Hunger im «Jahr ohne Sommer»

Historisches Flawil (1) – Die Auswahl an Lebensmitteln ist heute riesig. Anders war's vor 200 Jahren. In der Schweiz herrschte eine Hungersnot. Der Auslöser: schlechtes Wetter. In Flawil wurde Suppe an die hungernde Bevölkerung verteilt.

Monique Stäger
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FLAWIL. Die Liste der Wetterkapriolen in den vergangenen Monaten ist lang. In Flawil mussten die ersten Pfadschlitten der Wintersaison bereits im Oktober ausrücken, im April war noch nicht Schluss.

Die Glatt wälzte sich Anfang Juni tosend und schäumend durch ihr Bett, sie führte Wassermassen wie nur selten. Ein kalter, nasser Frühling, kaum Sonne, ein nicht enden wollender Winter und ein Sommer, der nicht so richtig in die Gänge kommt und auf sich warten lässt.

Vulkanasche als Auslöser

Ähnlich zeigte sich das Wetter in den Jahren 1816 und 1817. Ein gewaltiger Vulkanausbruch auf der indonesischen Insel Sumbawa schleuderte im April 1815 Asche und Gestein in die Stratosphäre und verminderte die Sonneneinstrahlung. Westeuropa und Nordamerika bekamen im Jahr 1816 ein «Jahr ohne Sommer» zu spüren. Bei anhaltendem Regen, Frost und Schneefall bis in den Sommer hinein reiften Korn, Gemüse, Kartoffeln und Früchte nicht.

Preise schnellten in die Höhe

Im 19. Jahrhundert ernährte man sich von dem, was in der Region produziert wurde. Die Bevölkerung konnte keine grossen Vorräte anlegen. Im Buch «Flawil – eine Zeitreise» schreibt der Chronist Peter Hoffmann: «Schon im Mai des Jahres 1816 zogen die Preise an und erreichten im Lauf des Winters bisher nie gekannte Höhen. In Flawil stieg der Preis für Hafermehl und Grütze um das Zehnfache, für Brot und Kartoffeln gar um das Fünfzehnfache.»

Gleichzeitig habe die Textilkrise Einzug gehalten, da der Kontinent mit Billigware aus England überschwemmt wurde. In der Folge sanken die Löhne, und für die Arbeiterfamilien gab es keine staatliche Hilfe.

Hilfe aus Oberglatt

Hunger und mangelnde Hygiene brachten Krankheiten und Tod mit sich, die Zahl der Todesfälle nahm erschreckende Ausmasse an. Private Hilfsorganisationen wurden gegründet, die Geld sammelten, um an die Bedürftigen Armensuppe auszuschenken. Auch im Untertoggenburg sei eine solche Hilfsgesellschaft gegründet worden, schreibt Peter Hoffmann. Doch Flawil verweigerte den Beitritt und suchte eigene Lösungen.

Die Hungersnot erreichte ihren Höhepunkt im Sommer des Jahres 1817, nach einem schneereichen Winter und Überschwemmungen im Frühjahr. Der Oberglatter Pfarrer Johann Kaspar Pfenninger engagierte sich aktiv und drängte darauf, dass für die Armen eine sogenannte Sparsuppe gekocht wurde. Der 1. Juni war der erste, der 4. Oktober der letzte Tag der Austeilung. Wie Hoffmann schreibt, wurden in diesem Zeitraum in Flawil und Oberglatt 20 869 Portionen, die Portion zu einem halben Mass – das entspricht einem Dreiviertelliter – ausgeteilt.

Im Spätsommer habe sich die Lage entschärft. Eine gute Ernte in der Ostschweiz trug dazu bei. Ebenfalls hilfreich sei die Aufhebung der von Bayern und Baden-Württemberg verhängten Kornsperre gewesen. Am 21. August 1817 fuhr das erste Kornschiff aus Süddeutschland im Hafen in Rorschach ein.

Zar schenkt Silber

Der russische Zar Alexander I. spendete im Frühjahr 1817 den Betrag von 100 000 Silberrubel als Katastrophenhilfe für die Ostschweiz. In der Folge begann ein Seilziehen um den Verteilerschlüssel, der Jahre dauern sollte. Erst 16 Jahre später, im Jahr 1833, erhielt Flawil einen Anteil von gesamthaft 538 Gulden: 486 für die Evangelischen und 53 für die Katholiken. Heute wären diese Zahlen wohl genau vertauscht. Das Geld kam in der Folge den Schulen zugute, Flawil äufnete seinen Schulfonds.

Rückkehr zur Agrarwirtschaft

Die agrarwirtschaftlich geprägten Regionen der Zentral- und Westschweiz hatten im Vergleich zu den Kantonen in der Ostschweiz über mehr Optionen verfügt, um die Krise bewältigen zu können. Man zog Lehren aus dem Erlebten. Die Agrarwirtschaft in der Ostschweiz wurde gestärkt: Kartoffelanbau vorangetrieben und Weide- zu Ackerflächen umgewandelt.

Mit dieser Serie blickt die Wiler Zeitung in loser Folge in die Geschichte Flawils zurück und nimmt Bezug auf aktuelle Flawiler Themen. Grundlage ist das Buch «Flawil – eine Zeitreise».