Höchster St. Galler
In der Olma statt in der Pfalz: Bruno Cozzio blickt auf ein bewegtes Jahr als Präsident des Kantonsrats zurück

Heute endet die Amtszeit von Bruno Cozzio als Präsident des Kantonsrats. Es war ein Jahr, das von der Coronakrise überschattet wurde. Trotzdem fällt sein Fazit positiv aus.

Interview: Philipp Stutz
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Bruno Cozzio: «Während der Debatte um die Augarten-Kreuzung war es wirklich schwierig für mich, still zu bleiben.»

Bruno Cozzio: «Während der Debatte um die Augarten-Kreuzung war es wirklich schwierig für mich, still zu bleiben.»

Bild: Ralph Ribi

Bruno Cozzio (CVP) gilt als lösungsorientierter, pragmatischer Politiker, der nicht gerne im Rampenlicht steht. Er ist kein Mann der grossen Worte. Seine Wahl zum Kantonsratspräsidenten stellte den bisherigen Höhepunkt seiner politischen Karriere dar. Der Revierförster ist der erste und einzige Uzwiler, der dieses Amt je innegehabt hat. Der in Henau wohnhafte Cozzio gilt als Vollblutpolitiker. Im Gespräch wägt er seine Worte sorgfältig ab. Das Fazit seiner einjährigen Funktion als «höchster St.Galler» fällt positiv aus.

Ihre Zeit als Präsident des Kantonsrats geht zu Ende. Welche Gefühle sind damit verbunden, verspüren Sie Erleichterung?

Bruno Cozzio: Erleichterung ist der falsche Ausdruck. Obwohl diese Aufgabe einigen zeitlichen Aufwand verlangt, stand ich nicht «unter Strom». Ich gebe mein Amt mit einem guten Gefühl weiter. Der Kantonsrat konnte trotz nicht immer leichten Umständen seinen Aufgaben nachkommen. Die im April letzten Jahres abgesagte Session konnten wir aufholen: Die Arbeit wurde gemacht.

Tagungsort war nicht der Kantonsratssaal, sondern das Olma-Areal. Brachte diese Verschiebung zusätzlichen Aufwand mit sich?

Ich bin wohl der einzige Kantonsratspräsident, der nie im Ratssaal in der Pfalz durch die Session geführt hat. Der Mehraufwand wurde namentlich in der Vorbereitung durch die Parlamentsdienste und Staatskanzlei getätigt. Während der Sessionen war die Leitung im Prinzip gleich wie im Kantonsratssaal.

Das Amt des «höchsten St.Gallers» bringt eine Vielzahl an Repräsentationsverpflichtungen mit sich. Diese haben sich wegen der Coronakrise im Rahmen gehalten.

Es waren tatsächlich viel weniger Anlässe als üblich. Den Kanton vertreten zu dürfen, egal ob es die Olma, ein Schwingfest oder ein kleiner Anlass ist, bedeutet mir eine Ehre. Manche Begegnungen konnten nicht stattfinden. Das ist schade. Die wenigen Begegnungen habe ich dennoch genossen.

Welches war die schönste Erfahrung im Präsidialjahr, und was würden sie als negativ betrachten?

Für mich war die Zusammenarbeit im Präsidium, mit der Regierung, mit allen Menschen aus der Verwaltung und von ausserhalb eine positive Erfahrung. Unser Kanton funktioniert und wird von vielen tollen Menschen geprägt. Negative Erlebnisse kann ich ausser einigen «bösen» E-Mails keine nennen, und Letztere waren marginal.

Welche Voraussetzungen sind für dieses Amt erforderlich?

Lernbereitschaft, Zuhören, Einsatz, der Wille zur Zusammenarbeit und die Bereitschaft, vor Menschen zu sprechen und auf alle zuzugehen, sind vielleicht die wichtigsten Voraussetzungen. Und nicht auf die Uhr schauen, wenn etwas erledigt werden muss.

Wie gross war der Zeitaufwand für die Vorbereitungen der Sessionen, wenn man es mit einem Arbeitspensum vergleicht?

Ohne die Sitzungen habe ich für die Sessionsvorbereitung jeweils etwa zwei Tage gebraucht, also hält sich das im Rahmen. Immer wieder ist Administratives zu erledigen, und die Termine sind zahlreich. In einem «normalen» Jahr ist mit einem Pensum von rund 30 Prozent zu rechnen.

