte sie erst ungefähr 15 Jahre später kennen.

«Ja, ich hatte ein sehr turbulentes Leben», lacht die 104-Jährige. Mit ihrem zweiten Mann war Antoinette Huber auch oft auf Reisen. Vor allem die nordischen Länder haben es ihr angetan. Lachend sagt sie:

«Ich liebe diese Weite im Norden und darum würde ich auch in der Schweiz am liebsten den Eiger, den Mönch und die Jungfrau platt walzen.»

Auch zurück nach Indonesien reiste sie mit ihrem Mann und traf viele ihrer Verwandten wieder. «Ein Onkel hat mich beim Abschied so fest gedrückt, dass ich meinte, ich platze», erinnert sie sich. Indonesien habe sich seit ihrer Geburt stark verändert, sagt sie. «Die Natur hat sehr gelitten, viel wurde abgeholzt und die Tiere müssen den Menschen weichen, wie überall auf der Welt.»

Einmal noch auf einer Harley Davidson fahren

Zweimal in der Woche geht Huber zum Mittagstisch, denn sie kocht nicht gerne. Gemeinsam mit den anderen spielt sie dann Spiele. «Aber ich bin natürlich bei weitem die Älteste dort.» Ein Wunsch, den sie schon länger hat, der sich jedoch nie erfüllt hat, ist, einmal auf einer echten Harley Davidson zu fahren. «Das wäre wirklich schön», sagt sie. Was sie auch unbedingt noch lernen möchte, ist der Umgang mit der Technologie. «Also da muss man wirklich viel Geduld haben mit mir, aber ich möchte es gerne noch lernen.»

Wie sie ihren Geburtstag feiert, weiss Huber noch nicht. «Meine Tochter kommt sicher vorbei, aber sonst lasse ich mich überraschen», meint sie.

«Es ist nicht lustig, so alt zu werden, wirklich nicht. Aber ich bin gesund, sowohl körperlich als auch geistig, und das ist gut so.»