«Ich bin Mama von 300 Kindern»

Die Degersheimerin Gerda Jegge sah während ihrer Arbeit in Afrika viel Leid, Elend und Hunger und beschloss, den Strassen- und Waisenkindern in Kenia zu helfen. Sie arbeitet nun schon 13 Jahre in Eldoret, einer Stadt im Westen Kenias.

Vivien Steiger
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Gerda Jegge hilft Strassen- und Waisenkindern in Kenia. Davon erzählte sie in einem Vortrag. (Bild: vs.)

Gerda Jegge hilft Strassen- und Waisenkindern in Kenia. Davon erzählte sie in einem Vortrag. (Bild: vs.)

mogelsberg/Degersheim. Kürzlich hat die Degersheimerin Gerda Jegge an einem Seniorennachmittag im Kirchgemeindesaal in Mogelsberg einen Vortrag über Strassen- und Waisenkinder in Afrika gehalten. Die gelernte Krankenschwester arbeitete mit verschiedenen Organisationen, wie dem Roten Kreuz und der Europamission zusammen und transportierte Hilfsgüter in Katastrophengebiete. Sie bereiste in 28 Jahren 27 verschiedene Länder, und nach ihrer Pensionierung setzt sie sich seit 13 Jahren aktiv für Strassenkinder in Kenia ein. Sie hat schon unterschiedliche Projekte ins Leben gerufen und zwei Bücher über ihre Arbeit geschrieben.

Hilfe für Strassenkinderheim

Während eines Einsatzes in Kenia, bei welchem sie Lebensmittel mit einem Helikopter in Überschwemmungsgebiete bringen musste, hatte Gerda Jegge zwei Wochen Zeit und besuchte verschiedene SOS-Kinderdörfer. Sie suchte nach einer sinnvollen Arbeit, einem Projekt, bei welchem sie ihre medizinischen Fähigkeiten als Krankenschwester gut einbringen konnte, um den Kindern in Not zu helfen. Ein Einheimischer erklärte ihr, dass es in Eldoret, einer Stadt im Hochland von Kenia, ein Strassenkinderheim gäbe, in dem Hilfe zu gebrauchen sei. So kam Gerda Jegge zu ihrem ersten Projekt: Sie bekam von verschiedenen Spitälern der Schweiz ausgediente Einrichtungsgegenstände und richtete damit ein leerstehendes Krankenhaus ein. Während die gesponserten Objekte auf dem Seeweg nach Afrika unterwegs waren, machte sie die Tropenschule, um überhaupt in Kenia als Krankenschwester arbeiten zu dürfen. Gerda Jegge nahm in Eldoret ein Strassenkind namens Moris auf und bezahlte dessen Schule und eine Lehre. Dieses Jahr, mit 25 Jahren, hat er nun das Strassenkinderheim in Eldoret übernommen. An der Küste Kenias richtete Gerda Jegge eine zweite Klinik für Waisenkinder, aidskranke und HIV-positive Kinder ein. Mula, ein Waisen- und HIV-positives Kind, wurde ihr Sohn. Er starb mit sechseinhalb Jahren. Zu ihren Projekten sagte sie: «Meine Arbeit in Kenia stützt sich auf drei Säulen. Der einheimische Mann, der mich nach Eldoret geschickt hat, Moris und Mula. Ich bin für etwa 300 Strassenkinder, Waisen- und aidskranke Kinder eine Mama, und das ist ein sehr schönes Gefühl. Ich gehöre keiner Institution an, bin selbständig und habe alles selbst in die Hand genommen.» Gerda Jegge gibt auf der Strasse von Eldoret einmal in der Woche für alle Strassenkinder Kinderstunde, in der sie zusammen singen und beten. Sie spricht in Englisch, und Moris übersetzt in die Stammessprache. So können Gerda Jegge und Moris entscheiden, welche Kinder lernwillig sind und in das Strassenkinderheim aufgenommen werden können.

Kinder wühlen im Müll

Zur Ernährung der Einwohner von Eldoret gehören Mais, weisse und rote Bohnen, Kabis, eine Art Kohlrabi und ein Glas Tee. «Die Einheimischen kennen nichts anderes und essen jeden Tag dasselbe. Wenn ich mir Tomaten oder Zucchetti gekocht habe, wollten alle Kinder des Heimes probieren, und ich hatte danach nichts mehr übrig für mich», erzählte Gerda Jegge, und weiter: «Deshalb muss ich jeden Tag Vitamintabletten zu mir nehmen. Ich kaufe mir auch zwischendurch Brot, Kartoffeln oder Karotten, weil ich das einfach brauche. Früchte esse ich seit meiner Arbeit in Eldoret nicht mehr. Ich habe jetzt oft Mühe, mich in der Schweiz einzugliedern, da die Menschen im Überfluss leben und alles wegwerfen. Gleichzeitig wühlen die Kinder Afrikas und anderer armen Ländern in Abfalleimern, um zu überleben.» Gerda Jegge bezahlt jedes Jahr die Schulgelder, das Essen, die Medizin und die Kleider für 300 Strassen- und Waisenkinder in Kenia. Dafür ist sie auf Spender und Sponsoren angewiesen.