«Hier trennt sich die Spreu vom Weizen»

Jonschwil. Gut eine Woche nach dem Sonisphere-Festival in Jonschwil scheinen sich die Gemüter langsam etwas beruhigt zu haben. Die Zeitungsleser mussten uns, die sich wagemutig in die Schlammschlacht stürzten, für lebensmüde oder doch mindestens sehr verrückt gehalten haben.

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Jonschwil. Gut eine Woche nach dem Sonisphere-Festival in Jonschwil scheinen sich die Gemüter langsam etwas beruhigt zu haben. Die Zeitungsleser mussten uns, die sich wagemutig in die Schlammschlacht stürzten, für lebensmüde oder doch mindestens sehr verrückt gehalten haben. «Metal-Festival endet im Desaster» war der Titel einer der Berichte, die über dieses aussergewöhnliche Wochenende in Jonschwil geschrieben wurden.

War ich wirklich am gleichen Ort? Ich hatte doch gerade eines der tollsten Festivals meines Lebens genossen mit einem Line-Up, das jeden Metal-Fan in Verzückung versetzte. Und so kann ich die Aufregung, zumindest aus Besuchersicht, überhaupt nicht verstehen.

Ferien von der Zivilisation

Der Schlamm? Ein altbekannter Kumpel, mit dem man viele unvergessliche Festival-Erlebnisse verbindet – und der einfach dazugehört.

Ja, ich muss zugeben, ich war vom Ausmass auch etwas überrascht, als ich am Donnerstagabend kurz nach elf Uhr abends das Gelände erreichte und schon vor den Eingangstoren knöcheltief im Schlamm stand. Aber ein Festival ist nun mal kein Wohlfühlwochenende und ein Kollege von mir brachte es kurz nach unserer Ankunft auf den Punkt: «An solchen Abenden trennt sich die Spreu vom Weizen.» Genau so ist es. Festivals sind nämlich nicht für jeden etwas.

Sie sind dreckig, wahnsinnig unkomfortabel und mit zahlreichen Leuten bevölkert, die gerne mal ein Schlückchen trinken. Das muss für Leute ein Graus sein, die sich gewohnt sind auf sauberen, numerierten Sitzen Platz zu nehmen, wenn sie all Schaltjahr mal wieder ein Konzert besuchen. Wer sich aber mit den Gegebenheiten arrangiert, der erlebt das befreiende Gefühl, sich um (fast) nichts scheren zu müssen.

Sitzen meine Haare? Kenne ich die Leute mit denen ich gerade Arm in Arm meine Nackenmuskulatur auf Vordermann bringe? Habe ich gerade Whiskey über mein Motörhead-Shirt geschüttet? Alles egal. Festivals sind Ferien von der Zivilisation. Aber geniessen kann sie nur, wer mit dem Körper auch das Herz mitnimmt.

Der ganz normale Wahnsinn

Und diese Metall pumpenden Herzen hüpften zu Tausenden, als am Freitagmittag endlich die Gitarren dröhnten und eine Metal-Legende nach der anderen die Bühnenbretter betrat.

Das schien sogar Petrus zu gefallen, denn der stoppte während dem Auftritt von Alice In Chains, oh wunder, den Regen und bescherte uns Metalheads aus aller Welt einen nicht für möglich gehaltenen regenfreien Konzertnachmittag. Es ging Schlag auf Schlag. Kaum hatte eine Band ihr Konzert beendet, war schon die nächste auf der Bühne. Bis tief in die Nacht hinein. Und wer genug von der Live-Musik hatte, vergnügte sich im Festzelt beim Mitgrölen unzähliger Rockklassiker.

«Ich trinke auf gute Freunde, auf alte Helden, auf den ganz normalen Wahnsinn», klang es aus etlichen mittlerweile schwer angeschlagenen Kehlen und zumindest für kurze Zeit schienen die Verrückten um mich herum wirklich meine besten Freunde zu sein.

Zurück in der Normalität, freue ich mich dann doch auf einige Annehmlichkeiten wie eine warme Dusche, ein weiches, trockenes Bett und festen Boden unter den Füssen. Aber den verliere ich nächstes Jahr gerne noch einmal bei einer allfälligen Neuauflage.

Ich wäre zumindest dabei und damit sicher nicht der Einzige. Manuel Gemperli

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