«Ich habe nie ans Sterben gedacht»

Der querschnittgelähmte Referent Christian Wenk fesselte mit seiner Geschichte von Hoffnungslosigkeit nach einem tragischen Unfall bis zu einem erfüllten Leben sein Publikum zwei Stunden lang. Die Zuhörer waren der Einladung der Clientis Bank Toggenburg gefolgt.

Martina Signer
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Christian Wenk beim Referat. (Bild: Martina Signer)

Christian Wenk beim Referat. (Bild: Martina Signer)

KIRCHBERG. «Ich war mit 70 Kilometern pro Stunde auf meinem Rennvelo unterwegs, als aus dem Nichts ein stehender Lieferwagen vor mir auftauchte», erinnert sich Christian Wenk am Mittwochabend im Toggenburgerhof an den 10. September 2000. Er war als Referent zum Herbstgespräch der Clientis Bank Toggenburg eingeladen.

Von Wolke 7 auf Intensivstation

Es sollte einer der schönsten Tage in seinem Leben werden. Christian Wenk absolvierte vor 14 Jahren ein kurzes Training vor dem Duathlon-Wettkampf in Japan. Auf seinem sportlichen Höhepunkt und privat gerade frisch verliebt, fühlte er sich an diesem Tag, als würde er «auf Wolke 7 schweben». Ende des Jahres wollte er sein grosses Ziel, Duathlon-Weltmeister zu werden, erreichen. Von Wolke 7 führte seine Reise aber an einen ganz anderen Ort. Bewegungsunfähig und mit massiven Schmerzen wachte Christian Wenk zwei Wochen später aus dem Koma auf.

Rasch wurde dem Medizinstudenten klar, dass er querschnittgelähmt war. Die Realität, dass er nie mehr würde aufstehen können, traf ihn aber erst nach der Intensivstation. Er lag bewegungsunfähig auf dem Rücken im Bett und war bei allem, was er tun wollte, auf fremde Hilfe angewiesen. Trotzdem fiel seine Antwort auf die Frage von Journalisten, ob er nicht lieber sterben würde, klar und deutlich aus: «Ich habe nie ans Sterben gedacht.» Sein Überlebensinstinkt war grösser als vier Gründe, die am Tag des Unfalls zum Tod hätten führen müssen: Ein Blutverlust von 85 Prozent, ein Schädel-Hirn-Trauma, zwei eingefallene Lungenflügel und ein durchgetrenntes Rückenmark. «Nur einer dieser vier Umstände hätte eigentlich schon zum Tod führen müssen.» Es gleiche einem Wunder, dass er aller vier Todesurteile überlebt habe.

«Wenn ich nach einem arbeitsreichen Tag nach Hause komme, bin ich glücklich und zufrieden.» Und dies, obwohl er in seinem ganzen Leben noch nie so viel gearbeitet habe wie jetzt, als selbständiger Hausarzt. Nach dem Unfall schloss er nämlich sein Medizinstudium ab, war Assistenzarzt an verschiedenen Spitälern, machte seinen Facharzt und wurde schliesslich unter anderem Oberarzt am Paraplegikerzentrum Nottwil, bevor er sich für die Selbständigkeit entschied.

Erfolg ist der Motor

Christian Wenk sieht vier Faktoren als absolut entscheidend an, um aus einer Lebenskrise zu finden. Der erste Faktor ist Erfolg. «Der Erfolg ist der Motor, der uns vorantreibt.» Dabei müsse man sich bewusst sein, dass Erfolg etwas mit den gesteckten Zielen zu tun habe. «Nach meinem Unfall musste ich einen Neustart machen. Das Ziel, Weltmeister zu werden, konnte ich nicht mehr erreichen.» Das Geheimnis am Erfolg liege darin, seine Ziele nicht zu hoch zu stecken. «Seien Sie sich Ihrer Erfolge bewusst und geniessen Sie diese.»

Als zweiten Faktor nannte das Multitalent, das vor dem Medizinstudium übrigens Musik studierte und heute ein gefragter Pianist ist, die Ressourcenorientierung. Denn das Glas sei nie halb voll oder halb leer, sondern immer fast voll. «Oder können Sie mir irgendetwas nennen, dass Sie nicht erreichen können, obwohl sie alles daran setzen?» Dass niemand aus dem Publikum etwas nennen konnte, war für Wenk Antwort genug. «Doch was nützt die Tatsache, dass Sie alles erreichen können, wenn Sie nicht den Mut aufbringen, es auch zu tun?», war seine nächste Frage, womit er zu Faktor Nummer 3 kam: mutig sein.

Schicksal hält Chancen bereit

Christian Wenk hat in seiner Rehabilitation mehrmals grossen Mut bewiesen. Am Tag seines Austritts aus der Reha spielte er in Nottwil ein Klavierkonzert, obwohl es ihm kaum möglich war, den Oberkörper so zu stabilisieren, dass er mit den Händen an die Klaviatur reichen konnte. Das Pedal des Klaviers betätigte der Pianist mit Hilfe einer Krücke, die er wiederum mit seinem Kinn führte. «Hätte ich dieses Konzert nicht gegeben, würde ich heute nicht im KKL oder der Tonhalle auftreten.»

Ein weiteres Mal bewies er Mut, als er nach dem Unfall zum ersten Mal wieder eine Vorlesung besuchte. «Ich wusste, es würden sich 200 Augenpaare auf mich und meinen damals verhassten Rollstuhl richten, wenn ich den Professoreneingang im unteren Teil des Hörsaals benutzen würde.» Doch er überwand die unsichtbare Schranke. Hätte er diesen Schritt nicht gewagt, wäre er heute wohl nicht mehr Mediziner. «Mut ist lernbar.»

Was er hingegen als nicht erlernbar ansieht, ist der vierte Faktor: Glaube. Und damit meinte er nicht eine religiöse Einstellung, sondern die innere Überzeugung, das Urvertrauen, dass nichts aus Zufall passiert, sondern alles Schicksal ist. Seit seinem Unfall habe er wieder einen Vater, der ihm zuhöre. Dank seines Unfalls könne er Paraplegikern weit besser helfen, als wenn er noch laufen könnte. Ohne seinen Unfall wäre er heute nicht Nationaltrainer der Handbiker. «Es geschieht nichts zufällig, sondern weil es passieren muss. Solange wir dieses Urvertrauen besitzen, <stehen> wir immer wieder auf.»

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