«Ich habe alleine gekämpft» – Für Depressive ist sich Hilfe zu holen oft ein schwieriger Schritt

Eine Betroffene erzählt von ihren Erfahrungen.

Vera Minder
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Die Clienia Littenheid bietet Beratungsgespräche an, damit man sich ein genaues Bild der Klinik machen kann.

Die Clienia Littenheid bietet Beratungsgespräche an, damit man sich ein genaues Bild der Klinik machen kann.

Bild: PD

Jeder fünfte Mensch leidet mindestens einmal in seinem Leben an einer depressiven Episode. Diese kann verschiedenste Auslöser haben. Genetisch, hormonell, stressbedingt oder aufgrund veränderter Lebensbedingungen, solche Krankheiten können einen Menschen verändern.

So erzählt es auch eine Betroffene. 19 Jahre lebte sie mit ihrem Partner in einer Patchwork-Beziehung. Die Frau kümmerte sich um die siebenköpfige Grossfamilie und erledigte alle Hausarbeiten alleine. Ihr Mann weigerte sich, sie zu heiraten oder eine andere rechtliche Grundlage zu schaffen. Im letzten Jahr der Beziehung arteten Situationen immer wieder in Gewalt aus, bis die Frau eines Tages mit mehreren Brüchen ins Spital musste. Als sie die Ursache ihrer Verletzungen nicht leugnen wollte, zwang ihr Lebenspartner sie mit Anwaltsbriefen zum Auszug und drohte ihr mit einer gerichtlich angeordneten Zwangsräumung. Da sie über zu wenig Einkommen verfügte, konnte sie selber keine Wohnung mieten und war völlig mittellos. Nur dank der grosszügigen Hilfe ihres Bruders blieb ihr der Gang zum Sozialamt erspart. Diese Ohnmacht beschreibt sie ein halbes Jahr danach als Auslöser für das, was später als posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert wurde.

In der darauffolgenden Zeit fühlte sie sich, als hätte sie ihren «Schwung verloren». Sie war durchgehend verzweifelt, unruhig, hielt es nicht alleine zu Hause aus, schlief kaum mehr. «Ich kannte das gar nicht von mir, ich war eigentlich immer sehr lebensfreudig», erzählt sie nachdenklich. Sie rutschte in eine schwere Depression.

Niemand wird im Stich gelassen

Schliesslich riet ihr eine Schulfreundin, sich in stationäre Behandlung zu begeben. Im Sommer zuvor habe die Betroffene den Neubau der psychiatrischen Privatklinik Clienia in Littenheid besichtigt. Sie hatte Mut gefasst, die Klinik angerufen und konnte eine Woche später dort aufgenommen werden.

«Wie lange es dauert, bis ein Patient eintreten kann, hängt immer von der individuellen Situation ab», erklärt Anke Dörr, die bei der Patientenaufnahme der Privatklinik arbeitet. «Wenn die Person suizidal ist, bekommt sie sofort einen Platz und die Klinik kümmert sich im Nachhinein um die administrativen Angelegenheiten.» Viele Eintritte sind jedoch planbar, dann wird bereits vorher alles Notwendige abgeklärt. Abgewiesen werden die Betroffenen nur in seltensten Fällen. Beispielsweise, wenn erst ein Alkoholentzug oder eine Traumabehandlung nötig ist. Aber auch diese Menschen werden nicht einfach im Stich gelassen, sondern an die richtige Anlaufstelle weitervermittelt.

Um die Bezahlung muss sich nicht gesorgt werden

Wichtig beim Aufnahmeverfahren sei, dass die Patienten nicht zusätzlich belastet werden. «Ich musste mich überhaupt nicht um die Krankenkasse kümmern», erinnert sich die Betroffene. Dies bestätigt auch Anke Dörr, wenngleich dieses Thema nicht immer einfach ist. Das «Privat» vor «Klinik Littenheid» bedeutet nicht, dass man privat versichert sein muss. Für im Thurgau wohnhafte Patienten reicht eine normale Versicherung, diese teilt sich die Kosten mit dem Kanton. Wenn man von ausserhalb des Thurgaus kommt, ist der Kanton nicht zuständig und man braucht eine Zusatzversicherung, welche die ganze Schweiz abdeckt und den Kostenanteil des Kantons übernimmt.

