«Ich finde es angenehmer, zuerst gefragt zu werden»

Nachgefragt

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Gerd Bingemann ist ein alteingesessener Wiler Ortsbürger. Er ist glücklich verheiratet und lebt mit seiner Frau im Südquartier. In seiner Freizeit ist der 56-Jährige ein leidenschaftlicher Musiker. Der Multi-Instrumentalist hat bereits fünf Alben in den verschiedensten Genres produziert: von Jazz über Blues bis hin zum Reggae. Trotz seiner Blindheit arbeitet er zu 80 Prozent beim Schweizerischen Zentralverein für das Blindenwesen.

Herr Bingemann, wie kam es bei Ihnen zur Erblindung?

Ich habe eine Netzhauterkrankung geerbt. Etwa ab der dritten Primarschulklasse sank mein Sehvermögen auf etwa 10 bis 15 Prozent. Seither verschlechterte sich mein Sehvermögen nach und nach.

Wie viel sehen Sie im Moment noch?

Ich bin nicht völlig blind. Ich erkenne noch den Unterschied zwischen Hell und Dunkel. Seit einiger Zeit blendet es mich teilweise auch wieder. Zuvor war ich 20 Jahre lang lichtunempfindlich. Hell und dunkel unterscheiden zu können, steigert die Lebensqualität enorm. Ich kann den Tag von der Nacht unterscheiden.

Wie nehmen Sie Menschen wahr, die Sie neu kennen lernen?

Mittlerweile mache ich mir keine Bilder mehr von Personen. Ich achte mehr auf die Stimme beziehungsweise darauf, ob mir die Stimme sympathisch ist oder nicht. Es passiert mir aber hin und wieder, dass ich eine Person anhand ihrer Stimme doch ganz anders einschätze, als sie tatsächlich ist. Wenn ich viel mit einer Person zu tun habe, wundert es mich irgendwann schon, wie der- oder diejenige aussieht. Dann bitte ich meine Frau, mir diese Person zu beschreiben. Dabei versucht sie mir die jeweiligen Merkmale so zu beschreiben, dass ich auf meine Erinnerungen zurückgreifen kann. Also durch Vergleiche mit Personen, die ich aus meiner Kindheit kenne.

Welche Erfahrungen haben Sie mit hilfsbereiten Menschen gemacht?

Ich bin eigentlich sehr froh, wenn mich jemand fragt, ob ich Hilfe bräuchte. Auch wenn mich jemand auf eine Baustelle oder eine sonstige Veränderung auf den Strassen aufmerksam macht, ist das sehr hilfreich. Natürlich schätze ich es, wenn man mich in einer solchen Situation um ein solches Hindernis führen kann. Es gibt aber auch Leute, die glauben, einfach so zu wissen, was zu tun ist. Dann werde ich beispielsweise über einen Zebrastreifen geschleppt, obwohl ich eigentlich auf ein Tram gewartet habe. Daher finde ich es angenehmer, wenn ich zuerst gefragt werde.

Können Sie Orte in Wil nennen, die für Blinde besonders geeignet oder eben ungeeignet konstruiert worden sind?

Ich finde, der Hofplatz in der Altstadt ist sehr gut gelungen. Obwohl es ein Pflastersteinboden ist, bleibe ich nicht ständig mit meinem Stock in den Rillen zwischen den einzelnen Platten hängen. Dafür habe ich in öffentlichen Gebäuden meine Schwierigkeiten. Im Stadtsaal habe ich beispielsweise Mühe, die Toiletten zu finden, da es keine ausreichenden Orientierungshilfen für Sehbehinderte gibt. Aus demselben Grund war ich sehr erleichtert, als die Mittelinsel beim Zebrastreifen zum «El Burro» leicht angehoben wurde. Sie ist nun spürbar und hilft bei der Orientierung. (jop)