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Hören, wählen, abstimmen

REGION. Abstimmen: Sich informieren, Wahlzettel ausfüllen, in die Urne werfen, fertig. Für Sehende eine einfache Übung. Wie stimmen aber blinde- und sehbehinderte Bürgerinnen und Bürger ab?
Melanie Graf
Gerd Bingemann lauscht an einem handlichen Abspielgerät. (Bilder: zVg)

Gerd Bingemann lauscht an einem handlichen Abspielgerät. (Bilder: zVg)

Die Wahlen stehen vor der Türe. Wie informieren sich blinde und sehbehinderte Menschen? Welche Möglichkeiten haben sie zur Informationsbeschaffung, wer bietet diese Informationen für Blinde an und wie füllen sie die Unterlagen aus? Diesen Fragen ist die Wiler Zeitung nachgegangen.

Infos über das Gehör

Der Wiler Gerd Bingemann arbeitet beim Schweizerischen Zentralverein für das Blindenwesen (SZB) in St. Gallen. Er selbst ist von einer starken Sehbehinderung betroffen, und sei «praktisch blind», wie er selbst sagt. Meinungsbildung sei im wichtig, über die Wahlen und Abstimmungen informiere er sich über Radio und Fernsehen, sowie über das Gespräch mit Menschen seines Umfelds, welche ihrerseits wieder andere Medien wie TV und Zeitungen konsumieren. Auch über das Internet erhalten Sehbehinderte Menschen Informationen. Über Swissinfo zum Beispiel. Das Unternehmen der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft bietet auch für Blinde- und Sehbehinderte eine Informationsplattform. Bis nach der letzten eidgenössischen Abstimmung im letzten Mai produzierte Swissinfo eine CD mit Hintergrundinformationen. Auch spezielle Computerprogramme können Texte aus dem Internet über die Computerlautsprecher vorlesen. Brailleschriftdrucker oder Computer mit Brailledisplay erleichtern den Alltag ihrer blinden und sehbehinderten Nutzer.

Die Schweizerische Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte in Zürich, SBS, verarbeitet die kantonalen und eidgenössischen Abstimmungsunterlagen in digitale, akustische Form. Die Wahl- und Abstimmungsunterlagen sind auf CD, als MP3, und als Daisy-Hörbuch (Digital Accessible Information System, zu Deutsch Digitales System für den Zugang zu Informationen) erhältlich. Letzteres habe den Vorteil, dass der Benutzer des Daisy-Abspielgeräts nicht nur von Kapitel zu Kapitel springen, sondern auf den verschiedenen Hierarchiestufen eines Textes selektiv, also abschnitt- oder satzweise lesen könne, erklärt Bingemann. Daisy kann auch auf dem Computer genutzt werden und bietet die Möglichkeit des Setzens von Lesezeichen.

Die Kantone und der Bund lassen der Bibliothek die Abstimmungstexte zur Verarbeitung zukommen. Finden kommunale Wahlen statt, haben Blinde und sehbehinderte Menschen das Nachsehen, weil es keine sehbehindertengerechten Abstimmungsunterlagen für sie gibt.

Wil machts vor

Gemäss der SBS ist Wil die einzige Stadt, respektive Gemeinde im ganzen Kanton, die seit wenigen Jahren Abstimmungsbroschüren auf CD für kommunale Wahlen anbietet. Die Daisy-Version der Abstimmungsbroschüre wird von der Schweizerischen Bibliothek für Blinde und Sehbehinderte SBS in Zusammenarbeit mit der Stadt Wil produziert. Die Kosten für die Aufbereitung der Abstimmungsvorlage als Daisy-Format trägt die Stadt Wil.

Für die Parlamentswahlen werden gesamtschweizerisch keine blindengerechten Abstimmungsunterlagen hergestellt. Noch nicht. In ein, zwei Jahren überprüft die SBS ein neues Daisy-Format und entscheidet dann, ob solche komplexen Abstimmungsunterlagen vertont werden sollen. Swissinfo hingegen strich aus Kostengründen die Informations-CD, welche von jeweils rund 6000 Blinden- und Sehbehinderten Bürgern bezogen wurde.

Zettel von Hand ausfüllen

Digitalisierte Abstimmungsunterlagen haben den Blinden- und Sehbehinderten das Leben ein Stück erleichtert. Zum Ausfüllen des Wahlzettels brauchen sie aber noch immer eine sehende Person, die ihnen hilft. Denn der Wahlzettel muss von Hand ausgefüllt werden. Das setzt für die blinden Menschen grosses Vertrauen voraus. «Zum Glück habe ich eine sehende Frau», so Bingemann, ihr könne er vertrauen. Alleinstehende Personen seien da sehr gefordert. Nicht nur wegen des Ausfüllens des Wahlzettels. Rechnungen, welche einbezahlt, und die tägliche Post, die aussortiert werden muss, oder vielleicht auch für die Wohnung und die Wäsche, die gereinigt werden soll, müsse fast zwangsweise eine sehende Person erledigen. «Wir Blinde sind dazu verknurrt, unser Leben, mehr als sehende Menschen zu offenbaren», so Bingemann. «Aber je weniger Vertrauen wir haben, desto weniger Freiheiten haben wir.»

Ein «DAISY»-Gerät als Tischmodell.

Ein «DAISY»-Gerät als Tischmodell.

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