«Hoffen wir, dass Deutschland den Staatsvertrag ablehnt»

REGION. «Mit dem heutigen Fluglärm im Osten kann ich gut leben», sagt Erwin Kugler. «Wir sollten aber dringend in die Zukunft blicken, unserer Region droht Ungemach.

Hans Suter
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Setzen sich für eine lebenswerte Region ein: Regio-Wil-Präsident Christoph Häne, Fluglärmexperte Erwin Kugler, Regio-Wil-Geschäftsführerin Anne Rombach und Franz Bieger, Gemeindepräsident Bachenbülach. (Bild: Hans Suter)

Setzen sich für eine lebenswerte Region ein: Regio-Wil-Präsident Christoph Häne, Fluglärmexperte Erwin Kugler, Regio-Wil-Geschäftsführerin Anne Rombach und Franz Bieger, Gemeindepräsident Bachenbülach. (Bild: Hans Suter)

REGION. «Mit dem heutigen Fluglärm im Osten kann ich gut leben», sagt Erwin Kugler. «Wir sollten aber dringend in die Zukunft blicken, unserer Region droht Ungemach.» Der ehemalige Reallehrer wohnt in Kirchberg und hat sich seit seiner Pensionierung intensiv mit der Fluglärmproblematik auseinandergesetzt. An der Delegiertenversammlung der Regio Wil in Kirchberg warnte er: «Werden der Staatsvertrag 2 zwischen der Schweiz und Deutschland und das Betriebsreglement 2014 unterzeichnet, droht dem Osten zwischen 18 und 23 Uhr alle drei Minuten ein Flugzeug auf dem Landeanflug auf Zürich.»

111 Anflüge in fünf Stunden

70 Prozent der Anflüge erfolgen zurzeit über Süddeutschland. Der Staatsvertrag 2 sieht vor, ab dem Jahr 2020 von 18 bis 6.30 Uhr keine Anflüge über Süddeutschland mehr zuzulassen. Doch wohin mit den Anflügen? «Nach Osten», glaubt Erwin Kugler aufgrund seiner umfassenden Recherchen. Diese Verschiebung brächte 111 Anflüge zwischen 18 und 23 Uhr. Oder anders ausgedrückt: Alle drei Minuten würde ein Flugzeug im Landeanflug auf Zürich über die Region Wil fliegen. Bisher sind es nur vereinzelte. «Meine persönliche Befürchtung ist: Jeder Anflug, der nicht mehr über Deutschland kommt, wird über den Osten erfolgen.»

Keine Chance auf Ratifizierung

Ein Kämpfer für eine ausgewogene Lösung im Fluglärmstreit ist der Bachenbülacher Gemeindepräsident Franz Bieger. Selbstkritisch gestand er ein, dass die Schweiz zu lange auf dem hohen Ross gesessen und 2002 den Staatsvertrag 1 abgelehnt habe. Zehn Jahre später dann wurde der für die Schweiz viel nachteiligere Staatsvertrag 2 ausgehandelt. Fast alles deutet zurzeit aber darauf hin, dass Deutschland diesen Vertrag nicht ratifizieren wird. «Zum Glück», sagt Franz Bieger. «Wir müssen hoffen, dass Deutschland den Staatsvertrag ablehnt.» Seinen Worten zufolge würde der Staatsvertrag in der Schweiz zu einer ungerechtfertigten Neuverteilung des Fluglärms zu Lasten der Ost- und Nordregionen führen. Dass die neue Situation ein neues Betriebskonzept und aus Sicherheitsgründen eine Entflechtung der An- und Abflüge benötigt, ist dem ehemaligen Militär- und Linienpiloten klar. Das dazu vorgeschlagene Ostkonzept lehnt er aber deutlich ab. «Ostkonzept bedeutet gesamter Anfluglärm im Osten und gesamter Startlärm im Norden», sagt Bieger. Auch die angestrebte Verkehrsentflechtung sieht er kritisch. Es könne nicht sein, dass diese Entflechtung zwecks Erhöhung der Flugsicherheit nur morgens und abends, nicht aber tagsüber während des grössten Verkehrsaufkommens angewendet werden soll.

Fair mit Südanflügen

Gibt es eine ausgewogene Lösung in der Fluglärmfrage? «Ja», sagt Bieger. Er fordert eine faire Verteilung unter Einbezug des Südsektors (Stadt Zürich und Zürichberg-Gemeinden) und den Verzicht auf Pistenverlängerungen. «Die reale Entwicklung der Flugbewegungszahlen lässt keinen Ausbaubedarf erkennen», sagt er. Vor dem Swissair-Grounding 2001 zählte der Flughafen Kloten 340 000 Flugbewegungen. Seit elf Jahren liegt die Zahl stabil bei rund 240 000, vor allem dank grösserer Flugzeuge.