Hohe Schule des Chorgesangs

Zu seinem 175jährigen Bestehen führte der Männerchor Concordia in einem Gottesdienst in der Kirche St. Peter eine doppelchörige Messe von Charles Widor auf. Diese füllte den Raum mit einer beeindruckenden Klangwelt; ein Ergebnis, das nicht von ungefähr kam.

Carola Nadler
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Der Männerchor Concordia führte in der vollbesetzten Kirche St. Peter eine doppelchörige Messe auf. (Bild: Carola Nadler)

Der Männerchor Concordia führte in der vollbesetzten Kirche St. Peter eine doppelchörige Messe auf. (Bild: Carola Nadler)

WIL. «Sogar zwei Geburtstage haben wir heute zu feiern.» Mit diesen Worten begrüsste Stadtpfarrer Roman Giger die Gemeinde am Samstagabend. Nebst dem 175-Jahr-Jubiläum des Männerchores Concordia gebe es liturgisch auch das Fest der Kreuzerhöhung zu feiern. «Oje oje», habe er in der Vorbereitung gedacht. «Passt dieses Thema zu einem Geburtstag?» Doch Gigers Meinung nach passt dieses Fest erst recht, denn das Kreuz sei kein Zeichen des Todes, sondern im Gegenteil: des Lebens.

Originalfassung

Zu ihrem grossen Fest schenkten sich die rund 60 Concordia-Männer mit ihrem Dirigenten Kurt Pius Koller und Organisten Werner Baumgartner die Messe von Charles Marie Widor, die der spätromantische Komponist für zwei Chöre und zwei Orgeln geschrieben hatte. Die Aufführung dieses Werkes ist aufgrund seiner Besetzung so schwierig, dass meist nur eine Bearbeitung für einen Chor und eine Orgel zur Aufführung gelangt, doch davon wollte man in Wil nichts wissen: Koller und seinem Musikerkollegen Markus Leimgruber, der mit dem Chor zu St. Nikolaus und Marie-Louise Eberhard auf der Empore positioniert war, gelang der akustische Spagat zwischen Empore und Altarraum hervorragend.

Wo Doppelchöre in der Renaissance- und Barockmusik noch sehr gebräuchlich waren, verschwanden sie in der romantischen Gebrauchsliteratur fast völlig. Erst die Spätromantik entdeckte dieses Genre wieder und brachte einhergehend mit der Entwicklung hochromantischer Orgeln prachtvolle Werke hervor. Charles Marie Widor ist vor allem durch seine Orgelsinfonien bekannt und war seinerseits eine lebende Legende.

Seine Messe füllte den Raum der Kirche St. Peter mit grossartiger Klanggewalt, doch diese Wirkung war hart erarbeitet. Die Sängerinnen und Sänger durften sich nicht auf ihre akustische Wahrnehmung verlassen, sondern mussten sich stur an das Dirigat ihres jeweiligen Dirigenten halten, was höchste Konzentrations- und Willenskraft sowie hervorragende Probenarbeit der Dirigenten erforderte: Die Verzögerung des Schalls hätte für die Zuhörer unschöne Wirkungen gehabt.

Gewaltloser Widerstand

Kurt Pius Koller und Markus Leimgruber standen in ständigem Blickkontakt, darauf vertrauend, dass ihre Chöre auch ohne eigenen Blickkontakt zu ihren Dirigenten Tempo- und Dynamikgestaltung abnahmen. Eine hohe Schule des Chorgesangs, die der Männerchor Concordia und der Chor zu St. Nikolaus gut meisterten. Letzterer darf übrigens im kommenden Jahr sein 300jähriges Bestehen feiern.

Pfarrer Roman Giger erläuterte in seiner Predigt das Symbol des Kreuzes: Wo es im Urchristentum noch undenkbar war, das Kreuz in der Kunst darzustellen, sei es heute zu einem Modeaccessoire mutiert. «Das Kreuz steht für gewaltlosen Widerstand. Darum dürfen wir es immer zeigen», sagte Giger.