Hoch zu Tuch in Degersheim: Lucia Brunner begeistert am Vertikaltuch

An der Show des Degersheimer Turnvereins beeindruckten die Vertikaltuch-Akrobatinnen. Einstudiert hatte diese Nummer die 18-jährige Lucia Brunner – aus besonderem Anlass.

Tobias Söldi
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Kraft, Körperspannung und natürlich Schwindelfreiheit sind Voraussetzungen, die für das Turnen am Vertikaltuch unabdingbar sind. (Bild: Victor Schönenberger)

Kraft, Körperspannung und natürlich Schwindelfreiheit sind Voraussetzungen, die für das Turnen am Vertikaltuch unabdingbar sind. (Bild: Victor Schönenberger)

Das Publikum an der Turnshow in Degersheim starrte gebannt in die Höhe. Was es in der Mehrzweckhalle Steinegg sah, begeisterte. Entsprechend kräftig war der Applaus. Gesehen hatten sie die vier Vertikaltuch-Turnerinnen, die eine Synchron-Show an je zwei Tuchsträngen zeigten. Einstudiert wurde die Nummer von Lucia Brunner, 18-jährig, in Degersheim wohnhaft.

Lucia Brunner, Vertikaltuch-Akrobatin

Lucia Brunner, Vertikaltuch-Akrobatin

Vor zwei Jahren entdeckte Lucia Brunner, die die Kantonsschule in Wattwil im vierten Jahr besucht, dank einer Kollegin die Faszination der Vertikaltuch-Akrobatik. Sie schloss sich der Gruppe des Turnvereins Gommiswald an, besuchte dort das wöchentliche Training. Die anspruchsvolle, kraftintensive Akrobatik in schwindelnder Höhe faszinierte sie ebenso wie die Tatsache, dass bei dieser Choreografie unendlich viele Kombinationen möglich sind. «Es ist nicht wie beim Geräteturnen, wo die Abfolge genau festgelegt ist», erklärt sie.

Vier intensive Monate in der Trainingshalle

Ihre Freude an der Vertikaltuch-Akrobatik brachte sie auf die Idee, diese zum Thema ihrer Maturaarbeit zu machen. «Wie gestalte ich eine Choreografie am Vertikaltuch mit Laien» heisst nun der Titel ihrer Arbeit, mit der sie im Februar begonnen hatte. In der Ringriege des Turnvereins Degersheim konnte sie interessierte junge Damen für ihr Projekt begeistern. Ira Behrendt, Nina Frick, Rahel Kehl, Saskia Bucher, Rebecca Giger und Moesha Hagmann trafen sich bis Ende Juni wöchentlich für Eineinhalbstunden in der Degersheimer Turnhalle, um an Lucia Brunners Choreografie zu arbeiten. Bereits in der ersten Stunde ging sie mit den sechs Turnerinnen ans Tuch. Das Trainieren von Basic-Figuren und das Klettern standen zu Beginn auf dem Programm. Nach eineinhalb Monaten wurden erste Teile der Choreografie ausprobiert. Später kamen weitere Kombinationen hinzu, andere wurden weggelassen, Anpassungen und Änderungen vorgenommen, neue Idee – auch von den Turnerinnen – eingebunden. Die grösste Herausforderung: Die Choreografie, die aus drei Paaren bestand, sollte letztlich synchron präsentiert werden. «Wichtig war ebenso das Schlussbild», erklärt Lucia Brunner, «es sollte eine Abrundung des Gezeigten sein.»
Ende Juni war es soweit: Die Choreografie wurde in der Mehrzweckanlage Steinegg uraufgeführt. Das Publikum war begeistert, ebenso jene Person, die Lucia Brunners Arbeit benotete. Begeistert war auch Lucia selbst: «Wow, cool, habe ich zu mir gesagt.» Sie lobt den Willen und das Können der jungen Frauen: «Das Einstudieren in dieser kurzen Zeit wäre nicht möglich gewesen, wenn die Turnerinnen nicht die nötigen Voraussetzungen wie Kraft, Körperspannung, Erfahrungen im Turnen zu Musik sowie mit Aufführungen mitgebracht hätten.»
Passende Musik zu finden war eine Herausforderung

Während Lucia Brunner die Arbeit am Tuch in der Halle nicht schwerfiel, war für sie die Suche nach der passenden Musik eine Knacknuss. Musik, die zu den akrobatischen Übungen passte, Musik, die der gesamten Choreografie die gewünschte Dramatik gab. «Wie wichtig die Musik ist, hat sich gezeigt, als die Show ohne diese geturnt wurde», erklärt Lucia Brunner, «eine synchrone Präsentation war fast unmöglich.» Eine weitere Herausforderung war für die 18-Jährige das Verfassen der schriftlichen Arbeit. Diese hatte sie im Oktober beendet, abgegeben und dafür eine Note erhalten, mit der sie zufrieden ist.

Im November folgte letztlich der Auftritt an der Show des Turnvereins Degersheim. Wie es nun weitergeht, darüber hat sich Lucia Brunner keine Gedanken gemacht. Aufführungen stehen keine mehr an. Und ihre berufliche Zukunft? Sie lacht, zuckt mit den Schulten. Dann sagt sie: «Ich könnte mir vorstellen, dass meine berufliche Zukunft in die sportliche Richtung geht.»

Akrobatik am Tuch

Vertikaltuch-Akrobatik (Aerial Silk) ist eine Form der Luftakrobatik. Es ist eine Art von Darbietung, bei der ein oder mehrere Artisten Akrobatik an Tüchern vorführen, die in einigen Metern Höhe aufgehängt sind und senkrecht herabhängen. Die Künstler verwenden während der Aufführung keine Sicherheitsgurte oder -netze, sondern vertrauen allein auf ihre erworbenen Fähigkeiten. Die Tücher werden zum Wickeln, Einhängen, Schwingen, Drehen und Auffangen in und aus den verschiedenen Positionen in der Luft verwendet. Während einer Performance bewegen sich die Darsteller scheinbar fliegend, während sie von einer akrobatischen Pose zur nächsten wandern. (pd)