«Ich hätte mir einen deutlicheren Vorsprung gewünscht»: Die Niederwiler Diskuswerferin Chantal Tanner über ihren vierten Schweizer Meistertitel in Serie

Chantal Tanner holte an den Schweizer Leichtathletik-Meisterschaften überlegen Gold. Dass die 23-Jährige den Diskus überhaupt wieder so weit werfen kann, ist nach einem Gleichgewichtssturz besonders bemerkenswert. Auch der 29-jährige Uzwiler Urs Schönenberger überzeugte mit Rang fünf im grössten 5000m-Feld der Schweizer Geschichte – und dies nur vier Wochen nach einer Gürtelrose.

Tim Frei
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Chantal Tanner musste nach einem Gleichgewichtssturz vieles wieder neu lernen.

Chantal Tanner musste nach einem Gleichgewichtssturz vieles wieder neu lernen.

Bild: Ralph Ribi (Gossau, 26.September 2018)

Wer viermal hintereinander Schweizer Meister wird, der muss eigentlich restlos zufrieden sein. Nicht so die Niederwiler Diskuswerferin Chantal Tanner, die mit 48,85 m mit über drei Metern Vorsprung auf die Zweitplatzierte überlegen gewann. «Ich hätte mir einen deutlicheren Vorsprung gewünscht», sagt die 23-Jährige und ergänzt: «Mein Ziel war es, an den Meisterschaften in Basel nochmals einen ganz weiten Wurf zu zeigen. Schliesslich war ich erstmals seit über anderthalb Jahren verletzungsfrei.» Und:

«Ich strebte im Minimum eine Weite von über 50 Metern an.»

Mit ihren knapp 49 Metern blieb sie in der Tat deutlich unter ihrer Bestleistung von 52,10. Weil die Sportanlagen dieses Jahr wegen der Coronapandemie lange geschlossen waren, konnte sie kaum an ihrer Technik trainieren. «Das hat mich zurückgeworfen», sagt Tanner, die sich für nächstes Jahr einiges vorgenommen hat: «Ich möchte mich für die EM 2022 in München qualifizieren, es wäre meine erste EM bei den Aktiven.»

60 Prozent des rechten Gleichgewichtsorgans verloren

Angesichts ihrer langwierigen Verletzungsphase ist es bemerkenswert, dass sie ihre Konkurrenz weiterhin so locker-lässig dominiert. Zuerst war die Gelenklippe ihrer Hüfte angerissen, was mit einer Eigenblutspritze behandelt wurde. Danach hatte sie einen Gleichgewichtssturz, später folgten Schulterprobleme und eine Stressfraktur im Fuss.

Insbesondere der Gleichgewichtssturz stellte Chantal Tanner stark auf die Probe. Alles begann damit, dass ihr mehrere Tage lang schwindlig war. Irgendwann wurde es so schlimm, dass sie die Kontrolle verlor, hyperventilierte und bei der Arbeit zusammenklappte. Weniger später diagnostizierten die Ärzte einen Gleichgewichtssturz, den plötzlich einseitigen Ausfall eines Gleichgewichtorgans im Ohr. Tanner verlor konkret 60 Prozent des rechten Organs durch den Sturz. Einen Monat lang musste sie im Bett bleiben, weil sie nicht laufen konnte.

«Ich höre jetzt besser auf meinen Körper»

Doch sie liess sich nicht unterkriegen und kämpfte sich zurück. «Relativ schnell musste ich dann aber wieder mit Laufen beginnen. Denn in der Therapie teilte man mir mit, dass es nur besser wird, wenn man das Schwindelgefühl provoziere», sagt Tanner. Lange sei sie «wie eine Betrunkene» durch die Gegend gelaufen.

Obwohl ihr rechtes Gleichgewichtsorgan auch heute nur noch zu 40 Prozent funktioniert, kann sie gut damit leben. «Mein Hirn hat sich daran gewöhnt. Nur bei Dunkelheit, habe ich etwas Probleme.» Sie hat eine wichtige Lehre aus dieser schwierigen Zeit gezogen: «Ich habe meinen Körper zwar schon immer gut gespürt, aber jetzt höre ich besser darauf.»