Die Spitaldebatte zählte zu den umstrittensten Geschäften. Was stand daneben im Fokus?

Die Spitaldebatte war in der Tat prägend. Dann sicher die vielen Geschäfte im Zusammenhang zur Coronakrise. Und selbstverständlich die ordentlichen Geschäfte zu Budget und Rechnung. Hinzu kommen emotionale Vorlagen wie das Jagdgesetz oder wenn es um den Wasserbau geht. Zu erwähnen sind die vielen Vorstösse aus dem Rat. Deren Qualität ist unterschiedlich. Manche haben ein klares Ziel und Verbesserungen zum Inhalt, andere sind eher plakativ. Ich bin Förster, nicht Jurist. Trotzdem habe ich in dieser Beziehung einiges dazu gelernt. Und glücklicherweise verlief die Ratsführung fehlerfrei.

Der Präsident beteiligt sich nicht an den Debatten, er fällt höchstens einen Stichentscheid. Hat Sie dies nicht geschmerzt, etwa bei der Vorlage zur Niederuzwiler Augarten-Kreuzung, die von einer unheiligen Allianz zwischen SVP und Linksgrün bachab geschickt worden ist?

Als Präsident des Kantonsrats durfte Bruno Cozzio sich nicht an den Debatten beteiligen.

Als Präsident des Kantonsrats durfte Bruno Cozzio sich nicht an den Debatten beteiligen.

Bild: Benjamin Manser

Während der Debatte um die Augarten-Kreuzung war es schwierig für mich, still zu bleiben. Aber es ist Usus, dass der Präsident neutral durch die Geschäfte führt. Schade, gab es keinen Stichentscheid. Für mich wäre die Lösung klar gewesen: Es würde endlich vorwärtsgehen am Augarten. Jetzt werde ich mich umso mehr für eine vernünftige Lösung einsetzen, wie sie die Gemeinde Uzwil sinnvollerweise vorschlägt.

Konnten Sie als Kantonsratspräsident die Region Wil und deren Anliegen im Kanton bekannter machen?

Wegen mangelnder Anlässe ist mir dies nicht so gelungen, wie ich mir vorgestellt habe. In diesem Sinne ist das vielleicht das Negative in meiner Amtszeit.

Die geplante Wahlfeier in Ihrer Wohngemeinde ist ins Wasser gefallen und soll lediglich in kleinem Rahmen durchgeführt werden. Bedauern Sie dies?

Eine solche Feier gleicht einem Start ins Amtsjahr, und dieser fehlte. Ich freue mich jetzt umso mehr, zum Abschluss doch noch einen Anlass mit und für die Uzwiler Bevölkerung erleben zu dürfen.

Das Ende Ihrer Amtszeit bedeutet auch eine zeitliche Entlastung. Wofür werden Sie die frei gewordene Zeit nutzen?

Als Präsident ist man in keiner Kommission tätig, auch Vorstösse sind tabu. Nun kann ich mich wieder der eigentlichen Ratsarbeit widmen. Und ich habe mehr Zeit für meine Frau und mich, um etwas gemeinsam zu unternehmen.

Bei den Kantonsratswahlen gingen Sie im Wahlkreis Wil als «Panaschierkönig» hervor. Nun standen Sie als «höchster St.Galler» auf dem Höhepunkt Ihrer Politkarriere. Haben Sie noch weitere Ambitionen?

Das Wahlresultat mit der höchsten Stimmenzahl im ganzen Kanton war auch ein Zeichen, dass man im Sinne der Bürger arbeitet. Gerne setze ich mich auch weiterhin für unseren Wahlkreis und unseren Kanton ein im Versprechen, alles zu versuchen. Leider gelingt es nicht immer wie gewünscht.

Neue Präsidentin soll Claudia Martin (SVP) werden. Welche Ratschläge geben Sie Ihrer designierten Nachfolgerin mit auf den Weg?

Die Gossauer Stadt- und Kantonsrätin Claudia Martin tritt die Nachfolge von Bruno Cozzio an.

Die Gossauer Stadt- und Kantonsrätin Claudia Martin tritt die Nachfolge von Bruno Cozzio an.

Bild: Benjamin Manser

Claudia Martin habe ich als kompetente Person kennen gelernt. Ich bin überzeugt, dass sie das Amt gut ausüben wird. Sie braucht meinen Rat nicht. Und wenn doch, holt sie ihn sich dann selbst.