So oder so, die Klinik kümmert sich darum. Einfach abgewiesen wird niemand. Dörr verspricht:

«Wir suchen mit dem Patienten eine Lösung.»

Die benötigte Unterstützung wird gewährleistet

Die betroffene Frau war ab Mitte November für einen Monat in der stationären Behandlung gewesen und setzt ihren Aufenthalt in der Klinik jetzt fort. «Es ist eigentlich noch offen, wie lange ich bleibe. Wahrscheinlich weitere sechs bis acht Wochen, das spreche ich dann mit den verantwortlichen Fachpersonen ab.» Anke Dörr bestätigt: «Wir beurteilen jeden Fall individuell.»

«Jeden Sonntag bekommt man einen Wochenplan», erklärt die Patientin. Zum Programm gehören neben Gesprächen mit Psychologen auch Ergotherapien, Musik-, Mal- und Bewegungstherapien und weiteres. Da ihr Aufenthalt freiwillig ist, kann sie sich in ihrer Freizeit abmelden und das Gelände verlassen.

So sehen die Zimmer der Patienten in der Privatklinik aus.

So sehen die Zimmer der Patienten in der Privatklinik aus.

Bild: BD

Jeder Patient hat eine Bezugsperson im Pflegeteam, an die er sich wenden kann. «Wenn wir das Bedürfnis zum Reden haben, ist immer jemand da. Dazu werden wir sogar ermutigt», erzählt die Betroffene. Sie fühlt sich in der Klinik wohl und vor allem ernst genommen: «Es hat mir sehr geholfen, zu sehen, wie die Menschen um mich herum begriffen haben, dass da so viel Schweres zusammengekommen ist und mich seelisch krank gemacht hat.»

Angst wegen Falschvorstellungen

Nicht allen fällt es leicht, sich Hilfe zu holen. Auch die Patientin hatte ihre Zweifel, als sie sich in der Klinik angemeldet hat. «Ich hatte Angst, dass ich da gar nicht hingehöre. Aber sie haben mir dann gesagt, dass ich eigentlich fast zu spät gekommen bin.» Dörr erklärt sich die Abneigung auch durch Stigmatisierung. «Viele verbinden psychiatrische Kliniken mit verrückten Menschen und denken dann: Nein, so bin ich nicht.» Dementsprechend rufen die meisten erst einmal an, um sich zu informieren. «Wie ist es denn bei Ihnen?», sei eine Frage, die sie oft höre, sagt Dörr.

Um Missverständnisse zu umgehen, bietet die Klinik Beratungs- und Informationsgespräche an, wenn nötig auch eine Stationsbesichtigung. Wem das schon zu persönlich ist, kann die unverbindliche, anonyme Informationsveranstaltung besuchen, die immer am zweiten Freitag im Monat um 13 Uhr stattfindet und rund eine Stunde dauert.

Die korrekte Anmeldung hilft der Klinik

Menschen, die sich selbst Hilfe holen, sind manchmal sogar schon einen Schritt weiter als die anderen. «Es ist immer besser, selber zu merken: Ich habe ein Problem», meint Dörr. Diese Personen seien eher fähig, sich reflektiert wahrzunehmen.

Jedoch empfiehlt sie eine Anmeldung über den Hausarzt, da dies von der Krankenkasse in der Regel verlangt wird. Der Arzt wendet sich sofort an die richtige Anlaufstelle und leitet grundlegende Informationen wie die Krankengeschichte weiter. «Es ist für uns beispielsweise sehr wichtig zu wissen, ob eine Person an körperlichen Erkrankungen leidet und welche Medikamente bereits verschrieben wurden.» Aber auch direkte Anfragen würden natürlich entgegengenommen und die fehlenden Unterlagen dann entsprechend eingeholt werden, versichert sie.

Die Betroffene hat selbst zum Hörer gegriffen – und bereut es nicht. Ihr geht es besser als vor ein paar Monaten, der Aufenthalt in der Klinik hat geholfen.

«Ich habe zuerst alleine gekämpft. Jetzt bin ich sehr froh um die Unterstützung.»