Der Wechsel zum LC Regensdorf hat sich für Urs Schönenberger ausbezahlt

Auch der Uzwiler Läufer Urs Schönenberger musste sich nach einer Verletzung zurückkämpfen. Vergangenes Jahr konnte er seine Bronzemedaille im 5000-Meter-Lauf von 2018 nicht verteidigen, weil er einen Ermüdungsbruch erlitten hatte.

Auch Schönenberger liess sich nicht unterkriegen. Im Gegenteil: Dieses Jahr lief er regelmässig eine halbe Minute schneller als noch vor zwei Jahren in Zofingen bei seinem Bronze-Lauf. Dieser Leistungssprung über 5000 Meter sei überfällig gewesen, da er früher oft über 1500 Meter lief, was ihm Grundschnelligkeit verlieh.

Urs Schönenberger läuft deutlich mehr Kilometer als in den Vorjahren. Diese Trainingsumstellung hat sich positiv ausgewirkt.

Urs Schönenberger läuft deutlich mehr Kilometer als in den Vorjahren. Diese Trainingsumstellung hat sich positiv ausgewirkt.

Bilder: Urs Bucher (Wil, 25. Mai 2019)

Entscheidend sei aber auch sein Wechsel vom KTV Wil zum LC Regensdorf auf dieses Jahr hin gewesen. Beim LC Regensdorf laufe er in einer starken Trainingsgruppe, in der sich alle gegenseitig pushen würden. Zudem hat er sein Training umgestellt: «Ich mache deutlich mehr Kilometer als in den Vorjahren, das hat sich positiv ausgewirkt.»

Im grössten 5000m-Feld auf Rang fünf klassiert

Aufgrund der starken Leistungen in diesem Jahr war es Schönenbergers Maximalziel für die Schweizer Meisterschaften, über 5000 Meter um die Medaillen zu laufen. Es ist schliesslich Rang fünf geworden. Vom Podest war er deutlich entfernt, nach drei Kilometern musste er die Spitzengruppe ziehen lassen.

Schönenbergers Leistung an den Meisterschaften ist hoch einzuschätzen, erkrankte er doch vier Wochen vor dem Rennen an einer Gürtelrose.

Schönenbergers Leistung an den Meisterschaften ist hoch einzuschätzen, erkrankte er doch vier Wochen vor dem Rennen an einer Gürtelrose.

Der 29-Jährige ist dennoch sehr zufrieden, was mit den Umständen zu tun hat, die alles andere als ideal waren: Vier Wochen vor den Meisterschaften erkrankte er an Gürtelrose und konnte erst zwei Wochen später wieder trainieren.

«Ich habe klar an Substanz verloren, das habe ich im Wettkampf auch gespürt.»

Aufgrund der Coronapandemie war das Starterfeld das grösste 5000m-Feld in der Schweizer Leichtathletik-Geschichte überhaupt. «Das Niveau war wirklich sehr hoch Ich bin überzeugt, dass es das wohl beste Feld in diesem Jahrhundert war. Umso zufriedener kann ich letztlich sein», sagt Urs Schönenberger.

Wer viermal hintereinander Schweizer Meister wird, der muss eigentlich restlos zufrieden sein. Nicht so die Niederwiler Diskuswerferin Chantal Tanner, die mit 48,85 m mit über drei Metern Vorsprung auf die Zweitplatzierte überlegen gewann. «Ich hätte mir einen deutlicheren Vorsprung gewünscht», sagt die 23-Jährige und ergänzt: «Mein Ziel war es, an den Meisterschaften in Basel nochmals einen ganz weiten Wurf zu zeigen. Schliesslich war ich erstmals seit über anderthalb Jahren verletzungsfrei.» Und:

«Ich strebte im Minimum eine Weite von über 50 Metern an.»