Hochwasser: 50 Millionen Franken an Schadenpotenzial beseitigen

Der Entwurf des Hochwasserschutzprojekts Region Wil geht in die Vernehmlassung. Ab 2021 soll gebaut werden.

Hans Suter
Drucken
Teilen
Nach dem heftigen Unwetter am 14. Juni 2015 stehen Autofahrer auf der Autobahn A1 bei Wil im Schlamm und Wasser.  (Keystone/Ennio Leanza)

Nach dem heftigen Unwetter am 14. Juni 2015 stehen Autofahrer auf der Autobahn A1 bei Wil im Schlamm und Wasser.  (Keystone/Ennio Leanza)

Die von Hochwasser ausgehenden Sicherheitsprobleme in der Region Wil sind seit Jahren bekannt. Sie zu lösen ist anforderungsreich, sowohl technisch als auch politisch. An erster Stelle steht die Beantwortung der Frage nach der möglichst optimalen technischen Lösung.

Darauf folgt die vertiefte Analyse der praktischen und finanziellen Machbarkeit sowie der Einbezug aller betroffenen Landwirte und Landbesitzer. Sodann muss unter den Beitragspflichtigen eine Einigung auf einen Kostenteiler für das auf rund 27 Millionen Franken geschätzte Projekt gefunden werden. Dazu zählen der Bund (ca. 27,4%), die Kantone St.Gallen und Thurgau (ca. 23,3%), die Gemeinden Rickenbach (ca. 9,7%) und Wilen (ca. 13,9%), die Stadt Wil (ca. 13,2%), das Bundesamt für Strassen Astra (ca. 11,7%) und weitere (ca. 0,8%). Aus der Gesamtheit dieser Vorarbeiten resultiert der Entwurf des Auflageprojekts.

Vernehmlassung zum Entwurf ist eröffnet

An diesem Punkt ist das Hochwasserschutzprojekt Region Wil angelangt. Das Auflagedossier liegt nun zur Vernehmlassung bei den Gemeinden, Kantonen und beim Bund zur Abklärung der grundsätzlichen Bewilligungsfähigkeit. Parallel dazu werden die Grundeigentümer, Interessensvertreter und alle weiteren Interessierten an einer öffentlichen Informationsveranstaltung im Detail über das Vorhaben orientiert. Dieser Anlass findet am Donnerstag, 14. November, um 20 Uhr im Kirchen- und Gemeindezentrum in Wilen statt. Die Thurgauer Regierungsrätin Carmen Haag wird mit dem Projektteam den aktuellen Projektstand und die Ausgestaltung der Bachläufe vorstellen und Fragen beantworten.

Vertiefte Abklärungen zur Bodenbeschaffenheit

In den vergangenen Monaten ist viel geschehen in der Projektarbeit. Im Frühling und Sommer wurden geologische und bodenkundliche Abklärungen durchgeführt, wie die Gemeinde Wilen gestern in einer Medienmitteilung darlegte. So seien die Bodenbeschaffenheit ermittelt und die weitgehende Wiederverwendung von Bodenmaterial bestätigt worden. Aufgrund dieser Untersuchungen habe nun die Baumethode zur Erstellung der vorgesehenen Huebbach- und Meienmättelibach-Stollen bestimmt werden können. Die Projektierungsarbeiten für die Gerinne von Alp-, Krebs-, Hueb- und den Meienmättelibach seien auf dieser Basis weitergeführt worden. Mittlerweile liege auch die Bauablaufplanung vor.

Gute Zusammenarbeit wichtig

«Wichtig sind dem Projektteam die Zusammenarbeit mit den betroffenen Grundeigentümern, Landwirten und Naturverbänden», legt der Wilener Gemeindepräsident Kurt Enderli dar. «In mehreren Begleitgruppensitzungen wurden die Beteiligten über den Projektfortschritt informiert und deren Rückmeldungen sind in die Planung eingeflossen.» Einzelmassnahmen hätten so in Zusammenarbeit mit den Betroffenen optimiert werden können.

Zeitplan für die Umsetzung

Im Frühling/Sommer 2020 ist eine Orientierung über die Resultate der Vernehmlassung vorgesehen. Darauf folgen Projektvertiefungen mit weiteren lokalen Optimierungen sowie die Erarbeitung der Erkenntnisse aus der Vernehmlassung. Im Herbst/Winter 2020 schliesslich erfolgt die öffentliche Auflage des Hochwasserschutzprojekt Region Wil mit Rechtsmitteln. Je nach Verlauf sind danach Einspracheverhandlungen nötig. Nach Erreichen der Rechtskraft erfolgt ab 2021 bis 2023 die etappenweise Umsetzung des Hochwasserschutzprojekts.

Ursachen weitgehend selbst verschuldet

Dass Gewässer bei Starkregen oder lang anhaltenden Regenfällen über die Ufer treten, ist an sich ein völlig natürliches Ereignis und fast nur für den Menschen ein Problem. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das aber akzentuiert. Wirtschaftswachstum, Zunahme der Bevölkerung und dadurch immer mehr Bedarf an Lebensraum haben dazu geführt, dass der Hochwasserschutz in der Region nicht mehr den heutigen Bedürfnissen entspricht. Durch grossflächige Überbauungen, Einengung der Gewässer und den Verlust natürlicher Überflutungsflächen besteht ein Schutzdefizit mit einem Schadenpotenzial von 20 bis 50 Millionen Franken. Dies bei einem Hochwasser, das statistisch gesehen alle 100 Jahre eintrifft.

Bäche im Fokus des Hochwasserschutzprojekts

Alpbach, Krebsbach, Huebbach und Meienmättelibach: Um diese Fliessgewässer geht es beim Hochwasserschutz Region Wil. Die Bäche wirken oft unscheinbar. Aber die Gefahrenkarten zeigen grossflächige Überflutungen und Schäden in zweistelliger Millionenhöhe, die bereits bei einem 30-jährigen Hochwasser eintreten. Wie heikel die Situation werden kann, zeigte sich am 16. Juli 2018 und am 2.Juli 2019. Nach starken Niederschlägen nördlich der Nationalstrasse A1 konnte der Krebsbach die Wassermengen nicht mehr ableiten, die Autobahn wurde mit Schlamm und Geröll überspült und musste gesperrt werden. Heftiger Regen südlich der Autobahn A1 hätte dagegen grosse Schäden in Rickenbach und Wilen verursacht – wie bereits 1896, 1972 und 2005.